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Warum nicht Indien?

Bild von Magnus Gosdek
Bibliothek

Diese Frage stellte er sich bereits einige Male. Immer dann, wenn er in seinem alten Golf von der Arbeit nach Hause fuhr. Dann hatte ihm dieser Tag wieder einmal den Rest gegeben. Die vergangenen acht Stunden im Büro waren zur Qual geworden. Wahrscheinlich gab es Menschen, die gerne nur vor dem Computer saßen. Er gehörte nicht zu ihnen, hatte es nie getan. Aber was sollte er tun? Die Arbeit war so weit Ordnung, dass sie ihm Geld einbrachte. Immerhin genug für seine Frau und den Kindern. Bald schon würden sie in die Schule kommen. Er rechnete kurz hoch, was ihm das kosten würde. Ohne eine Gehaltserhöhung konnte er es sich wirklich nicht leisten. Doch was würde das bedeuten? Natürlich mehr Arbeit und sie war jetzt schon zu viel. Er war in dieser Mühle gefangen und es stand nicht zu erwarten, dass er ihr in den nächsten Jahrzehnten wieder entrinnen könnte.
Damals, da war es noch leben gewesen. Er hatte sich am Wochenende mit seinen Freunden getroffen. Sie zogen durch die Kneipen und der Spaß, den sie dabei fanden, war wundervoll. Manchmal hatte er dann am Montag blau gemacht, weil ihm danach war und er empfand keine Reue dabei. Schon damals hatten sie alle von Indien geträumt. Einer von ihnen hatte vom Bhagwan und Poona gelesen. In den Siebzigern war das der Ort für die Suchenden der Erleuchtung gewesen. Auch John Lennon war dabei. Das Leben in Indien musste herrlich sein und die Freunde wollten unbedingt daran teilnehmen. Einmal sich selbst spüren. Direkt und ganz. Mehr konnte er nicht erwarten.
Aber dann hatte der erste der Freunde geheiratet. Einfach so. Mit der Zeit kam er immer seltener mit auf Tour. Vielleicht war das normal. Vielleicht aber auch nicht. Möglicherweise war er ein Abtrünniger. Jedenfalls erwähnte er Poona nie mehr.
Dann heirateten immer mehr von den Freunden und schließlich fand er selbst eine Freundin. Auch diese Zeit war wundervoll. Auch er dachte nicht mehr an Indien. Wozu auch? Er hatte eine Frau und die Zeit mit ihr war aufregend. So musste sich Leben anfühlen. Als sie heirateten, kauften sie eine kleine Eigentumswohnung. Sie wollten ja eine Familie gründen, da war das nur vernünftig und was sind schon zwanzig Jahre für die Abzahlung?
Die Autobahn war wieder einmal überfüllt und der Verkehr stockte. In dem dichten Regen konnte er die Stoßstange des vorderen Wagens kaum erkennen. Es war auf dieser Strecke immer das gleiche. Nie war es anders. Genauso wie im Büro. Wenn er des Morgens kam, stellte er seine Tasche neben den Tisch und zog sich einen Kaffee. Sein Kollege war um diese Zeit schon immer gut gelaunt. Wie machte der Kerl das bloß? Mittags aß er in der firmeneigenen Kantine. Dann redeten die Kollegen über alles Mögliche, aber er verstand sie nicht. Was war so wichtig daran, wie der Fußballverein am vergangenen Wochenende gespielt hatte? Wahrscheinlich doch nichts. Um fünf Uhr konnte er nach Hause gehen. Dann stellte er den Computer aus, nahm seine Tasche und verließ das Büro.
Wenn er die Treppen des Ausgangs hinunterstieg fragte er sich, wo die tanzenden Menschen geblieben waren, von denen er geträumt hatte. Stattdessen war er von nörgelnden Kollegen umgeben und das war sicher nicht, was er wollte. Sein Kollege neben ihm war der schlimmste von ihnen. Der hatte inzwischen herausgefunden, wie er ihn auf die Palme bringen konnte. Zur Mittagspause stellte er seinen Kaffeebecher auf die Spüle in der Küche und ging. Er räumte sie nicht in die Spülmaschine. Nie! Dabei wusste der doch genau, dass man das einfach nicht macht. Aber das war dem egal.
Zu Hause wartete seine Frau. Sie waren seit neun Jahren verheiratet. Nun gut. Sie machte den Haushalt und kümmerte sich um die Kinder. Die waren wirklich süß. Aber sie konnten schon nerven, wenn er des Abends völlig geschafft nach Hause kam. Das konnten sie wirklich und manchmal war er froh, wenn seine Frau die Kinder ins Bett gebracht hatte. Dann stellte er den Fernseher an und seine Frau und er saßen auf dem Sofa. Um elf Uhr ging er ins Bett.
Am Wochenende gab es immer Dinge zu erledigen. Dinge! Er konnte sich nicht daran erinnern, was zu tun war, noch was er getan hatte. Es war doch wirklich nicht wichtig. Für seine Frau schon, aber sie machte auch den Haushalt.
Ihm fiel ein, dass er sich mit ihr nie über Poona unterhalten hatte. Naja, früher vielleicht. Aber das war schon lange her. Heute unterhielten sie sich über Dinge. Genauso wie seine Bank. Sie wollten auch ständig mit ihm sprechen. Sie wollten einfach nicht verstehen, dass die Preise gestiegen waren und alles nicht so einfach war. Was konnte er dafür dass das Benzin so teuer wurde? Er tat doch schon was er konnte. Manchmal hatte er einfach keine Lust mehr.
