Kushiba und Thorben

von Maik Kühn
Mitglied

Prolog

dem Stein entwachsen, doch vor dem Eisen
es lebten bereits die ersten Weisen
ihr Zeugnis ging der Menschheit verloren
denn sie waren wohl nicht auserkoren
darum folgt mir, kommt mit in jene Zeit
hört die unglaubliche Mär von der Maid

Bronzezeit I

am Rande der Wildnis und ständig fallend aus dem Rahmen
haust eine Jugendliche, sie trägt Kushiba als Namen
ihr Körper in Felle gehüllt, ergänzt durch Stoff aus Wolle
dazu eine Kette mit Zähnen in schmückender Rolle

so liegt sie in dieser Nacht schlaflos auf ihrem Lager
es knurrt der Magen, denn das Essen war heute mager
Kushiba schwärmt aus, entfernt sich leise von der Sippe
vorbei an Feuerstellen sowie einem Gerippe

über ihr das Firmament, so unendlich fern
dort löst sich plötzlich ein besonders heller Stern
fällt lautlos nieder, was ihr bedrohlich erscheint
bis er sich dann mit einem alten Baum vereint
dessen dicker Stamm dadurch beinahe zerbricht
sie jetzt jedoch lockt mit mystisch-goldenem Licht

neugierig nähert sich Kushiba dem bizarren Orte
vom Leuchten ausgehend spricht jemand zu ihr diese Worte

Stimme:
„Du bist ja lustig anzusehen,
willst doch wohl nicht schon wieder gehen?“

Kushiba:
„Bin ich denn würdig einem Gotte,
der mich nicht aussetzt seinem Spotte?“

sie beugt eilig vor der Macht die Knie
hält Ausschau nach einem Opfervieh

Gegenwart I

ein verängstigter junger Mann kauert in seinem Verstecke
plötzlich stürmen mehrere Verfolger wütend um die Ecke
gemeines Schicksal, denn herzhaftes Niesen bringt ihn zur Strecke

deutlich gezeichnet mit blutiger Nase und Blessuren
die ihm vertrauten Täter hinterließen tiefe Spuren
jede Schulklasse hat ein schwächstes Glied, hier genannt Thorben
damit die Qual ein Ende hat, wäre er gern gestorben

doch auf dem Weg von der Schule nach Hause zurück
beschert ihm das Schicksal dann unerwartetes Glück
denn vom Himmel kommend liegt am Boden ein Fundstück

unbeobachtet in seinem stillen Kämmerlein
schaut Thorben gespannt auf ein Display mit hellem Schein

Thorben:
„Dieses neue Handy, ein Vermögen wert,
bleibt so lange bei mir bis sich alles klärt.“

das Gerät hat wohl davongetragen großen Schaden
kein Internet und es fehlt der Anschluss zum aufladen
dafür erscheint ständig diese Szene in Ton und Bild
eine seltsam gekleidete Frau, ihre Haare wild
Thorben spricht hinein, will der Sache auf den Grund gehen
tatsächlich, sie kann ihn gut hören, aber nicht sehen

Bronzezeit II

zartes Erwachen dank jungfräulicher Morgenröte
doch es lauern schon die alltäglichen Sorgen, Nöte
Kushiba, leicht benommen nach der viel zu kurzen Nacht
muss wohl oder übel Bericht erstatten von der Macht
andererseits, letztlich drängt sie hier niemand zur Eile
besser abwarten, natürlich nur für eine Weile

seit frühester Stund kein Schein mehr ausgeht von dem heiligen Baum
die Stätte totenstill als wäre alles geschehen im Traum
vielleicht ist er zornig aufgrund der nicht dargebrachten Gaben
das Herz verweigerte ihr nämlich zu opfern einen Raben

Kushiba:
„Ich möchte alles tun, damit du wieder zu mir sprichst.
Notfalls mich hingeben, bevor du mit meinem Stamm brichst.“

nach Sonnenuntergang bettet sie sich, die Gescheite
von der Sippe unbemerkt nah an des Baumes Seite

Stimme:
„Jetzt habe ich dich auch noch aufgeweckt.
Sorry, das war echt nicht von mir bezweckt.
Diese Zeitverschiebung ist schon schade,
wärst du doch am gleichen Längengrade.“

Kushiba verstand nicht die letzten beiden Sätze
es waren wohl weise Worte, geistige Schätze

