Zugbegleiter

von Annelie Kelch
Mitglied

Durch meine Seele fließen tausend neue Leben,
sobald ich durch die engen kleinen Straßen eile;
aber ganz selten nur, fast nie, muss ich erbeben:
Dein lieber Mund ist fern, der zu mir sagt: Verweile!

Weißt du, ob jener Freund heut' neben dir
es wirklich ehrlich mit dir meint?
Und ob nicht nur ein banges Einsamkeitsgefühl
euch zwei vereint?,
ob er gesteht, was ihn bedrückt,
wenn du Signale schickst: Vertraue mir?

Es ist schon viele, viele Jahre her -
da standen plötzlich neben mir
im Gang des Intercitys nach Hannover: Engel, zwei.
Ein kleines Lied ertönte leis'; wir lauschten alle drei.
Ich hatte viel geweint und und hoffte sehr,
dass niemand im Abteil die Tränen sieht,
war todbetrübt, wie 's einem manchmal so geschieht,
und ich erwartete kein Wunder mehr.

Was wir hernach einander sagten,
schwebte wie in einem grenzenlosen Raum.
Es war schon dunkel, doch durchs Fenster
drang ein warmes, göttlich blaues Licht.
Ich hörte einen meiner Engel sagen: „Fürcht' dich nicht.
Dort, wo viel Leid versammelt ist, es nie an Trost gebricht.“

Während ich das Wort „Leid“ in mein Gedicht fügte, dachte ich weniger an mich als an Jesus und an all die vielen Menschen, die dem Holocaust zum Opfer fielen. - Leid erfahren wir oft – manche Menschen mehr, manche weniger. Die Leidensfähigkeit der Menschen kann gigantisch sein. Je stärker und tiefer wir geliebt haben und geliebt wurden, desto größer wird unser Leid sein, wenn wir jene Menschen oder Tiere verlieren, die unserem Leben einen Sinn gaben, wenn wir nahe daran sind, auch unser Leben zu verlieren, sofern wir das Glück hatten, in der Lage gewesen sein, es zu lieben.
Am letzten Mittwoch habe ich den Dom zu Lübeck besucht; dieses eindrucksvolle kirchliche Gebäude zählt mit 132 Metern Länge und einer maximalen Breite von 53 Metern zu den größten Backsteinkirchen überhaupt. Sie wurde 1247 geweiht, zweimal erweitert, 1341 vollendet. Zentraler Blickfang im Langhaus ist das 17 m (!) hohe Triumphkreuz von Bernt Notke, erschaffen zwischen 1470 und 1477, das mit reichem Schnitzwerk („Jesus am Lebensbaum“) versehen ist. Eigentlich ist (fast) alles aus Gold, aber auf meinem Foto waren Jesus und die schönen Figuren nicht so gut sichtbar. Erst eine kleine Korrektur mit meinem Bildprogramm ließen sie deutlicher hervortreten.

Jesus am Lebensbaum; Foto: Annelie Kelch
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Interne Verweise

Kommentare

20. Mai 2017

Dein schönes wichtiges Gedicht berührt mich, Anneli, ich fühle es ähnlich. "Je stärker und tiefer wir geliebt haben und geliebt wurden, desto größer wird unser Leid sein". Das stimmt. Aber wer starke Liebe weder gegeben noch empfangen hat, der erst ist wirklich arm (leer, kalt) dran.
Liebe Grüße in den Samstagabend - Marie

20. Mai 2017

Herzlichen Dank für deinen Kommentar, liebe Marie. Ich stimme dir zu. Aber wissen das diese Menschen überhaupt? Wahrscheinlich nicht - und sie können ja eigentlich auch nichts dafür. Du glaubst gar nicht, wie schlecht ich schon manche Witwen über ihre Männer hab reden hören. Die blieben wahrscheinlich nur bei denen, weil sie finanziell versorgt wurden. Ich finde das furchtbar. Und kaum sind sie unter der Erde, haben sie auch schon wieder einen neuen Kerl. Von Leid keine Spur. Nun sind sie ja frei - durch die Rente finanziell versorgt. - Ich hätte so etwas nie aushalten können.- Nur meine Tante, deren Ehemann früh verstarb, habe ich immer sagen hören, wenn meine Mutter (die ja arbeiten ging) sich mal über meinen Vater beklagte: "Ich wäre froh, wenn ich Werner noch hätte." Das fand ich immer gut. Dann wurde meine Mutter ganz still.

Auch dir liebe Grüße - und ein schönes restliches Wochenende,
Annelie