Im Büro hatte er gehört, dass die Kollegen unter Burn-out litten. Das kam ihm verdächtig vor. Was sollte das schon bedeuten? Im Grunde war es doch so einfach. Das war nicht das Leben. Er wollte es so nicht. Nein, damals, als er mit den Freunden durch die Stadt zog, das war Leben. Und Indien natürlich. Freiheit spüren. Und sich, direkt und ganz. Das war Leben. Ganz bestimmt nicht, auf die Stoßstange des Vordermannes zu starren. Viel weniger noch mit der Bank zu sprechen. Seine Frau konnte das nicht verstehen. Wie sollte sie das auch? Wenn sie nur einmal das Mitmachen müsste, was er erlitt, dann vielleicht. Aber so ganz bestimmt nicht. So konnte ihm nicht helfen, wahrscheinlich wollte sie das auch gar nicht. Sie kümmerte sich um das Zuhause und um die Kinder.
Aber er, er musste den ganzen Rest machen und das für den Rest seines Lebens. Irgendwie hatte er den Absprung verpasst. Wäre er damals doch einfach nach Indien gegangen. Selbstverwirklichung. Ja, das war es! Das war der Sinn des Lebens. Aber nicht so, wie es jetzt war. Alle wollten was von ihm. Sein Chef, seine Frau, die Bank. Einfach alle und niemanden interessierte dabei wirklich was er fühlte. Er war allein. Die Freunde hatten ihn verlassen. Wenn er sie heute anrief, dann musste er einen Termin ausmachen. Einen Termin! Unglaublich! Das wahre Leben zu planen. Dabei wollte er doch nur ein wenig rausgehen. Sich spüren. Direkt und ganz. Und an Poona denken.
Nein, wenn er es recht bedachte, so war das kein Leben. Das war nichts. So hatte er es sich nicht vorgestellt. Wenn er ehrlich zu sich war, so hatte er sich im Grunde gar nichts vorgestellt. Doch das war egal. So jedenfalls war es nicht richtig und morgen wollte die Bank mit ihm sprechen. Wahrscheinlich musste er es danach seiner Frau beichten. Bislang war er ja noch gut daran herumgekommen. Aber es wurde nicht besser. Sie würde enttäuscht sein. Das wusste er. Sie hatte mehr von ihm erwartet. Das hätte sie auch bekommen, wenn sie damals beide nach Indien gegangen wären. Dann hätte er ihr das wahre Leben gezeigt. Und die Erleuchtung. Die Leichtigkeit des Seins. Wie schwer die Arbeit ihm fiel, war kein Argument. Nicht für sie.
Nun war es zu spät. Er konnte nicht mehr nach Indien. Er hatte die Frau und die Kinder und die monotone Arbeit und die Bank, die morgen mit ihm ernsthaft sprechen wollte. Das war doch wirklich kein Leben!
Warum sollte er eigentlich allen gestatten, weiterhin an ihm zu zerren? Ja, warum eigentlich? Er konnte sich scheiden lassen und die Arbeit kündigen. Das konnte er tun. Ganz sicher. Dann war er frei. Frei für das Leben. Direkt und ganz. Aber wahrscheinlich würde seine Frau Unterhalt von ihm fordern und die Bank würde weiterhin mit ihm sprechen wollen. Daran würde sich doch nichts ändern. Nein, das war kein Ausweg. Nicht so endgültig wie es sein müsste. Wenn er diesen Schritt ging, dann musste es ihn befreien. Ein für alle Mal!
Am besten wäre es, er ging. Doch nicht dorthin wo es Ex-Frauen gab und Banken. Nein, dieses Leben musste er verlassen, das war klar. Alles andere war unwichtig. Wenn er schon in kein anderes Leben wechseln konnte, dann eben nicht. Dann eben nur raus aus diesem!
Ihn würde ja niemand vermissen. Nicht die Freunde, die alle verheiratet waren und Termine vereinbarten. Nicht die Frau, die sich ja weiterhin um den Haushalt und die Kinder kümmerte. Nicht die Firma, die einen neuen für ihn einstellte. Vielleicht die Bank, die nicht mehr mit ihm reden konnte. Aber die zählten nicht. Alles würde weitergehen. Viel Vergnügen in diesem Leben! Das konnte er verschmerzen. Möglicher weise würde er ihnen zeigen, wie falsch das alles war. Sie würden erkennen, dass dies nichts mit dem wirklichen Leben zu tun hatte.
Aber wahrscheinlich würden sie ihn vergessen. Die Freunde, der Chef und die Bank. Auch seine Frau und die Kinder. Für die er die ganzen Jahre geschuftet hatte. Seine Frau würde jemand anderen kennen lernen und dieser andere würde seine Stelle einnehmen. Bei seiner Familie! Für die er doch alles getan hatte. Wie konnte seine Frau das so einfach tun? Merkte sie nicht, dass sein Leben in Trümmern lag? War es ihr egal? Er hatte doch versucht, eine Familie in diesem Leben zu bauen. Das war ihm nicht gelungen. In Poona hätten sie es geschafft, aber doch nicht hier!
Und was war, wenn er sich täuschte? Was wenn sie ihn nicht vergessen konnte und die ganze Familie unglücklich war? Da Bank würde mit seiner Frau sprechen wollen. Sie würde das nicht begreifen und was sollte dann werden? Konnte er ihr das antun?
So oder so konnte er sie nicht alleine lassen. Sie würde es nicht schaffen und die Kinder würden leiden. Nein, er konnte sie nicht alleine zurücklassen. Wenn er dieses Leben verließ, dann endgültig. Niemand sollte leiden. Nein, diese Sache würde er richtig machen. Indien war kein Ausweg.

