Unter vernarbten Himmeln ...

von Annelie Kelch
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Über schmucklose Felder zieht das Gespenst der Trauer,
Kalt streift der späte Sonnenstrahl die Sommerruinen.
Dein Wort befruchtet mein Herz: Es blüht und reift ...
Derweil der letzte Mohn welkt zwischen Seelenschienen.

Ein Koog im hohen Norden hält den Sturm gefangen;
Das Meer bemüht sich, Deiche zu zerbrechen …
Was unvollendet blieb im Sommer, will sich rächen:
Auch du bist unvollendet und noch voller Bangen.

Im Schattenhaus zerbricht ein Kind am Schweigen …
Naht Sommer, sprudeln Worte durch Münder zuhauf.
Um Liebe, die sie selbst nie gaben, betteln die Toten und neigen
unter vernarbten Himmeln die Köpfe und geben nicht auf.

O Worte ... unter die herbstlichen Blätter der Zeit gekrochen,
Wo der Fisch an Land geht, stirbt uns die Zunge ab.
Noch immer warte ich auf die eine Stunde: Mein Seelenlab'
Lässt sich von den Zeigern der Uhren nicht unterjochen.

Mein Dunkel lebt auf beim geschlossenen Auge der Nacht,
Wo die Erde schon Schnee begehrt, will ich nicht sein.
Dein Fuß scheut den Asphalt: Das Winterlot pendelt sich ein,
Nie wird es geschehn, dass mein Herz sich ins Fäustchen lacht.

Eine Postkarte aus alten Tagen habe ich mit meinem Bildprogramm bearbeitet; Copyright: anne li
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Kommentare

05. Nov 2018

Die ganze Novemberstimmung mit ihren melancholischen Gedanken und Gefühlen fängst Du gekonnt ein mit Deinen Wortspielen, liebe Annelie, besonders angetan hat es mir der sehr bildhafte Vergleich „derweil der letzte Mohn welkt zwischen Seelenschienen“; auf’s Neue - ein ausgezeichnetes Anne-Li Gedicht mit passender selbst gestalteter Illustration.

Liebe Grüße - Marie

05. Nov 2018

Liebe Marie, Dein Kommentar hat mir gutgetan - mindestens ebenso wie der Löffel Rapshonig im Ingwertee eben, sprich: er ist köstlich. Vielen lieben Dank. Ja, der Mohn welkt zwischen Seelenschienen, fürs Gleisbett fand ich keinen Reim, und es hätte im Rhythmus nicht gepasst. Soviel zum Handwerk, das Du ja zur Genüge kennst als sehr gute Dichterin, Gedicht-Essayistin und Buchautorin.

Liebe Grüße,
Annelie

05. Nov 2018

Liebe Annelie, dein ganzes Gedicht geht einem bereits beim ersten Lesen sehr nah, denn die Stimmung, die du kreierst: der kann man sich nicht entziehen. Was mich regelrecht körperlich spürbar gepackt hat, ist folgendes:

"Im Schattenhaus zerbricht ein Kind am Schweigen …
Naht Sommer, sprudeln Worte durch Münder zuhauf.
Um Liebe, die sie selber nie gaben, betteln die Toten und neigen
unter vernarbten Himmeln die Köpfe und geben nicht auf."

Hier findet sich auch der geniale Titel, der mich sehr neugierig gemacht hat( und ich wurde nicht enttäuscht!)

Die Bilder sind dich, stark, eingänglich...