Stimme:
„Verrate mir deinen Namen und erkläre kurz dieses Spiel.
Ich erahne zwar den Sinn, verstehe jedoch davon nicht viel.“

Kushiba:
„Kushiba heiße ich und bin doch bloß aus Fleisch und Blut.
Nicht würdig einer solch edlen Macht ohne Groll und Wut.“

Stimme:
„Du lebst ja wirklich in deiner eigenen Welt.
Immer noch Hobby? Nein, ihr verdient damit Geld!“

Kushiba:
„Ich Närrin habe dir vorenthalten unser Gold.
Bitte nicht strafen, denn das Glück soll uns bleiben hold.“

Stimme:
„OK, ich spiele mit, deshalb leih mir dein Ohr.
Der zu dir spricht ist nämlich ein Gott namens Thor.“

Gegenwart II

ist bei ihr Nacht befindet sie sich an diesem Ort
am Tag jedoch sucht man Kushiba vergeblich dort
das Wo verrät ihm vielleicht jenes Buch im Regal
Australien, Indonesien, letztlich egal
anstatt Antworten zu suchen auf seine Fragen
lässt er sich jetzt ein auf das Spiel und will es wagen

dank des Gerätes verblasst der bittere Alltag, gelingt ihm die Flucht
doch die neu gewonnene Freiheit bezahlt Thorben mit schleichender Sucht

von ihr verehrt als Angehöriger höherer Mächte
besteht der göttliche Thor auf die entsprechenden Rechte
keine fiktiven Güter, zum Beispiel goldene Ringe
er möchte lieber deutlich verändern den Lauf der Dinge

Thorben:
„So baue mir einen Altar aus Stein,
sollst ab sofort meine Dienerin sein.“

Kushiba:
„Gebührt denn dieser Auftrag nicht unserem Stammesoberhaupt allein?
Lass mich ihn schnell zu dir bringen, er soll Gnade finden in deinem Schein.“

Thorben:
„Meine Existenz wirst du wohl verschweigen,
dich gefälligst schnellstens vor mir verneigen!“

Kushiba:
„Ich werde nur noch deinen Willen erfüllen,
wenn es sein muss vor dir mein Gesicht verhüllen.“

Kushiba sammelt Steine für die heilige Stätte
bei schwachem Lichte, statt zu liegen in ihrem Bette

Thorben:
„Zufrieden bin ich mit dir voll und ganz,
so weihe den Altar mit einem Tanz.“

Bronzezeit III

Thor empfängt sie auch in Nacht Nummer drei
denn eine Gottheit nimmt sich niemals frei
er stellt ihr Fragen, will alles wissen
Kushiba antwortet stets beflissen

Kushiba:
„Unsere Häuser sind aus Holz,
darauf ist mein Stamm mächtig stolz.“

es folgt langes Schweigen, weshalb jetzt zittern ihre Hände
zermürbendes Warten, dann endlich das ersehnte Ende

Thorben:
„Eure liebevolle Baukunst in allen Ehren,
ich jedoch möchte dich etwas Besseres lehren.“

bald weiß sie wie man Stein auf Stein kann kleben
und soll nach praktischer Umsetzung streben

einige Stunden später im goldenen Licht der warmen Sonne
wird die Begegnung mit dem Stammesoberhaupt zu wahren Wonne

Kushiba:
„Lass uns bitte stabilere Häuser bauen als der Feind.
Die Idee dazu kam mir im Traum. Wir schaffen das vereint!“

trotz seines Ranges tritt sie nicht auf verklemmt
zeigt ihm das Wundermittel namens Zement
er will zuerst nicht trauen seinen Augen
doch der magische Brei scheint was zu taugen
ihr Traum ist nicht geboren in dieser Welt
wohl eher ein Geschenk von dem Himmelszelt

durch Zufall sieht das Stammesoberhaupt in dieser Nacht Kushiba von dannen ziehen
er folgt der jungen Frau unauffällig und nimmt wahr wie sie zu einem Baum tut fliehen

Stammesoberhaupt:
„Was machst du hier zu solch später Stund?
Werde es deiner Sippe tun kund!“

Kushiba fordert ihn höflich auf zu gehen
er aber denkt nicht daran, bleibt lieber stehen
vom Anblick des Baumes nahezu benommen
ist jetzt dringlichst die Zeit zum Handeln gekommen
doch das Oberhaupt stolpert, fällt unglücklich hin
schlägt sich hart den Kopf auf, von der Stirn bis zum Kinn

