die Zärte des Vergänglichen

von marie mehrfeld
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nie gelüfteter Dachboden des vertrauten alten Hauses vor
dem Abriss, mich verabschiedend atme ich ein letztes Mal
den Mahagoniduft der Erinnerung, sanfter fleckiger Glanz,

der nicht poliert werden will, was war, soll verborgen bleiben,
hat sich für immer eingesperrt in geschliffenen Kristallvasen
mit Sprung, dicht ummantelt von erschlafften Netzen längst

zerfallener Spinnen, über allem der verblasste Dufthauch von
Lavendel, Mottenkugeln und dem Nikotin seiner runzligen Finger,
sein Siegelring mit dem Wappen, dünn geschliffen vom Tragen,

stechender Geruch der selbst Gedrehten aus Gartentabak hat
sich flüsternd in den morschen Dachbalken verkrochen, ich höre
sie ächzen unter ihrem Alter, vielfacher Tod im Spiegel des

Spiegels des Spiegels des Spiegels, Leerstellen locken Tränen
der Abwesenheit, so spinne ich Garn, mach Gold aus Grau und
weiß, Dich werde ich bewahren vor der Vernichtung, Schöne,

die ich nur vom Bildnis kenne, das rahmenlos eingestaubt in
der Ecke lehnt, bist hier bei mir im schummrigen Halbdunkel,
dein heller Geist rezitiert mir das Gedicht der Gedichte, so

wird Zerstückelung der Zeit verhindert, ja, ich weiß, Hunger
Jahre gab es und hilfloses einsames Weinen, doch ich spüre
auch grenzenlose Liebe und sich Geborgenfühlen, mein ur-

altes Schlummerland, Du bist unzerstörbar, wirst, eingebettet
in sanfte Wiegenlieder, meine Seele hüten, so lange ich atme,
in Gedanken webe ich einen unendlichen Schal aus perlenden

Fugen, lasse mich für ein zwei Augenblicke daran hinab in
die tiefe Unterirde der Gestrigkeit, trinke Weisheit und Mut
für alles, was kommt und lobe die Zärte des Vergänglichen

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Interne Verweise

Kommentare

02. Okt 2018

Sie blickt mich still und freundlich an -
schad’, dass ich sie nichts fragen kann …

LG und danke
Marie

01. Okt 2018

Liebe Marie, eines deiner größten Werke! Zu viele gewaltige Bilder sind es, um hier einzelne hervorzuheben - die Gesamtkomposition ist ergreifend, tiefgründig. Allein der Titel ist wundervoll, enthüllt ohne zu viel zu enthüllen... wie wunderschön!
Liebe bewundernde Grüße
Anouk

02. Okt 2018

Danke, danke, liebe Anouk, für so viel Lob, den Text hat die Biedermeierdame aus mir herausgelockt; als ich sie beim Großputz oben auf dem Kellerschrank fand, mit dem Kopf nach unten, hat ihr Gesicht mich berührt, jetzt habe ich sie vorwichtig mit einem Wattebausch gesäubert und über mein Sofa gehängt …
ich grüße Dich herzlich zurück - Marie

01. Okt 2018

Liebe Marie, ich bin eingetaucht in Deine Erinnerungen und habe mir alles bildlich vorgestellt - auch das Haus, leider vor dem Abriss. Das Bildnis ist (bezaubernd) schön. Ein solches zu vernichten, bringt wohl niemand fertig. Wenn es nicht auch dunkle Erinnerungen gäbe (einsames Weinen, Hunger), würden wir die schönen Erinnerungen an Zeiten, in denen wir glücklich waren, wahrscheinlich nicht genug würdigen. Vielen Dank für das wunderschöne Gedicht.

Liebe Grüße,
Annelie

02. Okt 2018

Ich danke Dir für alles, was Du mir schreibst, liebe Annelie, die fremde Schöne kann durchaus eine Verwandte sein, sie ist beim Erben eher zufällig in meinen Besitz geraten, leider gibt es niemanden mehr, den ich nach ihr fragen kann, doch möchte ich sie zeigen, das ist sie wert, und auch das fragile Vergangene ein wenig ehren mit meinen Zeilen ...
liebe Grüße zu Dir - Marie

01. Okt 2018

Liebe Marie, wie und was alles du nicht aufzählst, sondern herauf dichtest! Es lässt einem alles vor sich sehen und mögen!

Und alles, einschließlich "sanfte Wiegenlieder, die deine Seele hüten, so lange du atmest" - und DU hütest alle diese Dinge in deiner Seele, länger als sie existieren. Wenige Menschen machen es so. Ihren Seelen fehlen Augen und Ohren.
LG U.

02. Okt 2018

Lieber Uwe, danke, diese Bilder stiegen vor mir auf beim unerwarteten Anblick der Biedermeierdame, und wenn das imaginäre Haus abgerissen und zertrümmert sein wird mit all seinen vom Moder der Zeit angenagten Schätzen, werde ich es in mir bewahren und mit Worten weiter tragen, so sehe ich es im Nachhinein, geschrieben hatte ich es intuitiv …
LG Marie

01. Okt 2018

Ein zartes (auf) bewahren in jeder deiner Zeilen … und das Bild, scheint so vertraut.

Herzliche Grüße in deinen Abend
Soléa

02. Okt 2018

Danke, liebe Soléa, sorgsam aufbewahren, weitertragen, weitersagen, das ist eine sehr wichtige Aufgabe, die wir unseren Nachkommen gegenüber haben,

ich grüße Dich herbstlich-herzlich - Marie

03. Okt 2018

Der Geist des Dachboden meiner Großeltern. Einblicke in ein Leben, das ich nie gelebt, nie berührt habe. Darf ich so neugierig sein, die Geheimnisse zu lüften? Kein Gold aus Grau, nur Zugluft und wehende Staubfäden. Der Spiegel zeigt ein verschüchtertes Kind, das die Tür schnell wieder schließt.

Liebe Marie, Dein Text ist so inspirierend und weckt so viele Erinnerungen, herzlichen Dank dafür.

Alles Liebe, Susanna