Willst du mit mir tanzen ...?

von Annelie Kelch
Mitglied

Leah Goldstein, 90, zur Befreiung des Lagers Auschwitz-Birkenau
im Januar '45:

„Gegen Mittag krochen wir aus den Baracken – fiebrig, verlaust,
Skelette in Lumpen.

Isaak Singer vom Jüdischen Ordnungsdienst hatte verbreitet, Truppen
der Roten Armee seien ins Lager marschiert.

Eisiger Wind trieb den Geruch verbrannten Fleisches vom Leichenacker
herüber.

Moishe Herzl, Kurzwarenhändler aus Kraków, betrachtete ungläubig
seinen Schatten, von einer kraftlosen Sonne über morsche Bretter geschoben.
Hat geglaubt, er sei tot, der Moishe, lebte noch, obwohl er längst gestorben war.

Wir hatten seit Ewigkeiten nicht in den Spiegel geschaut, hätten uns eh nicht
wiedererkannt.
Einmal, vor drei, vier Jahren, rannte mein Vetter Reuven Levi auf der
Gensia-Straße am Jüdischen Friedhof an mir vorüber, hielt mich für eine Fremde,
die mir ähnlich sah.

Aus der Ohnmacht nachvollziehbaren Argwohns erwachte als Erste Rabea
Edelmann, Jahrgang '20, Hutmacherin aus Lublin, humpelte unsren Befreiern
entgegen.

'Ata roze lirkod ikti (willst du mit mir tanzen)?', fragte sie einen weinenden
Russen, bevor sie ihn umarmte.“

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