Kushiba:
„Thor, ich brauche deine Hilfe so sehr,
denn unser Anführer regt sich nicht mehr!!!“

Gegenwart III

was Rollenspieler leisten, er hatte es nie zuvor geahnt
doch diese Szene wirkt auf ihn, als wäre sie so nicht geplant
Kushibas Flehen und heftiges Gestikulieren sind echt
die Regie möge doch bitte Gebrauch machen von ihrem Recht

doch niemand eilt herbei um zu helfen, welch schlechter Stil
die Zeit ist nun gekommen zu beenden dieses Spiel
Thorben verstummt vor lauter Angst, es kommen auf Tränen
hilflos zuzusehen schmerzt, muß man wohl nicht erwähnen

Zukunft I

der Eine vor Wut schäumend
sein Gegenüber träumend

Q95-IOIOI:
„Das Experiment ist mit Pauken und Trompeten gescheitert.
Ach, wie gerne hätten wir unseren Horizont erweitert.
Komm wieder zu dir, hol schnell die beiden Gerätschaften zurück!
In anderen Epochen versuchen wir erneut unser Glück.“

R18-IIOOI:
„Es hat hier alles wunderbar gepasst,
der arme Junge war doch so verhasst.
Von der vielen Arbeit ganz zu schweigen,
wir durften es einfach nicht vergeigen.“

gequälte Computer, rauchende Köpfe
dann werden hastig gedrückt bunte Knöpfe

Bronzezeit IV

durch ihr Herz wurde bildlich getrieben ein eiskalter Pflock
Kushiba verharrt völlig ungewollt im lähmenden Schock
nimmt jetzt nichts mehr wahr, erst recht nicht jenen sagenhaften Blitz
er zieht sie fort durch einen am Firmament sichtbaren Schlitz

Gegenwart IV

Zufall oder nicht, gerade fällt Thorben das Handy aus der Hand
zeitgleich verschwindet er spurlos, davon zeugt der Spiegel an der Wand

Zukunft II

in seiner Seele wird entfacht ein wohlig warmes Feuer
ihr Anblick entzückt Thorben, ist ihm dennoch nicht geheuer
er und sie, gemeinsam in diesem völlig sterilen Raum
wie die beiden dort hingekommen sind gleicht wohl einem Traum

Thorben:
„Endlich lernen wir uns mal kennen,
kannst mich bei meinem Namen nennen.
Thorben heiße ich und bin kein Gott,
ernte mehr als häufig Hohn und Spott.“

seine Stimme kommt Kushiba äußerst bekannt vor
sie gehört nämlich zu jenem Wesen namens Thor
trotzdem kein Wort verstanden, die Sprache ist ihr fremd
dann trägt er auch noch Kleidung, die das Mädchen nicht kennt

unbemerkt hinter einer durchsichtigen Scheibe
bekommt ein Wissenschaftler Angst am ganzen Leibe

R18-IIOOI:
„Bei diesem Anblick muss ich vor Scham erröten.
Sie dürfen nicht hier sein, man wird beide töten.“

dank eines Gases betäubt er Kushiba und Thorben recht schnell
entledigt ihn seiner Kleidung, streift bei ihr ab Wolle und Fell
hüllt beide in blaue Anzüge, wird dabei nicht gesehen
ein Chip unter der Haut und sie können einander verstehen

erwacht in einem sicheren Versteck, auf dem Boden befindet sich etwas zum Essen
sie schauen sich einander staunend an, was gerade passiert wird so schnell nicht vergessen

Kushiba:
„Auch wenn du mich jetzt nicht verstehst,
möchte ich, dass du niemals gehst.“

Thorben:
„Ich verstehe alle deine Worte,
öffnest damit meine Herzenspforte.“

dort, wo der Verstand gelangt an seine Grenzen
neigt man dazu die Gefühle zu bekränzen
so kommt es bei den beiden wie es kommen muss
man nähert sich, Kushiba empfängt einen Kuss

Bronzezeit V

es geschieht unerwartet zur morgendlichen Stund
die Lebensgeister erneuern mit ihm jenen Bund
das Stammesoberhaupt, bereits sicher tot geglaubt
wurde an diesem Ort wohl nicht des Lebens beraubt

