die Farbe der Farben

von marie mehrfeld
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mein Denken an euch in der Nacht, es dröhnt,
wenn euer Schreien nach Gerechtigkeit,

nach Brot, nach Wasser, nach Liebe
meine Trommelfelle zertrümmern will

und sich alle lichten Gefühle des Lebens
in scharfe Stücke aus Eis zu verwandeln drohen,

hilf mir, Lieber, den Ballast der schwarzen Teile
meines Fühlens, meines fliehenden Lebens

in die ziehenden Wolken zu werfen,
erst dann werde ich letzte Bilder malen,

die ungeduldig hinter geschlossenen Lidern tanzen,
mit schwingenden Pinseln zur Morgenstunde,

beglückt ertrinkend in nicht enden wollenden
Schattierungen himmlischen Blaus,

der Farbe der Weite, der Klarheit, der Träume,
des Sehnens nach Ewigkeit, der Farbe der Farben

Gelobt sei das Blau, es faszinierte uns Menschen immer schon. Physikalisch betrachtet ist es nur eine Farbe aus Licht, das eine Wellenlänge zwischen 450 und 500 nm hat. Doch diese Farbe ist mehr, für Ferne steht sie genau so wie für Tiefe, unser Planet wird „der Blaue“ genannt, so leuchtet er, betrachtet aus großer Höhe. "Diese Farbe macht für das Auge eine sonderbare, fast unaussprechliche Wirkung. Wie wir einen angenehmen Gegenstand, der vor uns flieht gern verfolgen, so sehen wir das Blau gern an, nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach sich zieht," so schwärmte schon Goethe in seiner Farbenlehre vom Blau, das wir der Nacht zuordnen wie dem Tag, der Tiefe den Himmels, der Sehnsucht, der Weite, der erhabenen Unendlichkeit, aber auch der Kühle, der Distanziertheit. Das Blau war Sinnbild der romantischen Suche nach Erfüllung, die blaue Blume galt es zu finden, "verloren ins weite Blau, blicke ich oft hinauf an den Äther und hinein ins heilige Meer, und mir ist, als öffnet ein verwandter Geist mir die Arme, als löste der Schmerz der Einsamkeit sich auf ins Leben der Gottheit," so der Romantiker Hölderlin über diese Farbe, die auch die Verbindung zwischen Mensch und Natur symbolisiert wie allgemein die Sehnsucht des Menschen nach dem Unerreichbaren. Auch in der Kunst des 20. Jahrhunderts spielt sie eine Hauptrolle. Wir kennen und lieben die expressionistischen Maler des Künstlerbundes, die Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Motto „Blauer Reiter“ zueinander fanden und Wegbereiter der modernen Kunst waren. Auch Picasso hatte eine „blaue Periode“. In einem seiner Gedichte im Jahr 1930 schreibt er: " … sie ist das Beste, was es in der Welt gibt. Sie ist die Farbe aller Farben." Kandinsky dazu: "Blau ist die typisch himmlische Farbe. Sehr tief gehend entwickelt Blau das Element der Ruhe." Und ich habe oft staunend vor Yves Kleins blau-monochromen Bildern gestanden und mich über ihre magische Anziehungskraft gewundert. Selbst auf unseren Bildschirmen freuen wir uns über das Blau, es bleibt bei der Wiedergabe unverfremdet zurückhaltend und beruhigt unsere Sinne.

"kleines blaues Schwammrelief" von Yves Klein

Buchempfehlung:

92 Seiten / Taschenbuch
EUR 9,50

Interne Verweise

Kommentare

09. Sep 2018

Ganz im tiefen Blau versinken
und so neue Hoffnung trinken ...

Danke und LG Marie

09. Sep 2018

Die letzten Bilder, liebe Marie, werden wunderschön sein, sobald die schwarzen Teile verschwunden sind. Aber bis dahin ist es noch lange, lange hin - hoffe ich. Leben muss man mit viel Ballast, im Laufe der Jahrzehnte hat er zugenommen wie der große kleine Luxus, aber wer sich nur darum sorgt, dass sein Leben enden könnt, sieht wohl nichts anderes mehr, auch keine schwarzen Teilchen. So interpretiere ich Dein schönes, melancholisches Gedicht nach dem dritten Lesen.

Bleib uns wohlerhalten, liebe Marie,
herzliche Grüße und einen schönen Sonntag,
Annelie
(...und danke für Deinen gestrigen, sehr guten Essay, den
ich leider nicht mehr kommentieren konnte, weil er
plötzlich fort war.)

09. Sep 2018

Danke, Annelie, für Deine Worte mit Tiefgang, die den Sinn meines Gedichtes wieder einmal genau erfassen. Ja, mancher Ballast nimmt zu im Lauf des Lebens, man wirft aber nach gründlicher Reflexion auch Ballast ab, der beschwert hat, man stellt sich den Fragen und lernt, zu verzeihen, auch sich selbst, das wiederum befreit. Den Essay gestern habe gelöscht, weil ich im Nachhinein das Gefühl hatte, zu viel von mir preisgegeben zu haben.

Liebe Grüße in Deinen Sonntag - Marie

Detmar Roberts
09. Sep 2018

Wunderschöne Worte, Marie, ich bin grade in einer Grübelphase und würde so gern mit Dir eintauchen in nicht enden wollende
Schattierungen himmlischen Blaus..

Sonntagsgrüße von D.R.

