Bäume

von Annelie Kelch
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Manche ernähren sich von einem Wurzelgeflecht
und streben früh auseinander:
In den Wipfeln sind sie sich fremd geworden.

Andere treffen erst in der Krone zusammen
und verzweigen sich dort auf ewig!

Wo die Wasserspur des Hundes endet,
der aus dem See gesprungen kam,
erreicht mich der Wunsch zu wissen,
was Schwäne fühlen.

Einen kleinen Wald hat die Stadt.
Hier spürt man die Sommerhitze nicht.
Aber ich gehe die Wege allein;
auch die Bänke sind leer.

Auf euch traf ich gleich nach meiner Geburt.
Ich war die (weitaus) Jüngste. Ihr gabt nicht
genug acht auf mich. Von mir verlangtet ihr
alles; ich sollte euch den Weg wesen,
euch aus dem Elend befreien (aus welchem Elend?).

Aber ich war die Jüngste, zärteste.
Das hattet ihr vergessen.
Deshalb kann ich euch nicht mehr lieben.

Die meisten Gräben sind eingetrocknet.
Über einen, der noch Wasser führt,
hat jemand einen Balken gelegt.

Ich bin hier ganz allein mit meiner
kleinen Angst, die ich 'Vorsicht' nenne
und - wie immer - zu spät kommt.

Manchmal stürzen Blätter zur Erde -
wie lahme Schmetterlingsflügel.

Meine Wurzelbrut: an manchen Tagen Sonnengeflecht,
an anderen hochmütig und unbelehrbar auf mich
herabblickend: auf meinen verhältnismäßig
kleinen Wuchs, auf mein graues Haar,
auf mein natürliches, schönes graues Haar,
für das es nicht länger mehr Tierversuche mehr braucht.

Ihr verlangtet alles von mir.
Ihr wolltet beschützt werden.
Ich sollte euch den Weg weisen.

Ich war die Ältere:
Ihr hattet ein Recht darauf.

Ich gab euch, was mir beschieden war.
Das war nicht genug, bei weitem nicht.
Aber wir sind auf dem besten Wege,
ein liebevolles Gespann zu werden.

Ich hoffe nur, dass mein Gesäß
nicht zu breit wird für Kinderschaukeln,
wenn mich der Winter zur Ruhe zwingt.

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