Schwere Kaliber im Sommer ...

von Annelie Kelch
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O Wagenräder, Fuhrpark, der in Flammen steht …
Wer hat die Löwenhäupter angezündet
über Nacht? –

Lächeln in einem fort ...
über Gärten hinweg und tragen
ihr irdisches Feuer wie leichtsinnige
Schwüre in die Welt, stanzen ihr Bild
in unsere Pupillen: Gelbgestirne –
Sonne und Mond zugleich:
Mond mit Eiterzacken,
Sonne ohne Glut, die Erbarmen kennt.

Was in ihnen schlummert sind Märchen
aus tausend und einer Nacht,
Juwelen großen Kalibers, preiswert
zu haben, und edle Spender von Kernen,
die niemand spalten will. Durchsternen
im schwindenden Licht noch Kommunen,
und blicken ohne lauten Triumph über Zäune.

Für Hippies und „Grüne“: das Parzenlicht,
die unumstößliche Fahne der Bewegung,
Götter ohne Gebote, botanische Recken ...
Kansas hat sie vereinnahmt und Kitakyūshū,
Stadt in Japan: zur Freude der Geishas.
Immer strecken sie ihre Köpfe der
launischen Sonne hin und lassen sie hängen,
sobald sie ihnen den Rücken kehrt.

O selige Kaliber! – Jaune d'œuf*.
Freundinnen aller Tag- und Nachtfalter,
Gold meiner Iris, Münzen, gerahmt,
mit Regenbogen nicht aufzuwiegen.

Beschirmt: ihr Licht überm schlafenden Feld ...
am Morgen freundlich dem Tau zugeneigt,
den Bienen, die sie zugrundlieben möchten
wie das heiße Herz der Sonne, die Sturm
und Regen in die Verbannung geschickt hat.

Zugrundlieben – wie sich zugrundgeliebt hat
Klytia wegen Apollo und eine von ihnen
wurde: Sonnenblume, beleibtes Kaliber.
Bis auch sie vergehen ... irgendwann
nach der ersten Blüte oder im fort-
und aberfort taumelnden Glast eines Mittags.

*jaune d'œuf: franz. Dotter, Eigelb
Die Sonnenblume ist das Staatssymbol Kansas' (USA) und eine der Stadtblumen von Kitakyūshū, Japan; Zeichen der Hippies und Erkennungssymbol der „Grünen“. Sie lässt ihre Blüten dem Lauf der Sonne folgen, Heliotropismus nennt sich das Phänomen. Der Kopf richtet sich immer so aus, dass er in die Sonne blickt. Ist das Licht weg, kann er schon mal einknicken, richtet sich jedoch wieder auf.
Die griechische Mythologie hat dieses Phänomen aufgegriffen: Einst verliebte sich die Nymphe Klytia in den Sonnengott Apollo. Aber er erwiderte ihre Liebe nicht und zog eine andere vor. Klytia verwandelt sich im Liebeskummer in eine Sonnenblume, die fortan sich immer sehnsüchtig in Richtung des Sonnenwagens des Apollo dreht.

eigene Zeichnung, rein digital mit paint-net erstellt und leicht "verwischt"
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Interne Verweise

Kommentare

07. Jun 2018

Die Blume, die sich nach der Sonne reckt wie toll,
ist auch mit Sonnenblumenkernen reich bestückt und voll.
Die schmecken gut und sind sogar gesund:
2 - 3 Esslöffel sollen möglichst täglich davon in den Schlund.

LG Annelie

07. Jun 2018

Dein farbiges Gedicht zieht mich in den Bann, begleitet mich durch den Tag, so viele Nuancen und breit gefächerte Gedanken, die ich teilen kann, Annelie, und eine wunderschöne Zeichnung ...

liebe Grüße - Marie

07. Jun 2018

Liebe Marie, Dein Kommentar freut mich sehr. Vielen lieben Dank. Ich habe zuerst in paint-net das Bild gemalt und dann das Gedicht geschrieben. Sonst ist es immer umgekehrt bei mir. Bin sehr froh, dass dieses Gedicht bei Dir angekommen ist: Es ist ja nicht gerade smart und bleibt inhaltlich bis zur letzten Strophe ein kleines Rätsel.

Liebe Grüße zu Dir zurück,
Annelie

08. Jun 2018

Danke, liebe Susanne, ich nehme Deinen "drastischen" Kommentar als Kompliment.

Liebe Grüße zu Dir zurück und einen schönen Frühlingstag,
Annelie

08. Jun 2018

Formvollendet - Tiefgang mit Gewicht!
Metaphorisch gleite ich
durch dieses Rätsel im Gedicht -
Und geb so gern ein Kompliment zurück,
das erst vor kurzem mir geschickt!!

LG Yvonne

08. Jun 2018

Dank Dir, Yvonne, Dein Kompliment nehm ich heut mit in meinen Schlaf ...
weil 's das, was nach dem Schreiben ich erwartet hab, an Lob weit übertraf.
So wird begegnen mir heut Nacht gewiss ein schöner Traum ...
Yvonne hat ihn mit ihrem Kommentar für mich gepflückt vom Ahornbaum.

LG Annelie