Sie nannten es "Erziehung" I

von Ella Sander
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Ich wurde nicht gefragt,
ob mir das Essen schmeckt,
das sie mir reichten,
das ich, auch wenn's nicht schmeckte,
ohne zu murren, natürlich dankend,
wie ungewollte Tränen, runterschluckte.
Ich freute mich wie'n kleines Kind,
das ich ja war, dass ich in dem Moment,
ja nur ein bisschen Ekel auszuhalten hatte.
Dass nicht, wie sonst so oft,
plötzlich die Fetzen flogen,
die schmerzhaft waren
und ich, schon wieder, Male
auf dem Körper zählen konnte.
Das bisschen ekelhafte Essen
machte mir nichts. Im Gegenteil;
Ich konnte, wenn es ruhig blieb,
das zuzwinkernde Glück kaum fassen.
Ich dachte: jetzt bloß still sein,
keine Fehler machen,
einfach nur kauen,
nichts machen, was als Protest
gewertet werden könnte,
nicht reden, wenn ich nicht gefragt werde,
auf keinen Fall aufschauen und lächeln,
denn all das ist viiiel zu gefährlich.

Einblicke in die Welt eines Kindes, das mithilfe der Schwarzen Pädagogik "erzogen" wird.

Interne Verweise

Kommentare

07. Dez 2018

Sehr guter Text, der nachdenklich stimmt. Ja, Ella, (nicht nur) eine Generation wurde mit eiserner Moral und mit Prügeln erzogen, das ist zum Glück vorbei; ob es die jetzige Generation aber besser handhabt, die zum Teil regellos, konzentriert auf das eigene Wohlergehen und ohne genügend Respekt voreinander, vor dem „Allgemeinwohl“ und vor allem der Natur aufwächst, das wage ich zu bezweifeln. Es lebe der Mittelweg …

liebe Grüße zu Dir - Marie

07. Dez 2018

Liebe Ella, das hast Du vollkommen richtig gemacht. Du warst brav und tapfer. Glaub mir, Revolutionen bringen nur Ärger. Damit kann man die Eltern nicht umerziehen. Ich habe auch weitestgehend meinen Mund gehalten. Die Kapern in der Soße zu den Königsberger Klopsen habe ich allerdings an den Rand gelegt, andernfalls ... hätte ich mich übergeben müssen. Es wurde geduldet. Meine Mutter konnte gut kochen und selten hätte ich Grund gehabt, Einspruch einzulegen. Aber die schwarze Pädagogik ging bei uns so weit, dass meine beiden älteren Schwestern ihre Konfirmationsschuhe mit kleinem! Absatz umtauschen mussten gegen Schuhe mit flachem Absatz. Mein Vater ist wegen dieser höchstens drei Zentimeter fast ausgerastet. Sich länger als zwei Minuten zu frisieren, hätte großen Ärger eingebracht. Widersprüche - unmöglich. Absolute Pünktlichkeit - selbstverständlich. Nie einen Fleck oder Riss im Kleid, in der langen Hose - oberstes Gebot. Gutes Benehmen - Pflicht. Aber es hatte auch sein Gutes: Dummes Gequatsche konnte er nämlich auch nicht leiden - das lag mir auch nie - und ich kann mich in jeder Gesellschaft sehr gut benehmen. Trotzdem - es war zeitweise die Hölle. Aber besser so, als eine Mutter, einen Vater, die in die Kneipen müssen. Ja, ich bin schon froh, dass meine Eltern eigentlich sehr solide und fleißig waren und meine Mutter nie blöd herumgetratscht und selten dummes Zeug geredet hat, mein strenger Papa eh nie, war meistens sehr ernst, hat ja auch genug mitgemacht im Leben. Ellachen, kluge Kinder schweigen und denken sich ihren Teil. Das hast Du gut gemacht. Danke für das super Gedicht - und Respekt: Was Du durchmachen musstest, das überlebt so leicht niemand.

Liebe Grüße zu Dir,
Annelie

07. Dez 2018

Dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind -
Das weiß eigentlich ein jedes Kind ...

LG Axel

07. Dez 2018

Hallo Ihr Lieben, Marie, Annelie, Axel,
von Herzen danke ich für die wunderbaren, einfühlsamen
Kommentare, dass Ihr bereit wart, Euch mit diesem, recht unangenehmen, Thema auseinanderzusetzen, für die Gedanken und das Preisgeben von Erlebnissen.
Wie Ihr sicher ahnt, liegt mir das Thema sehr am Herzen, da die Schwarze Pädagogik kein Relikt aus vergangenener Zeit ist, sondern immer noch, durchgängig in allen Schichten, mehr als man vermuten könnte, angewendet wird.
Ich sollte erwähnen, dass ich viele Jahre im Kindergarten gearbeitet habe, sodass ich viele Kinder und deren Familien begleiten durfte.
Da die Kindheit die prägendste Zeit in unserem Leben ist, hat sie maßgeblichen Einfluss darauf, wer und wie wir später als Erwachsene sind.
Angststörungen, Depressionen, Zwangsstörungen, Bindungsstörungen, destruktives Verhalten in allen Formen etc sind nicht selten die Folgen von traumatischen Erlebnissen in der Kindheit, die das Leben sehr schwer machen können.

