Das Sexualtier (Ein makabres Märchen)

von Tilly Boesche-Zacharow
Aus der Bibliothek

Als Re-in-zach, der Steinzeitmensch, vor seine Höhle trat, in der sich seine Weiber tummelten, schwang er unternehmungslustig die Keule. Er wollte auf die Jagd gehen. Nicht nur, um seinen Frauen einen besonderen Festtagsbraten zu bringen, sondern auch, um sich selber fit zu halten für all die Anforderungen, denen er gewachsen sein sollte. Es gab eben viel zu viel Frauen, die sich nach ihm verzehrten. Er hoffte, es würde vielleicht ein kleiner Dinosaurier in seine Nähe kommen, ein ganz junger, den er erlegen konnte. Das Fleisch dieses Fossils enthielt eine ganz besondere Würze, die dann richtig zum Vorschein kam, wenn es eine Sonnendrehung lang mit den nackten Füßen gewalkt wurde. Schon jetzt lief Re-in-zach das Wasser im Munde zusammen. Er war ein ausgesprochener Gourmand, in jeder Beziehung.

Re-in-zach ging durch das Schachtelhalmfeld bis hinüber zu den Urwäldern, als ihn ein fremder Laut innehalten ließ. Die Hand zum Schutz gegen das grelle Licht über die Augen haltend, sah er mit einem Mal ein ihm völlig unbekanntes Wesen herankommen. In der Annahme, es mit einem ganz besonderen Wildbret zu tun zu haben, verbarg er sich hinter einer Palme. So etwas, wie das, was sich ihm näherte, hatte er nie zuvor gesehen, nicht einmal geahnt, dass es dergleichen geben könnte. Er ahnte nicht, daß fern seines Landes, das noch primitiv war und in den Uranfängen steckte, ein anderes Reich längst in Kultur und hoher Sitte erblüht war. So konnte er auch nicht wissen, dass sich ihm ein ihm selbst ähnliches Geschöpf näherte, welches nur längst die niedrigen Begriffsstufen des Animalismus überwunden hatte ... Es war die Herrscherin jenes anderen Reiches, die auf der Suche nach einem Gemahl war, der ihr einen Sohn zeugen würde. Sie war jung und modern und hatte genug von der Herrschaft der Frauen. Sie wünschte das Matriarchat abgelöst zu sehen durch das Extrem des Männlichen. Sie suchte einen Mann, der ihr als Vater des zukünftigen Herrschers zusagte.

Als sie Re-in-zach neben seiner Palme erblickte, hoben sich ihre Brauen. Der Jüngling war wohlgestaltet, und die Narben an seinem Körper bewiesen, dass er wohl mehrmals mutig dem Tod von der Schaufel gesprungen war. „Ich bin Li-Be," sagte sie und zügelte ihr Pferd, neben Re-in-zach stehenbleibend und auf ihn herabsehend. „Ich möchte, dass du mit mir kommst und mein Gemahl wirst, denn du gefällst mir wie kein Zweiter. Meine Dienerinnen werden dich ölen und salben, bis du mir einen Sohn geschenkt hast, der nach mir König in meinem Land sein soll. Danach allerdings" — sagte sie fast bedauernd, „danach allerdings wirst du sterben müssen. Sowie ich den Erfolg deiner unablässigen Mühe gespürt habe, wenn ich weiß, dass Ich einen Sohn habe, ist es soweit. Aber weil du mein Gemahl bist, werde ich dich mit eigener Hand nach dem Gesetz unseres Landes töten und dich nicht meinen Dienerinnen überlassen. Dein Sohn aber wird der erste Mann sein, der ein neues Zeitalter einführt. Sei stolz, dass ich dich gewählt habe, und nun komm!" Sie streckte eine Hand nach ihm aus und erwartete, dass er sich zu ihr aufs Pferd schwingen würde. Doch der Jüngling hatte kein Wort von ihrer Sprache verstanden. Er sah nur, dass sie ähnlich seinen eigenen Frauen gestaltet war, wenngleich sie nicht nackt herumlief, sondern mit einem schillernden Panzer bekleidet war. Und da er sie auf einem Pferd sitzen sah, das er auch nicht kannte, meinte er, diese beiden seien ein Geschöpf mit zwei Köpfen und sechs Beinen, wahrscheinlich eine ganz neue Art von Reptil, der er da zum ersten Mal begegnete. Die Urwelttiere nahmen es eben nicht so genau, ob sie zur Begattung die gleiche Art fanden oder eine andere.