09. Sep 2018

Danke, Detmar. Versuch es, auch ohne zu malen, das Dir vielleicht nicht liegt, setz Dich still hin und hör die Musik, die Du liebst, lass Dich ganz darauf ein mit geschlossenen Augen. Mir hilft es fast immer, wenn ich dunkele Gedanken verscheuchen möchte.
Sei lieb gegrüßt
Marie

Detmar Roberts
09. Sep 2018

Ich werde es versuchen mit der Musik, die ich liebe, Marie, sie scheint die gleiche zu sein, die Du liebst, Marie. Auch ich habe bedauert, dass Du Deinen musikalischen Essay zurück gezogen hast, er hat mich berührt.
D.R.

09. Sep 2018

Hallo liebe Marie, toll deine intensive Beschreibung des Blau, Farbe der Ehrlichkeit, der Treue, der Hoffnung . Da ich oft ( naja, wenn es meine Zeit eben zulässt) Farbmeditation mache, schätze ich das kühlende, ferne, beruhigende Blau, Farbe der Ewigkeit und dein Werk über diese tolle Farbe ganz besonders. Es ist wirklich eine wundervolle Farbe und eine jener Farben ( neben weiß und lila, Farbe der Innenschau und der Spiritualität generell) die mit persönlich am wohltuendsten sind.
Liebe Grüße
Anouk

10. Sep 2018

Danke, Anouk! Zur Farbe Blau schreibt Rudolf Steiner in einem seiner Vorträge über „Das Wesen der Farbe“ 1921: "Würde man dasselbe mit einer blauen Fläche machen, so würde man durch die Welt gehen, indem man das Bedürfnis empfindet, mit dem Blau immer weiter und weiter fortzuschreiten, den Egoismus in sich zu überwinden, gleichsam makrokosmisch zu werden, Hingabe zu entwickeln. Und man würde sich beglückt finden, wenn man in dieser Vorstellung bleiben könnte durch das einem Entgegenkommen der göttlichen Barmherzigkeit. Wie begnadet von göttlicher Barmherzigkeit würde man sich fühlen, wenn man also durch die Welt geht." Das beeindruckt mich. Die Anregung erhielt ich durch meine Tochter, die Waldorflehrerein ist.

Liebe Grüße zu Dir - Marie

10. Sep 2018

Dein tief gehendes Gedicht, es bringt mich zum Meer,
auch der Himmel scheint durchs Blau nicht leer.
In grüner Wiese leg' ich mich hin –
Träume von beiden, wo ich jetzt nicht bin …

Liebe Grüße
Soléa

10. Sep 2018

Auch ich würd’ gern auf der Wiese liegen,
all’ meine Gedanken, die ließe ich fliegen,
vielleicht zu Dir, wo auch immer das ist,
weil Du ein erfreulicher Mitmensch bist …

Liebe Grüße zu Dir, Soléa
Marie

10. Sep 2018

Hallo Marie,
sehr berührend und mitnehmend geschrieben wie Du das innere Ringen in einen Fluss der Farben münden lässt.
Kleiner Denkmoment für mich ist der Wechsel vom "Euch" zum "Lieber", den ich noch nicht nachvollziehen konnte, kommt aber vielleicht noch.
LG
Manfred

10. Sep 2018

Danke, Manfred, "EUCH", das sind die ANDEREN, die nicht mehr in meinem Leben sind, mein LIEBER - ist vielleicht ein unsichtbarer nicht näher bezeichenbarer Begleiter meiner Gedanken?

LG Marie

10. Sep 2018

Sogar "Blaukraut bleibt Blaukraut"!

Nach den vielem (aber sehr zutreffendem) Ernst der Kommentare
mal ein anders gearteter, aber nicht weniger bewundernder Comment für dich,
die liebe Marie Mehrweite als ein Feld.

Freue mich, dass du malst! Also? Zeig mal was, und nicht den Yves!
LG Uwe

10. Sep 2018

"Blaukraut bleibt Blaukraut", lieber Uwe, unbedingt, und auch Fischers Fritze wird nicht in Frage gestellt!!! Was ich male, behalte ich für mich, Ausnahme die Zugabe zu dem Heiku "Vollmondnächte" ...

LG Marie

10. Sep 2018

Hab dein Bild gefunden. Es gefällt mir?
Bin schwer beeindruckt!
Wovon?
Wie kraftvoll und zugleich geheimnisvoll seine Wirkung ist. (Hier im Gedicht wird deine "Beziehung" zur besonderen Farbe Blau nicht zufällig benannt?)
Wie schade, dass du nicht mehr davon zeigen magst, Literatpro ist doch ein wundervoller, kultureller Ort, wo jeder an Kunst Interessierte sich an guter Kunst nicht nur erfreuen, sondern "erquicken" will.
Die Verbindung von geschriebener Poesie mit bildender Kunst finde ich toll, zauberhaft werden oft noch vielfältigere oder neue Empfindungen geboren...
LG Uwe

11. Sep 2018

Ja, Literatpro ist guter Ort für Begegnung und Austausch, lieber Uwe,
und ich lasse mir durch den Kopf gehen, was Du schriebst ...

LG Marie

10. Sep 2018

:) Stimme Uwe vollkommen zu, liebe Marie, bin in deinem Tiefgangs-BLAU versunken und habe doch den Ballast weit ins Blaue werfen können, um darauf hin auf mannigfachen blauen Weitenwellen wie ein Surfer schwebend fliegen können...

LG Yvonne

11. Sep 2018

Yvonne, wenn man es auf Deine unverechselbare und mannigfalte
(schönes Wort!) Weise ausdrücken kann , klingt es noch besser ...

LG Marie