Was ich eigentlich vorhabe, ist einen Gedichte-Zyklus zu schreiben, der dieses Thema, in verschiedenen Situationen, aus der Sicht eines Kindes, beleuchtet.
Die Aussagen sind daher sehr kurz gehalten, in einfachster Sprache geschrieben, um das Kindliche hervorzuheben.
Was mir auch wichtig ist, ist dass die angstbesetzte, bedrückende Stimmung spürbar wird, dass der Leser sich innerlich mit dem Kind verbündet und die Ungerechtigkeit, die ihm widerfährt, deutlich erkennt.
Ich weiß nicht, ob es mir gelungen ist diesen Vorgaben gerecht zu werden, daher bin ich für jedwelche Kritik dankbar.
Da traumatisierte Menschen so gut wie gar nicht über ihre Erlebnisse sprechen können ( denken wir an die Eltern und Großeltern nach dem zweiten Weltkrieg), möchte ich , im Rahmen meiner Möglichkeiten, zum Sprachrohr werden, für all die, die es nicht können,
Leugnen oder Verdrängen tragen leider den Keim des Wiederholens in sich, dem ich, so gut ich kann, entgegenwirken möchte.
Viele Dank nochmal Ihr Lieben!
Wünsche viele kreative Schreibideen und einen schönen Sonntag :)
Herzliche Grüße,
Eure Ella

08. Dez 2018

Die EINFACHE Sprache, die auch Kinder verstehen, ist oft auch für Erwachsene die eindringlichste; Ella, auch ich habe mein Berufsleben mit Kindern verbracht, kenne mich aus in der Thematik und weiß, dass die schwarze Pädagogik auf subtile Weise weiter lebt ...

LG Marie

08. Dez 2018

Liebe Marie,
vielen Dank für Deinen Zuspruch.
Freue mich sehr darüber :)

Ja, sie ist noch am Werk, die Schwarze Pädagogik und treibt ihr Unwesen. Leider!

Ganz liebe Grüße,
Ella

07. Dez 2018

Liebe Ella, Du hast vollkommen recht: Angststörungen, Depressionen, Zwangsstörungen, Bindungsstörungen, destruktives Verhalten in allen Formen etc. sind auch die Folgen einer schwarzen Pädagogik, unter denen unsere Eltern selbst gelitten haben. Ich habe zu lange über das Verhalten meiner Eltern nachgegrübelt als ganz junge Frau, weshalb sie so waren, stand, obwohl längst ausgezogen dort, immer noch irgendwie unter Schock und unter ihrer Fuchtel und hatte schreckliche Angstträume, habe mich selbst kaum wahrgenommen, war mir völlig fremd, lebte ein fremdes Leben; denn ich wollte eigentlich schon damals lernen, lesen, schreiben. Aus heutiger Sicht gesehen, habe ich allein aufgrund dieser Fehlerziehung so früh geheiratet. Leider war ich erst nach dem Tod meiner Eltern vollkommen davon befreit. Eine Aussprache hat nie stattgefunden. Sie haben mich schon sehr früh auf artig und lieb getrimmt. Ich wollte auf keinen Fall verprügelt werden - das war auch mit ein Grund, weshalb ich mich als Kind fügte und nicht nicht aufbegehrte. Eine Erziehung voller Liebe und Respekt vor dem Kind wäre das A und O; dann braucht man nämlich noch nicht einmal zu schimpfen.

Liebe Grüße zu Dir; die Idee mit dem Sprachrohr ist sehr gut,
Annelie

08. Dez 2018

Liebe Annelie,
Deine Zeilen gehen mir nahe und berühren mich sehr.
Unsere Eltern gaben uns das Gefühl nicht in Ordnung zu sein und dass wir nur dann "schöne"Menschen sind, wenn wir ihren Vorstellungen entsprechen.
Für den Kummer, den sie selbst als Kind erlitten, bezahlen später die eigenen Kinder, Der Preis dafür ist sehr hoch und beansprucht das Kostbarste, das ein Mensch hat: Sein eigenes Selbst.
Der Verlust des eigenen Selbst ist die Wurzel vielen Übels.
Um es wiederzufinden, braucht es manchmal viele Jahre Therapie.
Ich glaube, wenn es keine Schwarze Pädagogik mehr gäbe, wäre die Welt ein ganzes Stück ausgeglichener und gesünder.

Ganz liebe Grüße,
Ella

08. Dez 2018

Sie sind nicht vorbei, lieber Alf.
Sie haben sich nur unter dem Deckmäntelchen versteckt.

Ganz liebe Grüße,
Ella

08. Dez 2018

Ella, ich möchte weinen und würde es, wenn ich es mir zu diesem Thema nicht untersagt hätte.
Du weine nicht, schreibe, schreibe...
das kannst du richtig und sehr gut. Ob du so erfreuend weinen könntest, bezweifle ich einfach mal.
LG Uwe

08. Dez 2018

Erfreuend weinen?
Oh ja, das kann ich lieber Uwe! Vor Glück! Das sich hin und wieder zeigt. :)
Du auch?

Ganz liebe Grüße,
Ella

(Ungeweinte Tränen werden mit der Zeit schwarz und verdunkeln die Sicht, so sehr, dass eines Tages kein Tropfen Licht mehr durchdringt und alles verwelkt.)