Betteln um Liebe, die sie selber nie gaben... es ist meistens das, was wir selbst uns und anderen verwehr(t)en, das was wir am dringendsten benötigen und es nur nicht verstehen (oder nicht verstehen WOLLEN) dass es so ist...
Ein Schattenhaus in dem ein Kind am Schweigen zerbricht. Leider, wie oft geschieht das, wie viele unerkannte Schattenhäuser gibt es...
Für mich ein sehr eindringliches Gedicht das ich noch lange in mir nachhallen lassen werde.
(Den "Mohn zwischen Seelenschienen" zitierte Marie bereits.... auch dieses Bild ist unsagbar gut)

Liebe Grüße, sei gedankt für dieses tolle Werk

alles Liebe und Gute wünschen dir Anouk & Familie

05. Nov 2018

Danke, liebe Anouk, für Deinen einfühlsamen Kommentar. Tote, die um Liebe betteln, die sie nie gaben ... geben konnten. Es spielen viele Dinge dabei eine Rolle, weshalb das so ist ... Zeitmangel, Egoismus, Vernachlässigung oder aber unkontrolliertes Verwöhnen in der Kindheit ... Verwöhnt, weil die Eltern keine Zeit aufgebracht haben für ihre Kinder und dies durch Geschenke kompensiert haben. Gerade solche Menschen hätten der Liebe bedurft. Im Leben ist es ihnen nicht gelungen, diesen Kreislauf zu durchbrechen, sie haben sich selbst nicht erkannt, die Situation nicht durchschauen können und betteln um Liebe, um endlich zur Ruhe zu kommen. Das hat seine Ursache wohl auch darin, dass sie sich zu Lebzeiten mehr um ihr eigenes Wohlbefinden kümmern mussten, um überhaupt das Leben meistern zu können und nicht vor die Hunde zu gehen. Das Leben ist oft nicht leicht, und ich kann verstehen, dass, wer in der Kindheit ständig unterdrückt wurde und nur wenig Liebe bekommen hat, aufatmet, sobald er das Elternhaus verlassen darf und erst einmal an sich denkt. Man sollte immer bedenken, wie prägend das Elternhaus sein kann.

Liebe Grüße zu Dir und danke für Deinen sehr
sensiblen Kommentar,
Annelie

05. Nov 2018

...Tote, die um Liebe betteln unter den vernarbten Himmeln, was für ein starkes Bild , die Köpfe neigen, sich der Verfehlung bewußt sein, und nicht aufgeben...dieses nicht aufgeben, auch im anderen Seinszustand, hat mich hier sehr berührt. So lese ich viele beeindruckende Passagen, die mich faszinieren und reflektieren lassen.
Deine Wortkunst kann ich nur rühmen, liebe Annelie.
Herzlichst - Ingeborg

05. Nov 2018

Liebe Ingeborg, Gedanken in Worte zu kleiden, ist oftmals die geringere Anforderung; jedoch die richtigen Gedanken haben und gut durchdenken, bis keine Zweifel mehr bestehen an der Gerechtigkeit, jedem gerecht zu werden: Das ist nicht einfach. Zum Beispiel: "Auch du bist unvollendet noch und voller Bangen ..." Damit meine ich uns Menschen, die voller Bangen sind ... Würden wir Gott, der Bibel folgen, wären wir ohne Bangen, was auch geschehen mag ... Aber müssen wir nicht bangen, z.B. um unsere Erde, unsere Kinder und Kindeskinder, um den Bestand unserer Welt ...? Nein, würde Gott wahrscheinlich sagen, ihr könnt eh nichts ändern, am wenigsten euch selbst; alles ist vorprogrammiert. Darüber mache ich mir oft Gedanken. Heute bin ich zu dem Schluss gekommen, dass man so viel wie möglich zum Erhalt unserer Welt beitragen sollte, und zwar ohne zu bangen und dass Rache öde ist, weil Mobbing, Gemeinheiten, und andere fiese Dinge nur von Menschen kommen, die auch entsetzlich öde und keine Rache wert sind.
Lieben Dank für Deinen Kommentar, über den ich mich, wie stets, sehr gefreut habe.

Herzliche Grüße zu Dir,
Annelie

05. Nov 2018

Annelie!

Das ist kein Gedicht, es ist große Dichtung,
ein Mehr und Meer an Geist und Gefühl,
bin ergriffen und begeistert gleichermaßen.