*

„Hast du in der Zeitung vom Krombholz gelesen?“
„Was denn?“
„Der hat seine ganze Familie umgebracht und sich danach erschossen!“
„Mein Gott! Das ist ja furchtbar! Wie kann einer nur so etwas tun? Aber irgendwie war der schon komisch.“
„Ja, der regte sich immer auf, wenn ich meine Kaffeetasse auf die Spüle stellte. Ein wenig seltsam war er schon. Darüber regt man sich doch nicht auf!“
„Vielleicht bekomme ich jetzt seinen Schreibtisch. Ich werde den Chef mal fragen.“
„Das wäre super. Dann verschwinden endlich die hässlichen Bilder von Indien, die der Krombholz an seine Pinnwand geheftet hat.“

Interne Verweise

Kommentare

11. Mär 2015

Diese Geschichte ist sehr gut! - Sie ist beinah perfekt:
(Nur "in" vor Ordnung und "Die Kinder" nicht ganz korrekt...)
Ein schöner Blick - in einen Kopf:
Zu recht ich dafür Beifall klopf!
LG Axel

11. Mär 2015

Ich schließe mich dem Beifall an,
obwohl man anbei einen Anfall kriegen könnte,
weil so viel Wahres drin steckt.
Immer wieder hört man von solchen Fällen oder von Leuten, denen es ähnlich geht... Aber Indien? Nein, Indien wirklich nicht!
LG Alf

11. Mär 2015

Das ist wieder eine Deiner beachtenswerten Charakterstudien, Magnus, in deiner langsam-fließenden, Tiefen ergründenden, stillen Art. Und eine in ihrer Konsequenz sehr erschütternde Geschichte ...
(Korrekturen gefällig?)

12. Mär 2015

Ich weiß nicht, ob dies die Gedankengänge sind, um zu einem solchen Ergebnis zu gelangen, aber ich könnte es mir vorstellen. Danke für Deine Hinweise, Axel. Ändere ich. noé, ja bitte. LG Magnus