Zukunft III

sie liegen eng umschlungen auf dem Boden weich
ohne Heimat und Besitz, aber dennoch reich

Kushiba:
„Schmerzlich und beschwerlich ist die Frage nach dem Sinn.
Ich weiß nur, dass ich in deiner Nähe glücklich bin.“

Thorben:
„Selbst Raum und Zeit können nicht mehr unterbinden,
dass unsere Seelen jetzt zusammenfinden.“

beinahe unbemerkt öffnet sich die Tür um einen Spalt
Neugierde besiegt die Angst, für beide gibt es keinen Halt

statt des Raumes Enge
warten lange Gänge
ohne Fenster und kahl
kühl, gefertigt aus Stahl

im künstlichen Licht schleichen sie Hand in Hand
angelockt von einem Ausguck in der Wand
was Thorben dort sieht schlägt ihm auf den Magen
er hält inne und fängt dann an zu klagen

Thorben:
„Hier ist der Albtraum leider Gegenwart geworden.
Wer hat bloß angefangen nuklear zu morden?
Du liebe Mutter Erde, kannst du uns vergeben?
Die Krönung der Schöpfung hat dir geraubt das Leben.
Ein mutmaßlicher Rest, seiner Dummheit zum Preise,
zieht jetzt kleinlaut in diesem Raumschiff seine Kreise.“

während Kushiba nichts von dem versteht, was sie da sieht
ahnt Thorben, warum dies alles mit ihr und ihm geschieht

sie waren Teil einer Versuchsreihe, darauf ist zu wetten
an deren Ende es gilt per Zeitreise die Welt zu retten

aus der Ferne ein Zischen, gefolgt von Schmerz
tödliche Strahlung trifft ihn mitten ins Herz
Kushiba streift kurz darauf etwas am Ohr
Hände ziehen die Opfer in ein Labor
ihr Retter betätigt schnell einen Hebel
betäubt das Pärchen mit grünlichem Nebel

R18-IIOOI:
„Ich habe versagt, kann wirklich nicht mehr retten sein Leben.
Doch es ist nicht vorbei, ich will ihr seine Seele geben.“

Bronzezeit VI

der erste Moment nach seinem Augenaufschlag in Thorben Staunen erweckt
es schaut aus wie auf dem Handydisplay bis er hinter sich noch mehr entdeckt
seine Finger betasten an ihm ungläubig eine rote Haarsträhne
zweifelsohne ist dies Kushibas Körper von den Zehen bis zur Mähne
nicht nur, dass sich ihre antike Heimat befindet hier an diesem Ort
Thorben scheint auch den Leib seiner Liebsten zu bewohnen und möchte schnell fort

Thorben:
„Was ist geschehen und wo ist meine sterbliche Hülle?
Kushiba zu sein gleicht dem Wahnsinn trotz Liebe in Fülle!“

Kushiba:
„Erschrecke nicht, ich bin jetzt stets an deiner Seite.
Freue dich, dies ist dein neues Leben, das Zweite.
Auch wenn wir beide müssen meinen Körper teilen,
möchte ich hier so mit dir ewiglich verweilen.“

das Stammesoberhaupt kann kaum trauen seinen Ohren
was direkt vor ihm geschieht ist absolut verworren
denn Kushiba mit sich selbst in zweierlei Sprachen spricht
er nimmt einen Stein und droht dann, dass ihr Schädel zerbricht

Stammesoberhaupt:
„Du bist völlig von Sinnen, ich kann es kaum fassen,
hast mich vor diesem Baum halb tot zurückgelassen!
Ich jedoch bereite ein Ende hier dem Treiben,
dank dieses Steins wird von dir nichts mehr übrigbleiben!“

geistesgegenwärtig umarmt sie ihn und vergießt bittere Tränen
plötzlich ist er milde gestimmt, dies sei abschließend noch zu erwähnen
statt zu sterben wird Kushiba in die Wildnis verstoßen für immer
doch sie ist nicht allein, denn Thorben wird man ihr nehmen nie und nimmer

Epilog

so soll diese Geschichte euch mahnen
Menschen der Zukunft hört auf uns Ahnen
denn auch die zerstörerischten Triebe
lassen sich überwinden mit Liebe
sie war am Anfang, bestimmt das Ende
überwindet Raum, Zeit, Herzenswände

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