Stück II

von Tilly Boesche-Zacharow
Aus der Bibliothek

Es war einmal eine Kellerassel, der hatte das unbegreifliche Geschick ein Quäntchen Verstand mitgegeben. Dadurch kam ihr deutlich zum Bewußtsein, in welch einem finsteren, feuchten Loch sie mit ihren Artgenossen hauste. Durch die Kellerfenstergitter sah sie Licht, und es packte sie ein unerklärliches Sehnen, inmitten dieses Lichts zu sein. Sie ahnte, dass es dort warm und lebendig sein müsse. So kroch sie an den schimmeligen Wänden empor, klebte sich an die Fensterscheibe und starrte hinaus, während das etwas Mehr in ihr von heißem Verlangen nach der Sonne, der Spenderin des Lichtes, ergriffen ward.

Sie hockte so Tag und Nacht und sonderte sich von ihren Artgenossen ab, sodass sie schier in einem Zwischenreich zu leben schien, weder hier noch dort heimisch war und nicht wußte, wie es weitergehen sollte.

Da fand ein Sonnenstrahl den Weg durch das Gitter und blendete sekundenlang unsere Assel. Eine Minute tat sie, was alle Asseln der Welt in einem derartigen Momente tun: Sie krümmte sich zusammen und stellte sich tot. Doch dann kam neues Leben in sie, und behaglich begann sie sich zu dehnen. Sie wußte, diese neue Behaglichkeit kam vom Licht und von der Wärme, die den Weg zu ihr gefunden hatte. Doch nicht lange währte die Helligkeit, die Sonne mußte wandern, und der Sonnenstrahl glitt fort. Die Assel aber wartete tagtäglich auf eben diesen Moment. In ihrem Innern bat und flehte sie zu dem Licht, es möge ihr doch einen Weg aufzeigen, damit sie für immer in ihm bleiben könne.

Das spürte der Sonnenstrahl, und er begann, sich um die Assel und ihre Sehnsucht Gedanken zu machen, und was zu tun sei. So fand er eines Tages einen Ritz in der Tür zum Keller, glitt hinein und zeigte so der Assel den Weg hinaus in die Freiheit. Ach, wie sich das Insekt mit Entzücken auf den Weg machte.

Doch weit war das Ziel und längst nicht erreicht, als der Sonnenstrahl schon wieder weiter mußte. Erneut blieb die Assel in der Dunkelheit zurück und schmähte den Sonnenstrahl ob seiner Naturgebundenheit. Doch siehe, am nächsten Tag kehrte der Strahl wieder, und diesmal blieb er länger, denn die Sonne stieg täglich höher am Himmel empor. Endlich war es soweit, dass er so lange bleiben konnte, bis die Assel den Weg in die Freiheit hätte schaffen können. Doch in dem Moment, da sie das Tor zur Freiheit, zum Leben, zum Licht, zur neuen Zukunft passieren sollte, packten Zweifel, Not und Angst sie, ob es ihr denn auch wirklich gelingen würde, außerhalb des ihr gemäßen Bereiches, außerhalb der Dunkelheit, der Feuchtigkeit, der Modrigkeit leben zu können. Sie dachte daran, dass der Sonnenstrahl sie verlassen mußte, um seine gewohnte Runde zu machen. Sie vergaß, dass der Strahl wiederkehren würde, dass er einmal vielleicht für immer bei ihr blieb, dann, wenn ihr Asseldasein dem Ende entgegenginge.

Es waren soviel Zweifel und Furcht in ihr, dass sie in die Finsternis zurückwich.

„Komm doch!" lockte die Sonne, denn sie hatte sich inzwischen an die Assel gewöhnt und fühlte sich ihr verbunden. „Komm doch und fürchte dich nicht. Ich bin bei dir! Folge mir!"

Aber die Assel wollte sie nicht hören. Furchtsam floh sie zurück in den Haufen der sie umwimmelnden Genossen, die den Hauch von Licht und Wärme an ihr spürten und zurückschraken, sodass sie ganz isoliert zurückblieb.

Da begriff die Assel, wie töricht sie gewesen war. Noch einmal nahm sie allen Mut zusammen und wollte auf dem Weg des Sonnengoldes das andere Leben erreichen, das hell und warm war. Doch da erlosch der Streifen, es blieb die Dunkelheit zurück.

„Wo bist du? " rief die Assel. Aber niemand antwortete ihr. Es blieb still, dunkel und modrig um sie. Auch die Sonne kam nicht mehr wieder. Man hatte die Türritzen mit Brettern zugenagelt.

Veröffentlicht / Quelle: 
"Stückwerk" - Erschienen im J.G. Bläschke-Verlag Darmstadt, 1973, ISBN 3-87561-524-7

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