In den Schachtelhalmwäldern geschahen wohl die unwahrscheinlichsten Dinge. Es schien demnach zwei Monstren gelungen zu sein, ein dem Steinzeitmenschen ähnliches Unikum zu erzeugen. Oder ob ein Fossilium einem Steinzeitweib Gewalt angetan und dadurch ein umso gefährlicheres Wesen geschaffen hatte, vor dem man auf der Hut sein mußte? Re-in-zach fühlte sich hin- und hergerissen. Ein sonderbares Brennen stieg in ihm auf. Es überrieselte ihn von Kopf bis Fuß, war ähnlich und doch wieder ganz anders als das Gefühl, das er hatte, wenn er sich inmitten seiner Frauen befand und wußte, daß sich gleich eine­ - egal welche - unter ihm wälzen würde. Dieses eigenartig-neue Empfinden war so, daß er zutiefst erschrak.

„Alle guten Geister des Windes!" stöhnte er in sich hinein. „Bin ich nicht die höchste Stufe der irdischen Entwicklung? Wie kann ich mich von etwas mir Unbekanntem so einschüchtern lassen? Von Vater und Großvater habe ich gelernt, wie man neue kleine Steinzeitmenschen macht. Aber von dem, was ich da jetzt fühle, hat mir nie jemand etwas gesagt. Darum müssen es böse Dinge sein, übernatürliche Dinge, Hexerei, was mit mir geschieht."

Li-Be lächelte ihn an. Er gefiel ihr immer mehr mit seinen grünlichen Augen, die jetzt schillerten. „Komm zu mir!" lockte sie mit ihrer süßen Stimme. Wir werden eine neue Generation erschaffen, ein neues Geschlecht entstehen lassen. Noch die Nachwelt wird von Li-Be reden und dem Mann, der sich ihr ergab. Und — wenn du mir keinen Sohn schenkst, nun, ich glaube, auch das kann ich dir verzeihen. Und sieh, dann kann ich dich behalten. Solange ich kein Kind habe, darfst du leben. Wir könnten uns etwas einfallen lassen, was uns hilft, noch lange kein Kind zu haben, damit wir zusammenbleiben können. Denn — ich könnte dir sogar dieses Opfer bringen, allein mit dir zu bleiben, ganz allein — !"

