Vielleicht find ich ihre Gräber

von Willi Grigor
Mitglied

Gedanken vor einer wichtigen Reise

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Eine Reise zum Ort unsrer Ahnen
ist der Grund meines Staus der Gefühle.
Denn ich kann es nur raten, erahnen,
nicht wissen, was er mir zeigt, der Ort.

Eine Angst hat die Deutschen vertrieben
in das "Reich", in den Wahnsinn des Krieges.
Ein paar sind in dem Städtchen geblieben.
Vielleicht find ihre Gräber ich dort.

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Meines Urgroßvaters Ahnen,
hatten sie ein "Vaterland",
in dem sie lebten, starben?
Waren sie ein Teil der Sklaven
in eines strengen Fürsten Reich?
Haben sie sich nur geschunden,
dass des Herrschers Auen blühten?

Ein Ahne ging, um zu erkunden
sein Los in einem fernen Land.

Er ging strebig, vielleicht Jahre,
bis er schließlich es gefunden.
Er ward der "Vater" einer Sippe,
die groß sich wuchs in jenem Land.
Wurde dieses ihre Heimat,
wurde es ihr "Vaterland"?

Das Leben ist auf steter Reise,
es wandert, rastet, weiterzieht.

Mein Vater, sowie der seine,
die gesamte Sippschaft fast,
begannen eine Reise.
Der Krieg sie durch die Länder zog.
Der Opa starb, und nicht nur er,
in dieser eisig kalten Flucht.
Die Frau des Sohnes, ihre Kinder,
- es war ein wahres Wunder -
kamen durch des Todes Winter
und durften wieder leben -
der Krieg hat sich ergeben.
Der Vater war ... ja, wo war er?
Der Vater kam - noch so ein Glück -
dann endlich doch zu uns zurück.

Sechs Jahre alt wurde die Rast,
dann begann die letzte Reise
des Vaters - vom kleinen in das große "Dorf".
Es blieben seine letzten Jahre
in dieser Stadt, in diesem Land.
Doch waren es nicht wunderbare,
wie die in seines Vaters Land.
Hier endete des Vaters Reise,
- und auch sein Traum vom "Vaterland".
Die seines Sohnes hier begann.

Dieser Sohn blieb ein recht leiser,
der nirgends fühlte sich zu Haus.
Ein Schicksalsspruch, ein kluger, weiser
ihm schließlich eine Weisung gab.
Nun lebt er still im neuen Land,
das "Heimat" er zuweilen nennt.
Doch wo bloß ist sein "Vaterland"?

Den Sohn des Sohnes trieb das Schicksal,
wie seinen Vater und die Ahnen,
aus guten Gründen in die Welt,
die man am Anfang nicht verstand.
Neues Land und neue Sprache,
einsam war die Muttersprache.
Die Kinder kannten ihre Heimat,
nicht jedoch des Vaters Land.

Neue Weisung gab das Schicksal:
"Auf, zurück in jenes Land,
in dem du bist geboren."
Wird dieses nun der Enkel Heimat,
dieses jetzt ihr "Vaterland"?

Wie wichtig ist des Vaters Land?
Was bedeutet "Vaterland"?

© Willi Grigor, 2018
Aus dem Leben

Die Gedanken unmittelbar nach der Reise lesen Sie hier:
literatpro.de/gedicht/300818/er-findet-das-land-und-den-ort-und-die-graeber

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Interne Verweise

Kommentare

13. Aug 2018

Viel bedeutet das Vaterland, lieber Willi, viel ...
Mein Vaterland heißt heute Polen, früher Pommern.
Immer noch hab ich ein Auge auf Szczecin (Stettin),
meine Vaterstadt, gar nicht so weit von mir entfernt ...
da kommt Wehmut auf ... ich wollte schon
immer mal dorthin. Einer meiner Urgroßväter hieß Krukow -
und ganz dort in der Näh, jetzt aber in der BRD, gibt es
ein Dorf, das Krukow heißt, das sehr schön sein soll.
Viel tausend Dank für Dein schönes Gedicht, das mich
an all das erinnert hat.

Liebe Grüße,
Annelie

13. Aug 2018

Fahr hin zu Deines Vaters Stadt, Annelie. Sie ist nicht soo weit weg von Dir.
Aber auch ich musste erst alt werden, um es zu tun. Jetzt gibt es nur noch eine Verwandte dort, die beim beim Auszug der Deutschen 1940 schon geboren war. Wir werden sie besuchen.

LG
Willi

13. Aug 2018

"Vaterland", "Heimat" - das sind Begriffe,
Die reisen können. Fast wie Schiffe ...

LG Axel

13. Aug 2018

Danke, Axel, Du hast's erkannt:
Auch Heimat wechselt mal ihr Land.

Freundliche Grüße
Willi