Blindgänger

von Annelie Kelch
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Damals, in jenem Advent, als der Schnee
mit den Papierkörben an den Straßenlaternen
korrespondierte, und du mit dem Hund
in den Park gestapft warst,
zündete ich heimlich eine Kerze an,
starrte hinein und beschwor die Geburt
des Kindleins herauf, das besser im
Kaschubenland geboren wäre.
Später telefonierte ich mit Gott, der mir
jedes Mal erklärte, dass du das kränkste Schaf
in seiner Herde seist und er dich schlachten wolle,
sobald ich dich verließe. Aber das war gelogen.

Ich bin dann gegangen – irgendwann …
Da war kein Netz mehr, dass mich auffing,
nachdem du mich heruntergezogen hattest –
in deine morbide Gedankenwelt.

Du hast den Sturm beleidigt, die Sonne,
den Regen und den Schnee, deine Exfrauen,
Weihnachten, Gott, den alten Goethe und mich …

Ich weiß noch, wie hastig ich
die Kerzen löschte, sobald Dinos Gebell
an mein Ohr drang: So sehr fürchtete ich
deine Verachtung.

Ich habe nicht ein einziges Buch mehr
von dir. Ich habe sie alle verschenkt.
Unsere Liebe war ein Blindgänger:
Sie sollte gen Himmel starten und
explodierte in der Hölle.

Du lebst noch immer – und schreibst …,
so las ich kürzlich, mich tot – wie all
deine anderen Frauen; aber ich feiere
längst die Feste, wie sie fallen.

Quelle: pixabay, verändert
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Kommentare

04. Dez 2017

Sehr starker Text! Der Leser geht
Ein Stückchen mit - und er VERSteht ...

LG Axel

04. Dez 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar,
das Leben manchmal nicht vergnüglich ist - und war.

LG Annelie

04. Dez 2017

Gratuliere, dass du diesen lieb-losen
ALLESVERÄCHTER
verlassen hast, liebe Annelie ...
Liebe Grüße - Marie

04. Dez 2017

Danke, liebe Marie, für deinen Kommentar,
der mir im Nachhinein noch Trost
und auch Bestätigung war.

Liebe Grüße,
Annelie

04. Dez 2017

So lass ihn getrost von dannen zieh'n,
den Frauenquäler, denn Du bist die Gewinnerin.

Liebe Grüße,
Monika

04. Dez 2017

Es ist schon lange her. Ich zog von dannen, liebe Monika ...
weil mir das durchweg negative Leben nicht geheuer war.
Danke für deinen lieben Kommentar.

Liebe Adventszeitgrüße,
Annelie

04. Dez 2017

Ein außergewöhnlich starkes Gedicht, das mich sehr an die wunderbare Sprache der Lyrikerin Anna Rubin erinnert. Bleib mir bloß erhalten in 2018! LG

05. Dez 2017

Danke, lieber Denis, für deinen lobenden Kommentar, über den ich mich ganz besonders gefreut habe - und für den Tipp - Anna Rubin - , die ich noch nicht kannte und jetzt lesen werde. - Ich werde mir Mühe geben, euch nicht allzu bald wegzusterben.

Liebe (Advents-)Grüße,
Annelie