Nicht auf die leichte Schulter ...

von Annelie Kelch
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Die Nebelfrau ging mit gerafften Schleiern
auf Zehenspitzen übern frühlingsfrischen Elbefluss …
Es war schon spät – und ich empfing im ersten Dämmer
des Tages letztes Sakrament und seinen Abschiedskuss.

Lag noch am Deichhang, unter mir: die schöne Elbeau.
Am Ufer wiegte sich das grüne Schilf zur Ruh …
Ein leises Zirpen tönte noch zu mir herüber;
die wilden Wiesenblumen neigten ihre Köpfchen
anmutig vor dem kühlen Abendtau.

Ich wollte heim, ich wollte unbedingt: Indes ...
mein hungrig Aug, es konnte sich nicht trennen ...
vom lichterlohen Horizont und von den weißen Schiffen,
vom allerletzten Abendrot, wie es begann,
sich in das müde Schilf des Ufers einzubrennen.

Es war der Ruf der schwarzen Amsel nicht, es rief
mit heller Stimme aus dem Fenster meine Frau Mama …
Über den Deichfirst drang zu mir leis ihre Seufzerklage:

„Erhebe dich und lasse dich zum Nachtmahl blicken!
Es gibt sonst, Kind, wie du längst wissen solltest
und auch weißt, wenn Papa heimkehrt und du bist
noch nicht zu Haus, ein schreckliches Familiendrama.
Ich bitte dich, erbarm dich meiner und erspar mir
heute Abend diesen hirnverbrannten Graus.“

Ich nahm 's mitnichten auf die leichte Schulter,
war längst aufgeschreckt und übern Deich gerannt.
Der abendliche Friede, ward mir schmerzlich klar,
lag heut wohl wieder mal in meiner kleinen Hand.

Copyright: Annelie Kelch; Foto: pixabay
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Kommentare

03. Apr 2018

Die leichte Schulter war es nicht:
Dafür - mit Inhalt - ein Gedicht!
(Wenn Krause aus dem Fenster schreit,
geh ich nicht heim - ich laufe! Weit ...)

LG Axel

03. Apr 2018

Dank, lieber Axel, Dir, für Deinen Kommentar ...
auf einmal wird mir klar, wie vorher nicht gewesen:
Die Eltern, meine, waren niemals laut, sie haben nie geschrien.
Mal bisschen Frust rauslassen, ist nicht schlimm: Daran kann man genesen.

LG Annelie

03. Apr 2018

So halte ich es heute immer noch ;-)
schöne Zeilen Annelie

LG Micha

03. Apr 2018

Danke, lieber Micha, für Deinen Kommentar, den ich nicht recht verstehe:
Einerseits könnte ich mir denken, dass Du nicht genug bekommen kannst
von der landschaftlichen Schönheit Deines geliebten Mecklenburgs und schon
mal eine Mahlzeit dafür sausen lässt, andererseits kann ich mir kaum vorstellen,
dass Du dermaßen streng mit Deiner Tochter umgehen würdest und fünf Minuten
Verspätung zu einem Drama ausarten ließest, und zu guter Letzt könnte ich mir vorstellen,
dass auch Du eilen würdest, riefe z.B. Deine Frau zum Abendbrot, um ihr
und Dir Ärger zu ersparen.

LG Annelie

03. Apr 2018

Das letztere meinte ich mit meinem Kommentar, wer will schon Ärger mit seinem Weib? ;-)

LG Micha

03. Apr 2018

Danke, Micha. - Recht hast Du! - Und hoffentlich bist Du die olle Grippe los.

LG Annelie

03. Apr 2018

Ach Annelie,
Die Grippe go' s me ganz schön on the Bag. Hab mich heute krank gemeldet.

LG Micha

03. Apr 2018

Nicht verzagen, Micha. Gute Besserung weiterhin ... viel Obst essen und heißen Zitronensaft trinken, Zimmer gut lüften, dabei "gut eingepackt" bleiben, möglichst keine aufregenden Fernsehsendungen sehen und sehr viel trinken (Mineralwasser), um die Viren rauszuschwemmen.

LG Annelie

03. Apr 2018

Ist gut Annelie,
ich nehme Deinen Rat nicht auf die leichte Schulter ;-)
Lg Micha

03. Apr 2018

Bei Krause hilft sehr viel trinken immer!
(Ohne ihr Bier wird die noch schlimmer ...)

LG Axel

03. Apr 2018

Halt bitte KRAUSE von dem kranken Micha fern:
Es könnte sein, sie hätte ihn zum Fressen gern.
Du weißt, die KRAUSE stammt vom Saurier ab ...
kam einst gekrochen, scheintot, aus 'nem Hünengrab.

LG Annelie

03. Apr 2018

Krause ein Saurier - kann schwer sein:
Der hielt wohl ehr die Wohnung rein ...

LG Axel

04. Apr 2018

Deine märchenhaften Zeilen entführen mich in Deine Kindheit. Verträumt und phantasiebegabt erweckst Du es zum Leben, dies Kind, das mich bezaubert.

LG Monika

05. Apr 2018

Oh, liebe Monika, ich freu mich, dass ich Dich verzaubert habe;
oft und zu gern verträumte ich die Zeit am schönen Elbeufer ...
bis meine Mutter rief - fast wie in Lauenburg der stille RUFER,
damit zum Abendessen ich nach Hause trabe.

Liebe Grüße zu Dir und Khalessi,
das Aprilwetter soll sich bei euch zurückhalten,
Annelie

04. Apr 2018

Dein Gedicht ist wirklich schön
kann auch deine Mutter verstehen
dein Vater er war müd geschafft
bei "Fehlverhalten" gäbe es wahrscheinlich Krach ...

So war es, liebe Annelie und ich glaube, das sich das bis heute auch nicht geändert hat.

Viele liebe Grüße
Soléa

05. Apr 2018

Dank Dir, Soléa, meine Gute, sehr verständnisvoll: dein Kommentar.
Doch komm ich heut noch arg ins Schwitzen, krieg die Krise,
wenn ich "auf den letzten Drücker" bin: viel schlimmer als normal:
Das hat Papachen angerichtet, und ich hatte keine andere Wahl ...
Mich selber zu verspäten, ist für mich 'ne arge Qual.

Liebe Grüße zu Dir,
Annelie