Werner Herzog - Soldat des Kinos

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Werner Herzog. Dieser Name ist nur ganz wenigen jungen Leuten ein Begriff. Schade eigentlich, denn dahinter versteckt sich der vermutlich bedeutendste deutschsprachige Filmemacher aller Zeiten. Wenn nicht der Bedeutendste, so der Phantastischste. Herzog ist Deutscher, genauer genommen ein Bayer. Er wurde 1942 in München geboren. 1972 legte er die Strecke München nach Paris im Winter zurück, um die sterbenskranke Filmemacherin Lotte Eisner vor dem nahenden Tod zu retten. Sie darf nicht. Sie wird nicht. Wenn ich in Paris bin, lebt sie. Es wird nicht anders sein, weil es nicht darf. Sie darf nicht sterben. Später vielleicht, wenn wir es erlauben. Schreibt er selbst im Buch Vom Gehen im Eis. Herzog führte Regie an den ungewöhnlichsten Drehorten. Es scheint, als sei er immer auf der Suche nach den ungewöhnlichsten Geschichten für sein Publikum gewesen. Ob mit Reinhold Messner an den beiden Gasherbrums im Himalaya, mit Klaus Kinski im Regenwald Perus, mit Höhlenforschern in Frankreich in der berühmten Chauvet-Cave oder in einem texanischen Todestrakt. Herzog gelingt es, überall überwältigende Bilder zu erzeugen.
Ich will nicht über die knapp 60 Filme oder Kurzfilme Herzogs schreiben. Auch will ich nicht über die Tatsache berichten, dass er 2009 vom US Time Magazin zu den 100 einflussreichsten Personen der Welt gewählt wurde. Mir geht es vielmehr um die Weltwahrnehmung und die hypnotisierende Sprache dieses inspirierenden Mannes.
Herzogs Sprache ist einzigartig. So auch seine Stimme und seine Art zu Erzählen. Ich bin überzeugt, wäre nicht diese Hypnose und diese mysteriös faszinierende Stimmgewalt Herzogs, so würden seine Dokumentationen an Größe verlieren. Herzog beschwört mit seinem Erzählstil den Zuschauer. Er nimmt ihn mit in eine Welt der Wunder und versteht mit merkwürdigen Sätzen Mystik zu schaffen. Herzogs Sprache hat ein absolutes Element. Es zu beschreiben, wäre sinnlos. Alle Versuche wären zum Scheitern verurteilt. Man würde sich unweigerlich lächerlich machen. Um einen guten Eindruck des Herzog-Elements in der deutschen Sprache zu bekommen, empfiehlt es sich YouTube Videos anzusehen. Ich würde diese empfehlen:
https://www.youtube.com/watch?v=Olr46_F2L6U
https://www.youtube.com/watch?v=ze9-ARjL-ZA
Herzog denkt anders. Er kann nicht wie ein normaler Mensch denken. Man glaubt er sei verrückt. So spricht er in einem Video über den Dschungel und beschreibt ihn nicht als Naturraum oder dergleichen. Für ihn ist der Dschungel ein Ort der Obszönitäten. Eines meiner Lieblingszitate von ihm ist jenes: The jungle is a land he, if God exists, has only created in anger. It is a land where creation is unfinished yet. There is some sort of harmony. The harmony of overhelming and collective murder.
Die Harmonie von überwältigenden und kollektiven Mordes. Nie wurden solche Worte für den Dschungel des Amazonas gefunden. Es ist also Herzogs Sicht auf die Dinge, die ihn als Künstler und somit seine Filme so besonders machen. Der Hang zum Epischen steckt an. Man verfällt ihm.
