Bauernkind

von Willi Grigor
Mitglied

Segringen, 1949-51

In den schweren Nachkriegsjahren
waren viele zu bedauern.
Ich gehöre nicht zu jenen,
ich war Kühehüter eines Bauern.

Nach der Schule, in den Ferien
war ich ein Teil der Bauernwelt.
Ich hütete das Vieh des Bauern
oder fuhr mit ihm aufs Feld.

Er spannte Kühe vor den Wagen,
Traktor, Pferde hatte er nicht.
Er mähte Gras nur mit der Sense,
ich war dabei, ganz ohne Pflicht.

Heute, viel später, glaub ich schon,
dass er gern mich bei sich hatte.
Ich war für ihn so wie der Sohn,
den er niemals hatte.

Das Reich der Bäuerin war die Küche,
sie backte Brot und kochte Essen.
Ich spür noch heute die Gerüche,
nie werd ich sie vergessen.

Ein Satz des Bauern mir im Ohr ist:
"Willi, ob wir was zu essen kriegen?"
Wir bekamen Essen, nie zu wenig,
und teilten es mit tausend Fliegen.

Tochter Elsa war hübsch und richtig,
und frisch verlobt zu dieser Hoch-Zeit
mit ihrem Fritz, nicht minder tüchtig.
Ich streute Blumen bei der Hochzeit.

Bei meinen Kühen auf der Weide
ging ich barfuß so wie sie.
Ich war ihr Leiter und Begleiter,
so stolz wie da war ich wohl nie.

Ein angenehmer Zeitvertreib
in diesen Stunden ganz allein,
war das Treten in die frische,
noch ganz warme, ja fast heiße,
weiche, grüne Rinderscheiße.

Bis neunzehnhunderteinundfünfzig
war ich ein freudig Bauernkind.
Ich an die Dorfkindheit oft denk
und danke Gott für das Geschenk.

© Willi Grigor, 2014
Aus dem Leben

Geschrieben am 19. August 2014 in Burggen bei Schwangau. Ich saß auf dem Balkon und sah einem Bauern bei der Viehfütterung zu. In diesem hübschen Dorf gibt es immer noch Bauernhöfe mit Viehhaltung im Dorfkern. Kühe, die am Abend von der Weide durch das Dorf wieder in ihren Stall getrieben wurden, trieben starke Gefühle in mir hoch. Genau dies habe ich damals oft und gerne getan. Ich dachte an "mein" Segringen Ende der 40er Jahre bis 1951. Diese Sommer beim "Sessler-Bauer" sind unvergesslich. Tochter Elsa und ihr Mann Fritz führten den Hof weiter.
Nachtrag: Mit beiden hatte ich regelmäßigen Kontakt, der erst mit deren Tod erlosch. Elsa starb vor wenigen Jahren, Fritz am 22. September 2016. (siehe Gedicht-Nachruf "Fort- und heimgefahren")

Foto aus "Dorfchronik Segringen". Vor der Scheune im Hintergrund wurde ich zum Totschläger, siehe Gedicht "Erlaubter Totschlag".
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Interne Verweise

Kommentare

19. Jan 2017

Sehr schöner Beitrag, inhaltlich und auch vom Gesamtbild her! Viele Grüße

19. Jan 2017

Diese Worte wärmen!

Liebe Grüße zurück
Willi

19. Jan 2017

Ich war als Kind in den Sommerferien bei einer Verwandten um bäuerlichen Anwesen. Sie war die letzte die noch lebte...auch ohne Vieh.Doch die Idylle die ich empfand, finde ich jetzt in deiner Ballade wieder...und das ist SCHÖN!!
LG
Soléa

19. Jan 2017

Bei deiner schönen Ballade kommen auch bei mir schönen Erinnerungen an meinen ersten Urlaub auf. Ich war als Kind in einem kleinen Dorf in Bayern, dort wurden jeden Abend die Kühe von der Weide in die Ställe getrieben, besonders schön war für mich der Klang der Kuhglocken.
LG Sigrid

19. Jan 2017

Lieber Willy,

ich trage auch zum Wärmen bei.
Dein Beitrag gefiel mir außergewöhnlich gut !

Liebe Grüße
Alfred

20. Jan 2017

Liebe Kollegen,
ich danke euch für die freundlichen Kommentare.

Herzliche Grüße
Willi

21. Jan 2017

Mir gefällt dein Beitrag auch richtig gut.

Liebe Grüße Lisi