LG Uwe

05. Nov 2018

Lieber Uwe, was (wie) gut, dass ich in keinster Weise zum Hochmut neige ... anderenfalls würde ich jetzt um mindestens drei Zentimeter wachsen, aber nein, ich freue mich "nur" ganz riesig über Dein Lob und danke Dir an dieser Stelle ganz herzlich dafür - und bleibe - eine kleine Person.

Liebe Grüße,
Annelie

05. Nov 2018

Ach Annelie, Dein Werk rührt mich zu Tränen.
Wie Du Dir vorstellen kannst, spricht mir gerade die dritte Strophe aus dem Herzen. Sie entblößt eine Wahrheit, die leider auch heutzutage immer noch Gültigkeit hat.
Wer nicht geliebt wurde, ist kaum imstande selbst zu lieben; ein Teufelskreis, der kaum zu durchbrechen ist, der großen Schaden anrichtet. Nicht nur persönlich, sondern erkennbar, als Mal des Bösen auf unserer Welt.
Danke für diese einmalig wunderschöne Werk. Ich werde es noch oft und immer wieder lesen.

Ganz liebe Grüße,
Ella

05. Nov 2018

Liebe Ella, beim Schreiben habe ich auch ein wenig an Dein diesbezügliches Werk gedacht. Es ist doch so: Wenn Menschen kein anderes "Vorbild" haben als die Eltern, nicht lesen, sich nicht weiterbilden, keine gute Kontakte haben, dann entwickeln sie sich nicht weiter. Wie auch? - Ich las einmal, man könne von Eltern nicht verlangen, dass sie ihre Kinder lieben, aber schon, dass sie finanziell für sie sorgen, ihnen Nahrung zur Verfügung stellen, sie kleiden, sie in die Schule schicken. Was dann fehlt, ist die Liebe, andersherum gibt es Eltern, die ihre Kinder sehr, sehr lieben, aber nicht in der Lage sind (aus welchen Gründen auch immer), für sie zu sorgen. Irgendein Mangel herrscht fast überall (außer bei Anouk vielleicht, die ich etwas zu kennen glaube, sie ist liebevoll, intelligent und klug. Wie ein Mensch aus seiner Kindheit hervorgeht, ist immer auch eine Frage des Charakters. Es gibt Kinder, die still leiden und solche, die die Eltern partout ändern wollen und ständig im Clinch mit ihnen und den Geschwistern liegen, was auch nicht viel bringt. Für manche Kinder müssen Eltern sehr viel Kraft und Nerven aufbringen, was längst nicht alle schaffen. Einige zerbrechen daran, werden regelrecht krank. Und es gibt Kinder, die mit Liebe überhäuft wurden, aber auch nicht zufrieden sind. Was aber generell gilt: Ein Kind, das von Anfang an von verantwortungsbewussten Eltern mit gesundem Menschenverstand geleitet wird, hat es später viel leichter im Leben. Aber Du hast Recht: Es würden viel weniger schreckliche Dinge geschehen, wenn Kinder mehr Liebe und Verständnis bekämen.

Ganz liebe Grüße zu Dir und einen schönen Abend,
Annelie

06. Nov 2018

Ergreifend und zu Herzen gehend. Gerne hab ich mich hier verweilt, Annelie.
Liebe Grüße
Soléa

06. Nov 2018

Ich freue mich sehr über Dein Lob und dass Dir mein Gedicht gefallen hat, liebe Soléa.

Herzliche Grüße zu Dir,
Annelie

06. Nov 2018

Großartig, Annelie, kann ich nur sagen.
Obwohl man solche Werke von Dir schon "gewohnt" ist.
Das gleiche gilt auch für Deine Bilder!

Liebe Grüße
Willi

06. Nov 2018

Danke, lieber Willi. Ich freue mich sehr über Dein Lob und wünsche Dir und Gulan
eine wunderschöne Restwoche.

Liebe Grüße nach Schweden - zu dem bekannten
Übersetzer Willi nebst Frau,
Annelie