Herbstnebel

von Annelie Kelch
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Die Welt ist fort ...
Ich muss dich tragen.
(Paul Celan, Atemkristall)

Draußen …
Manchmal trifft dich
ein warmer Blick,
der Alltagsketten
zu sprengen vermag.
Ich finde keine Worte
für die Sprache der Liebe,
bleibe stumm, weil ich reden kann.

In der Ferne blinkt der Fluss,
mein Wanderer, der bleibt – zu Hause,
immer im selben Bett und in meiner Zeit,
dem ich weine, was ich dir nicht sagen kann.

Vielleicht im nächsten Frühjahr,
dass ich dir ein Lied zirpe ...
wie die Zikaden den Gräsern,
einen Kuss über die Wiesen hauche,
der ins Wasser fällt, weil du nicht dort bist,
ihn aufzufangen. – Auch ich will
längst nicht mehr dort sein …

wünsche mir den Herbstnebel herbei,
der die Welt von mir nehmen wird
sanfter als der Tod; der mich tragen wird
durch die grauen Schwaden und mit ihm
schwindet die Augenlast von meiner Seele.

Blind werde ich sein, weil ich sehen kann
und taub – weil ich hören kann.

Kalt will ich sein – noch vor dem Tod,
weil ich nicht mal hassen kann jene fade Dummheit,
die keine Distanz kennt und durch fremde Türen dringt,
mit der Absicht zu verletzen, was nicht mehr verletzbar ist.

Quelle: pixabay
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Interne Verweise

Kommentare

20. Sep 2017

Dank, lieber Axel, dir, für deinen Kommentar.
Der Nebel; eine Ruhepause für die Sinne.
Das macht, dass ich ihn schrecklich liebgewinne -
wie leichten Wind und bisschen Sonnenschein in meinem Haar.

LG Annelie

20. Sep 2017

Grau in Grau die Stimmung jetzt, "blind, obwohl ich sehen, taub, obwohl ich hören kann", das gefällt mir besonders gut, doch wenn "ein warmer Blick die Ketten sprengen kann", wie du schreibst, wird alles gut. Sehr passend das Foto dazu.

Liebe Grüße - Marie

20. Sep 2017

Danke, liebe Marie. Ab und an begegnet man tatsächlich einem lieben Blick, zumal ich Radfahrer(innen) stets "vorlasse" und oft ein Lächeln übrig habe für ganz besonders schnuckelige Kleinkinder, die ich gerne beobachte - zum Beispiel, wenn sie bei "Rossmann" ihre kleinen Einkaufswagen (mit Flagge) durch die Gegend schieben und dann auch noch "Jesse" heißen und eine Schiebermütze tragen.

Liebe Grüße,
Annelie

20. Sep 2017

Trübsinnig verlass ich deine Zeilen, liebe Annelie, aber auch tief berührt…!

Liebe Grüße
Soléa

20. Sep 2017

Danke, liebe Soléa, für deinen Kommentar. - Du musst nicht traurig sein. - Nächstes Jahr irgendwann bin ich hier weg, und dann schreibe ich auch wieder ab und an heitere Gedichte.

Liebe Grüße und einen schönen Abend,
Annelie

07. Okt 2017

Dieses Gedicht hat mir der graue, nasskalte Oktobersamstag zum Kaffee präsentiert. Und dafür bin ich dankbar, denn es besticht durch wundeschöne Poesie. Hier ahne ich Hoffnung durch Weisheit, die sich der dunklen Melancholie entgegenstellt. Das freut mich, denn leicht lässt sich an solch einem Tag auch die eigene Befindlichkeit niederdrücken. Schön, wenn ein Text - ergänzt durch das Foto - solche Kraft besitzt.

Liebe Grüße,
Monika

07. Okt 2017

Liebe Monika, dein Kommentar ist sehr sensibel. Darüber habe ich mich ganz doll gefreut. Vielen, vielen Dank. Das Foto - ja, ich fand es bei pixabay. Ja, das hätte ich sein können, die sich da traurig mitten auf den Weg setzt und nachdenkt, keine Spur von Angst in dieser einsamen, nebligen Gegend. Damals war ich von "weise" weit entfernt. Keinem Mädchen würde ich das heute empfehlen.

Dir ein schönes Wochenende,
und selbstverständlich vergesse ich "dein" Oktobergedicht nicht,
das ich dir versprochen habe - ich arbeite bereits daran.
Liebe Grüße,
Annelie