Immer noch

von marie mehrfeld
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Klopfen an heimlichen Türen, sich drohend senkende Klinken, schrille Geigenfugen, kratzten, in Augenblicken höchster Angst, in muffigen Kellern, krochen Sirenenheulen und Verdunkelung, rostige Schlösser schlüsselloser Türen, angellos

schwebend im stillen Schrei bröckelnd rauchender Fassaden, fließendes Phosphorglühen, fiel Feuer vom Himmel, und die Erde verbrannte Farben verstummter Städte, die irre Freude am Kriechen durch unterirdische Röhren, verblichene Schatten

und unscharfe Nebel, Erinnern gewickelt in Männermäntel aus schwerem Filz, rochen nach Eisen und Blut, als meine Sprache versiegte, verschluckten die Tränen, ungeweint im vergeblichen Mahnen, leuchteten kleine Umarmungen des Verlorenseins in einsamen Konturen,

schwimmend in den Zelten kindlicher Scham, erzählten alte Zungen von dem, was war, ungläubig lachend fielen wir, weich, von abgedeckten Schieferdächern, raue Winde fuhren ins Heu, setzten in kalten Bächen kleine nackte Füße in Brand, Schwören auf Leben und Tod,

die geheimen Namen, nichts verraten, herausgeschnitten das Hell aus dem Dunkel, weiche Augen der Nacht, raunten leise, ferne Laute formten sich an Geräuschen des Sturms, Stimmen kamen nicht über das Schweigen hinaus, über Kirchenportale, die verschlossen blieben, Hölle und Himmel

war da, und Liebe und Hass, das heimliche Dunkel des Tastens beim Träume vom Fliegen und viel zärtliche Haut, der verbotene Raum so greifbar, warme Röte war da und Schwärze im Atem, und der Geruch von nassem Papier, die harten Brote mit Messern geteilt, der Hungerschmerz,

verzweifelt strafende Blicke, Weidengerten als letzte Mahnung und Herz im Gelächter,, spät abends, so jung und wild ward ihr wie ich, restlos abgenabelt vom Rest der Welt, Hand in Hand und für immer und ewig, war Kindheit, ist Heimat, eine von vielen, und immer noch.

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Kommentare

19. Jun 2018

Im Geiste nicht nur
Gewalt bekriegen
Krieges Krusten hämmern
Eisenrostig
Brechend Blutbahn
Aggressionen auf Papier
In medialen Weiten
Schwer verletzend
Oh sah die Schuld
Gedankenloses kontrollieren
Junge Kollisionen unbedarft

Einen tiefen Eindruck hinterlassen deine Verse,
die ich anders nicht zu kommentieren ver-mag.

LG Yvonne

20. Jun 2018

Danke, Yvonne,
für die bildhafte Übersetzung
in Deine starke Sprache ...

liebe Grüße Marie

19. Jun 2018

Bedrückende Erinnerungen, liebe Marie, aber auch Lachen. Sehr eindringlich und mit Worten geschildert, die von einer Zeit erzählen, in der das Überleben schwierig war. Mich hat Dein Prosatext sehr beeindruckt, und ich bin froh, dass Du diese Zeit weitestgehend unbeschadet überstanden hast. Wer das nicht mitmachen brauchte, wird Schwierigkeiten haben, das Grauen nachzuvollziehen: Himmel und Hölle zugleich.

Liebe Grüße zu Dir,
Annelie

20. Jun 2018

Danke, Annelie, ich war ein sehr kleines Kind und habe nur die Ausläufer jener Schrecken erlebt, aber es saß in den Knochen, es wurde erzählt, so viele Tote, so viel Grauen, das verdrängt werden musste, und die Devise danach war ganz allgemein, nie wieder Aufrüstung, nie wieder Krieg, grade mal sieben Jahrzehnte sind vergangen, seit dieses Land selbst verschuldet total am Boden gelegen hat, nicht einmal ein Menschenleben, und jetzt wird wieder fleißig aufgerüstet überall mit Waffen, die noch viel mehr Schlagkraft haben, und ich frage mich, funktioniert das oft beschworene kollektive Gedächtnis überhaupt? Ein Thema, das mich nicht loslässt.

Liebe Grüße zu Dir
Marie

20. Jun 2018

Eine Bereicherung für alle Menschen, in welcher Hinsicht auch immer, dass Du dieses Thema von Zeit zu Zeit hier ansprichst. Danke dafür.

Liebe Grüße,
Annelie

19. Jun 2018

Da spricht das Leben - ganz direkt:
Das stark in Bilder-Worten steckt ...

LG Axel

20. Jun 2018

Vielleicht ist's das, was ich berichte:
Der Mensch, er lernt nicht aus Geschichte ...

LG und danke
Marie

20. Jun 2018

Dieser Text erinnert mich sehr an die Erzählungen meiner Mutter. Heute habe ich manchmal das Gefühl, ich hätte diese Zeit miterlebt. Durch seine Dichte geht mir der Text sehr nahe.

Herzliche Grüße, Susanna

20. Jun 2018

Erfahrungen des Schreckens prägen Menschen, und so werden sie automatisch an die nächste Generation weitergegeben, so war es schon immer, nur, dass die Kriege früher in viel kürzeren Abständen stattfanden, wir haben im Gegensatz zu denen, die vor uns waren, das Privilleg, uns darüber austauschen zu können, doch was machen wir daraus, das kann man sich fragen ...

herzliche Grüße zu Dir zurück, liebe Susanna

20. Jun 2018

Hier erkenn' ich das Grauen in den Zeilen,
möchte rasch von dannen eilen.
Doch der Text hält mich im gefangen,
vom Krieg und schlimmem Kindheitsbangen.
Er spricht nicht nur Vergangenes an,
ist erschreckend aktuell, so inhuman.

"Der Mensch, der lernt nicht aus Geschichte", so Deine treffenden Worte, Marie.

LG Monika

20. Jun 2018

Danke, Monika, vielleicht zitiere ich als Bestätigung dessen, was Du schreibst im Zusammenhang mit meinem Erinnerungsgedicht einen klugen Satz, der Mahatma Gandhi zugeschrieben wird: „Die Geschichte lehrt die Menschen, dass die Geschichte die Menschen nichts lehrt.“ Knapper und wahrer kann man es nicht sagen. Und wir können nicht mehr tun, als seine Aussage aus eigener Erfahrung heraus mit Bedauern zu bestätigen …

liebe Grüße zurück
Marie

Detmar Roberts
21. Jun 2018

Krieg aus der Sicht eines Kindes, mit starken Worten ausgedrückt. Ein Bild entsteht, ich höre, fühle. Kommt ganz nah zu mir, Marie. Auch wenn wir ihn in Mitteleuropa lange nicht erlebt haben, ist er doch in der Welt und ich fürchte, er wird es auch bleiben, der Hass, die Macht, die Gier nach mehr. Der Mensch ist des Menschen größter Feind, das stammt von einem alten weisen Griechen.
Grüße D.R.

21. Jun 2018

Lieber Detmar, danke. Der Spruch „homo homini lupus“ stammt angeblich aus der Komödie „Eseleien“ des römischen Komödiendichters Titus Maccius Plautus (ca. 254–184 v. Chr.).

LG Marie