Sie neigte sich und legte ihm die Hand auf die nackte Schulter, ihm tief in die Augen blickend. Der Jüngling spürte, daß seine Männlichkeit hochsprang. Er wußte, gleich würde er die Arme hochreißen und sie um sie schlingen. Aber gerade diese Tatsache entsetzte ihn noch mehr. „Ich bin ein Mensch!" dachte er, „und sie ist ein Ungeheuer. Sie versteht es, Dinge in mir aufzuwecken, die mir bis dahin unbekannt waren. Wer weiß, was sie noch alles mit mir vorhat, was sie aus mir machen wird. Es könnte sein, dass sie mich verhext und ich ihr ganz ausgeliefert bin. Aber das will ich nicht. Das darf nicht sein. Ich werde einfach die Augen zumachen und denken, ich hätte einen jungen Saurier vor mir, einen ganz gewöhnlichen, jungen Saurier —" Also senkte er die Lider, hob die Keule und schlug dem vor ihm stehenden Geschöpf mit aller Wucht den Schädel unter langem Blondhaar ein. Erst als das Blut strömte, und als das fremde Reptil sich nicht mehr rührte, war es so, wie auch sonst, wenn er etwas totgeschlagen hatte. Zuerst kam das Unbehagen, dann das Gefühl der Notwendigkeit, endlich die Genugtuung. „Was bin ich doch für ein tüchtiger Jäger!" sagte er zu sich selber und enthäutete das Wesen mit der zarten Muskulatur einer Gazelle, die es gewohnt ist, große Sprünge zu machen und meist einem hinterhältigen Anschlag zum Opfer fällt. „Das wird eine gute Mahlzeit abgeben!" sprach er zu sich. „Meine Frauen werden sich an diesem Leckerbissen delektieren, und ich ebenso, damit ich neue Kraft bekomme, damit ich neue kleine Steinzeitkinder mache. Unsere Gegenwart bedarf eines robusten Menschenschlages, so wie ich ihn verkörpere. Das werden jedenfalls später die Anthropologen erklären, wenn sie unsere Knochen finden. Man muß sich schließlich der Geschichte würdig erweisen und ihr einen kleinen Dienst leisten."

So vergaß er ganz, was für eine seltene Beute er vor sich hatte. Die Alltagsbeschäftigung nahm ihn in Anspruch, ebenso wie der Gedanke an das bevorstehende Schmausen und an die danachfolgende Betätigung. „Was ist es, das du uns heute mitgebracht hast, großer Meister?" fragten seine ihm entgegenlaufenden Schönen, angetan mit Lendenschurz und üppig ausgestopften Brusttüchern.

„Irgendetwas ganz Fremdes," sagte er. „Es scheint eine Kreuzung aus Luft und Feuer zu sein, aus oben und unten, aus Mensch und Tier. Es wird wohl noch gar keinen Namen besitzen." „Li-Be!" tönte da durch den Atem des Windes eine leise Stimme. Es war nur der Widerhall ihrer Worte in seinen Ohren und hatte nichts zu bedeuten. Oder doch? Die Erinnerung ließ eine heiße Glut in ihm aufschießen. Seine Frauen bemerkten es und zeigten kichernd mit dem Finger auf ihn. Er atmete tief auf, er wollte sich befreien von etwas, das unsichtbar war und doch so deutlich zu spüren. Er schrie: „Wir geben ihm einfach einen Namen. Was ich euch mitgebracht habe, ist ein — Sexualtier!"

Aber wie er das sagte und obwohl es abfällig klingen sollte, nahm er plötzlich wie in einer Vision den Anblick von etwas Fernem in sich auf. Er sah ein Reich, in dem er König hätte sein können. König über das Reich und über dieses Geschöpf, das er Sexualtier genannt hatte. Da packte ihn eine so wilde, abgrundtiefe Verzweiflung, die alle Primitivität von ihm abfallen ließ, sodass er sich erheben konnte zu einem vernunftbegabten Wesen. Aber gleichzeitig ging ihm auf, was geschehen war. Er ließ seine Frauen mit dem getöteten Wild allein und ging in den Urwald zurück. Er ging und suchte und hoffte, einem zweiten Exemplar dieser Gattung zu begegnen, einem ebensolchen Exemplar wie dem, das er selber umgebracht hatte. Doch es war vergebliche Mühe. Es gelang ihm nicht, ein anderes gleichgeartetes Wesen zu finden, da sein eigenes Reich Grenzen besaß und er sich fürchtete, eben diese Grenzen zu überschreiten. Vielleicht, wenn er nicht gestorben ist, sucht Re-in-zach noch heute vergeblich nach einem Sexualtier, das Li-Be heißt.

Original-Linolschnitt von Fritz Möser, aus "Auf der Suche nach der Liebe", erschienen im Verlag "Der Karlsruher Bote", 1972
Veröffentlicht / Quelle: 
"Auf der Suche nach der Liebe", erschienen im Verlag "Der Karlsruher Bote", 1972

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