Ich lächele ihm nach

von Willi Grigor
Mitglied

Manchmal finde ich Bruchstücke eines Gedankens,
den ein unbekannter Meister
auf den Boden hat fallen lassen,
und füge sie zu einem neuen zusammen,
erfreue mich an ihm eine Weile,
werfe ihn dann in die Lüfte
und hoffe, dass er fliegen kann.

Zumeist fällt so ein Gedanke
wieder nach unten auf den Boden
und zerfällt in seine Einzelteile.
Doch manchmal wachsen diesem frischen Gedanken
Flügel, und er fliegt in eine unbestimmte Zukunft,
ohne mir zum Abschied zuzuwinken.

Ich lächele ihm nach und wünsche mir,
dass wir uns irgendwann irgendwo treffen werden.
Dann mache ich mich wieder auf die Suche
nach Bruchstücken von Gedanken,
die unbekannte Meister
auf den Boden haben fallen lassen.

© Willi Grigor, 2018
Reflexionen und Gedanken

Dieses Gedicht hat im Grunde mit der Übersetzung von Gedichten zu tun.
Durch die eingehende Beschäftigung mit dem Text vor der Übersetzung ihrer Gedichte (und damit ihrer Gedanken) in eine andere Sprache, erfährt man (glaubt es zumindest) wie und was die alten Meistern dachten.

Übersetzen von Gedichten,
Erzählungen, Geschichten,
dem Übersetzer es erlauben,
Gedankensplitter alter Meister
aufzufinden, aufzuklauben,
zu erfahren, was sie dachten,
ob sie weinten oder lachten.

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Kommentare

06. Aug 2018

So geht es mir auch, lieber Willi, ständig bin ich in Gedanken an Gedanken; und wenn ich draußen unterwegs bin, um einzukaufen, fliegen sie mir oft davon. Manchmal aber habe ich auch Blei und Block dabei und schreibe sie auf. An vielen Tagen gehe ich auch mit dem Gedanken eines Meisters spazieren, mit voller Absicht, weil sich daraus etwas Wunderbares zusammenspinnen lässt. - Vielen Dank für dieses bezaubernde Meistergedicht. Du bist auch ein Meister, Willi, im Gedichteschreiben.

Liebe Grüße nach Schweden zu Gulan und Dir,
Annelie

06. Aug 2018

Danke, Annelie, für den freundlichen Kommentar.
Da sind wir uns ja in einer Weise ähnlich. Meine Kopplung zu diesem Gedicht ist hauptsächlich das Übersetzen von Gedichten alter Meister.
Mit einem "alten Meister" habe ich drei Buchstaben gemeinsam: "a,l,t".
Ich fühle mich immer noch als Anfänger, der ich ja auch bin nach 4 Jahren in der "Branche".

Übersetzen von Gedichten,
Erzählungen, Geschichten,
dem Übersetzer es erlauben,
Gedankensplitter alter Meister
aufzufinden, aufzuklauben,
zu erfahren, was sie dachten,
ob sie weinten oder lachten.

Willi und Gullan grüßen zurück

06. Aug 2018

Lieber Axel,
ich habe dir in der ersten Zeile eine perfekte Vorlage gegeben, und du hast sie hervorragend verwandelt.
Gratuliere.

LG
Willi

07. Aug 2018

Dies beflügelnde Gedicht wird freudig von mir aufgefangen, lieber Willi. Ich lächele ihm zu und denke - wie inspirierend! Weiter so!

LG Monika

07. Aug 2018

Danke, liebe Monika.
Nun haben wir beide Grund uns aus der Ferne zuzulächeln.

LG
Willi

07. Aug 2018

Wir sind Sammler von Gedanken, Gefühlen, Bildern – alle Worte, die wir sagen, hören, schreiben sind schon unzählige Male gedacht und ausgesprochen worden, wir eignen sie uns lesend oder hörend an, sie werden ein Teil von uns, dann geben wir sie auf unsere eigene Weise verwandelt weiter, ein sich fortsetzender lebendiger Kreislauf der Erneuerung, Dein Gedicht spricht mir aus der Seele, lieber Willi …
liebe Grüße - Marie

07. Aug 2018

Genauso ist es, Marie.
Wir betreiben einen ständiger Austausch von Gedanken via Worte, die "schon unzählige Male gedacht und ausgesprochen wurden", von vielen Menschen.
Unsere aus diesen bereits vielfach verwendeten Worten entstandenen Texte sind jedoch einzig. (Vorausgesetzt man schreibt nicht ganze Sätze ab, was ja vorkommen soll.)

Danke für Deinen Kommentar, Marie.

Herzliche Grüße
Willi