Liste der verlorenen Wörter

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                                         VERSTÄNDNIS

       „Das kenn‘ ich doch“, denken Sie, „das kennt doch jeder...“
Natürlich haben Sie recht, aber... Schauen Sie, dieses Wort hat seine Bedeutung verloren. Als leere Hülle lebt es in unserem Sprachschatz fort. Ja, nicht einmal die Konstrukteure der sog. Rechtschreibreform erbarmten sich seiner und wechselten das ä gegen ein e aus, obwohl es doch mehr mit verstehen als mit Verstand zu tun hat.

       „Alles Wissen ist auf Fels gesät, wenn der Humus, das VERSTÄNDNIS, fehlt. Um es klarzustellen: Ich meine VERSTÄNDNIS FÜR EINANDER. Als Gegengewicht zu Leistungsdruck und Kastenbewußtsein. Voraussetzung dafür ist, daß alle Kinder, gleich welcher Hautfarbe, Religion und Herkunft (und was sonst noch an Trennendem hochstilisiert wird) so früh wie möglic einen Kindergarten besuchen können, in dem dieses Verständnis füreinander kultiviert wird.“

       Dies ist der Auszug aus meinem Offenen Brief zum Thema PISA-Studie. Ich denke, daraus erhellt, was ich unter VERSTÄNDNIS verstehe. In unserer Wissens- und Leistungsgesellschaft von Mammons Gnaden ist es unter die Räder gekommen, weil es keine ARGUMENTATIONSHILFE ist. Es hemmt den Herrschaftsanspruch. Probieren Sie es einmal aus. Ganz schnell werden Sie feststellen, was ich meine.
       Dieses Wort ist noch nicht ganz verloren. Wie der Samen einer seltenen Blume schlummert es unter dem Sprachschutt des Informationszeitalters, wartet auf eine Klimaveränderung, um wieder zu erblühen. Ich möchte es vor der Liste der verlorenen Wörter bewahren, damit jene, die es im stillen Kämmerlein pflegen, nicht den Mut verlieren.

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