Ende der 70iger spricht Werner Herzog in einem Hotel in Tokio über Bilder. Er ist der Meinung, dass er als Regisseur es schwer hätte, Bilder aus einer beleidigten Landschaft zu generieren. Er vergleicht sich mit einem Archäologen, der mit der Schaufel feinste Artefakte der Vergangenheit ausgräbt. So schwierig sei es geworden adäquate Bilder für den modernen Menschen zu finden. Herzog ist zeitlebens auf der Suche nach Bildern, die mit dem Allertiefsten der menschlichen Seele übereinstimmen. Er würde überall hingehen, selbst auf den Mars um diese zu finden. Herzog will mit seine Filmen einen Bruder in uns wecken, der uns sehr vertraut ist, aber dem wir uns nicht bewusst sind. Erst beim Anblick seiner Szenen, Landschaften oder Interaktionen tritt dies ein. Um dies zu verdeutlichen muss eine Szene gezeigt werden. Zufällig eine meiner Lieblingsszenen. Nämlich die des verbitterten Pinguins. In seinem Dokumentarfilm Begegnungen am Ende der Welt filmt er einen Pinguin, der wie wahnsinnig in das abartig Große des antarktischen Eises läuft. Er läuft in seinen sicheren Tod, getrieben von einem Drang der so irrational und absurd scheint, aber so vieles in unserer Gesellschaft widerspiegelt. Es ist die Breite des Interpretationsspielraumes die das Publikum verzaubert. Ich lege jedem ans Herz dieses Video zu sehen. Es ist einfach zu grandios: https://www.youtube.com/watch?v=zWH_9VRWn8Y Die Szene ist untermalt mit fast religiös wirkenden Gesängen. Ein vielverwendetes Mittel Herzogs, welches auch im Film Die Höhle der vergessenen Träume anzutreffen ist.
Über die Empfindsamkeit Werner Herzogs zu schreiben gestaltet sich schwierig. Zu komplex ist seine Persönlichkeit. Man durchschaut ihn nicht, den großen Autodidakten des deutschen Kinos. In seinem Film Into the Abyss setzt sich Herzog mit der Todesstrafe auseinander. Dafür trifft er in einem texanischen Gefängnis einen verurteilten 27jährigen Mörder. Seine Tat liegt über ein Jahrzehnt zurück. Herzog verurteilt ihn aber nicht. Damit überrascht er den Zuseher. Für Herzog wirkt dieser Mensch, der einen anderen Menschen das Leben nahm als lost kid. Also wie ein verlorenes Kind, das sich der Endgültigkeit seiner Straftat niemals bewusst sein konnte. Er begegnet ihm aber nicht mit Gnade oder Mitleid. Er spricht zu ihm: Ich habe Verständnis dafür, dass du eine fürchterliche Kindheit hattest. Das bedeutet aber nicht, dass ich dich leiden kann. Das zeigt Herzogs unkonventionelle Art. Er zieht sein Ding durch. Ohne Kompromisse und ohne Abkehr von seiner Weltwahrnehmung. So lässt er sich auch nicht durch ein Schussattentat aus der Ruhe bringen. Während einem Interview in L.A. wird er mit einem Luftdruckgewehr angeschossen. Er zuckt kurz, aber schwenkt ab mit den Worten: Not a signficant wound.
Viele Geschichten und Absurditäten ranken sich um Herzogs Filme und Person. Legendär ist auch sein Film Mein liebster Feind. In ihm analysiert er seine kuriose Beziehung mit dem Schauspieler Klaus Kinski. Sie umarmen sich und schreien sich wie zwei Geisteskranke an. Unvergesslich und einfach kaum zu glauben sind die vielen Auseinandersetzungen zwischen dem Filmemacher und dem Schauspielgenie Kinski. Prädikat sehenswert.
Herzogs Sprache ist poetisch. Sie zieht einen in ihren Bann. Zieht einen hinab wie ein unerbittlicher Strudel im Meer. Letztlich kann man sagen, es lohnt sich Werner Herzogs Filme anzusehen, denn sie verzaubern. Sie machen das, was Hollywood nicht kann. In den USA wird Herzog als die einzig echte Alternative zu Hollywood wahrgenommen. Seine Leistung liegt darin, all das zu können was Hollywood nicht schafft. Hollywood kann zwar unterhalten, Herzog aber berührt und lässt uns mit einem leisen Staunen zurück.
"Look into the eyes of a chicken and you will see real stupidity. It is a kind of bottomless stupidity, a fiendish stupidity. They are the most horrifying, cannibalistic and nightmarish creatures in the world." (Werner Herzog)
Filmtipps:
• Aguirre, der Zorn Gottes
• Fitzcarraldo
• Gasherbrum – Der leuchtende Berg
• Mein liebster Feind
• Grizzly Man
• Begegnungen am Ende der Welt
• Die Höhle der vergessenen Träume
• Julianes Sturz in den Dschungel
• Woyzeck
• Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner

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