Westindische Nächte

von Joachim Ringelnatz
Aus der Bibliothek

Füll mir den Becher mit jenem purpurnen Weine.
Aus der Erinnerung tiefgegrabenen Schächten
Fördert er köstliches Gold und Edelsteine
Und erzählt von schönen, westindischen Nächten.
Schauernd mit herzergreifendem Grausen
Hör ich das Meer, den Sturm und des Urwalds Brausen,–
Niebeschriebene Töne, Bilder, Gefühle.
Heimlicher Liebe paradiesische Schwüle,
Schweigendes Dunkel, trauliche Lagerfeuer,
Sternengefunkel, trunkene Abenteuer,
Sorgloses Lachen, lustige Banchoklänge,
Unvergeßliche, seltsame, ernste Gesänge,
Wallender Dunkelhaare bläuliches Schimmern,
Fremder Stimmen fernes Schreien und Wimmern,
Scheidender Schiffe heimwehweckende Grüße,
Duftender Blüten heiße berauschende Süße,
Krachende Zweige, Mondschein, fliehendes Wild – –

Und dazwischen seh ich ein schmerzliches Bild.
Muß ich der schönsten aller Kreolenfrauen
Einmal noch in die brechenden Augen schauen.
Sehe sie wortlos in meinen Armen sterben. –
Oh wie grausam seid ihr himmlischen Mächte! – –
Freund verzeih, ich warf wohl den Becher zu Scherben
Ach ich dachte wilder, westindischer Nächte.

Veröffentlicht / Quelle: 
Gedichte. Hans Sachs-Verlag Schmidt-Bertsch & Haist, 1910, Seite 15

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