Dem Frühling entgegen …

von Annelie Kelch
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Mich zurückträumen -
in unbegrenzte Weiten,
als die Augen noch durch
Sonnensterne schwammen;
das Weißblech auf der Mole
aufblitzen sehen von fern und
nur noch einmal dort auf der Bank
die Schultern an die warmen Steine
lehnen und auf dich warten: auf deine
langen festen Schritte, während Dampfer
um Dampfer und an mir vorüberpfeifen und
ins Offene, Uferlose gleiten – an Jesus denken:
auch er ein Matrose bei 'Kinneret' - Stadt am See
Genezareth – bis mich die sanfte Berührung deiner Hand
auf meinem schläfrigen Arm ins Leben zurückholt und alles,

alles beginnt neu mit dem Erwachen des Frühlings,
der unverbrauchten Sonne, der wir deichwärts, Seite
an Seite, im Gespräch vertieft, entgegenschlendern;
mit den Augen, wie nebenbei, das Wasser, den Horizont
absuchend … irgendwo dort drüben müsste 'Krautsand' ...
während du fluchst, weil mit den Turnschuhen
im frischen Kuhdung versackt ...

„... ach ja, und Nietzsche - von mir in deinem Poesiealbum
verewigt, hebt sich erschreckend ab von den harmlosen
Sprüchen, findest du nicht?; aber du wolltest es so“,
sagst du, „was hat eigentlich deine Mutter dazu …"
„Nicht der Rede wert“, winke ich ab und lache.

Kann ich all das noch nachempfinden nach
allem, was war? Aber ja doch - ich kann.

'Kinneret' ist eine biblische Hafenstadt am See Genezareth.

Veröffentlicht / Quelle: 
heute, am 10.04.2017, geschrieben
Foto: Annelie Kelch; an der 'Trave' in Lübeck
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Interne Verweise

Kommentare

10. Apr 2017

Famos, famos,
das Verslein fiel mir
in den Schoß,
traf mich voll
im Herzen und
das mitten im Monat
" Märzen " !!!

....plus wunderschöner
Gegenlichtaufnahme.

Verry good,
Volker

10. Apr 2017

Danke dir, lieber Volker; ja, du hast es richtig erkannt: Auch dieses Foto ist "gegen das Sonnenlicht" aufgenommen - und ich habe beim Fotografieren so gut wie nichts gesehen.

Liebe Grüße
Annelie

10. Apr 2017

Es gefällt mir sehr gut, dein Gedicht, liebe Annelie.
Deine Erinnerungen. Wunderbar poetisch verpackt.
Und das Bild passt auch so gut dazu.
Zwei, die in einem Boot sitzen, und über die Sonne gleiten.
"Augen, die durch Sonnensterne schwammen"!

Liebe Grüße Lisi

10. Apr 2017

Danke dir vielmals, liebe Lisi. Du kennst es sicher auch: Wenn Sonne über einem größeren Gewässer liegt: die vielen Sterne, die dann darauf tanzen, und auf dem Foto entdeckte ich zu meinem Erstaunen gar das rote Spiegelbild der Sonne im Wasser.
Ein Schnappschuss - und ich habe so gut wie nichts dabei sehen können.

Liebe Grüße
Annelie

10. Apr 2017

Ja, das kenne ich auch. Und es ist doch richtig toll, wie die Sonne sich uns zu Füßen legt, oder auf's Wasser. Dass man Lust bekommt sie anzufassen und zu begreifen.

Liebe Grüße Lisi

10. Apr 2017

Da breitest Du vor uns Deinen eigenen Kosmos aus, mit Worten wie Flügel geordnet, so faszinierend beschreibst Du Deine Welt und lädtst uns ein, dabei zu sein. Dabei spielt gestern, heute, morgen keine Rolle. Danke Dir. Es ist schön.
LG Monika

10. Apr 2017

Vielen Dank, liebe Monika. Dein Kommentar zeigt wieder einmal, dass du beim Lesen mit deinen Gefühlen stets dabei bist und liebevoll und genau interpretierst.

Liebe Grüße
Annelie

11. Apr 2017

So kommt zusammen, was einander ausmacht. Seelengedanken, räumlich in einen Weihnachtsbaum verpackt, rechtzeitig zum Auferstehungsfest Ostern gedacht. Auch die Gefühle haben dem glitzernden Schlüsselloch in der Zeit nicht widerstehen können ...

11. Apr 2017

Tatsächlich, liebe noé, dein künstlerisches Auge hat es erfasst: Das 'Wortgebilde' hat noch am ehesten mit einem Weihnachtsbaum Ähnlichkeit. Beim 'glitzernden Schüsselloch in der Zeit' habe ich sofort an das glitzernde Elbwasser gedacht - wenn die Sonne drauf fiel. Danke für deinen sowohl sachkundigen als auch poetischen Kommentar.

Liebe Grüße
Annelie