Selbst wenn ich meine Haut müsst retten ...

von Annelie Kelch
Mitglied

Selbst wenn ich alles rings um mich vergäße:
Das Wetterleuchten und den Schaum der Meere,
die unversehrte Heimatstadt mit wässrig
blauen Rändern, davor Grünes grast ...

Selbst wenn der Sonnenschein sich nicht
mehr in mein Zimmer traute, das Wasser
nur an seiner Oberfläche freundlich wäre
und ich noch nie im Leben einen hohen Berg
erklommen hätte, Herrlichkeiten, die von
ferne lockten, nie erblickt ...

Selbst wenn die Wunde, die Du rissest,
wieder schmerzen sollte und mir die Sonne morgens
schon ihr feurig Schwert ins Herze stieße …

Selbst wenn die Angst sich unter Menschen
fortpflanzte wie Ratten, deren Mütter Gift gefressen,
ein Stier mir Narben auf den Rücken stanzte
und auch das Endgericht, das Jüngste,
auf den Adler schwörte ...

Selbst wenn des Friedens Glocke jäh verstummte,
ein Krieg ausbräche, darin Kinder in den
Tränen ihrer Mütter baden könnten ...

Selbst wenn die Einsamkeit mich überfiele ...
weil ein Diktator jeden Buchstaben hat
köpfen lassen, um zu verhindern, dass das Volk
von seiner Leseschwäche könnt erfahren ...

Selbst wenn ich meine Haut müsst retten
vor dem Feuersturm der Rosen oder das Boot
der Freiheit zu versinken drohte auf
dem offnen Meer mit mir – selbst dann ...

bliebe ich unversehrt – weil ich
mein Du fand in der Finsternis
dieser Welt …

eigenes Bild, Filzschreiber, Aquarellfarben auf Zeichenpapier u. digital; gemalt am 21.05.2018
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Kommentare

22. Mai 2018

Dein Kommentar mich sehr erfreut,
drum hab ich gute Laune heut.

LG Annelie

22. Mai 2018

"bliebe ich unversehrt – weil ich mein Du fand in der Finsternis dieser Welt" ... das ist eine mutige Aussage, liebe Annelie, die ich mir oft nicht zutraue ...

Liebe Grüße - Marie

22. Mai 2018

Liebe Marie, dank Dir für Deinen Kommentar. Es sind mehrere Interpretationen möglich ... Deshalb kann sich diese Aussage JEDER zutrauen, der die Menschen liebt, liest und denkt.

Liebe Grüße,
Annelie

22. Mai 2018

Dein Gedicht - voller Kraft und Zuversicht, starken poetischen Bildern - besinnt sich auf die eigene Stärke, auf Selbstfindung, setzt mutig den Herausforderungen des Lebens Eigenes entgegen - so lese ich es, liebe Annelie!

Liebe Grüße, Monika

22. Mai 2018

Danke, liebe Monika, für Deinen Kommentar. Deine Interpretation gefällt mir sehr gut. Genau so verstehe auch ich mein Gedicht - die meisten Worte werden uns ja "eingeflüstert", und wenn sie uns gefallen, schreiben wir sie nieder. Auf keinen Fall wollte ich mit der letzten Aussage selbstherrlich wirken; man könnte sie z.B. auch als Rettungsanker oder als Gebet auffassen.

Liebe Grüße,
Annelie

22. Mai 2018

Kann mich nur anschließen wunderbarer Text, der unerschütterlich ist, ebenso wie Deine ausdrucksstarke Kunst-Malerei.
Liebe Grüße in die Nacht
Sabrina

22. Mai 2018

Ein sehr starkes Gedicht! Es gefällt mir sehr!!!! Danke für dieses Gedicht!

23. Mai 2018

Wortgewaltig, bildgewaltig, beeindruckend. Ist das Du Dein Selbst oder eine andere Seele? Die Interpretaion liegt wohl bei uns. Auf jeden Fall ein starkes Gedicht mit einer eine starke Aussage. Selbst, wenn ich behaupte, zu mir selbst gefunden zu haben, könnte ich diese Aussage nicht machen.

Liebe Grüße, Susanna

23. Mai 2018

Herzlichen Dank für Deinen lobenden Kommentar, liebe Greta,

Liebe Grüße,
Annelie

23. Mai 2018

Liebe Susanna, Dein Lob freut mich sehr, vielen lieben Dank. Möglicherweise kann ich das Geheimnis "lüften" (komisches Wort übrigens). Ich lese momentan ein Buch über den Psychologen und Psychiater Carl Gustav Jung, der eine sehr bedrückende Kindheit und Jugend hatte, die er in fast völliger Einsamkeit, ja Isoliertheit verbrachte. Er war schon als Kind fest dazu entschlossen, einen kompromisslosen und einzigartigen Lebensweg zu gehen. Daher auch die Aussage: "Normal zu sein ist das Ideal der Mittelmäßigen". Jung hatte als Kind bereits sein "Du" gefunden, nämlich seine 2. Persönlichkeit, abgewandt von der Welt menschlicher Gesellschaft, aber nah bei der Natur und den Tieren, bei den Träumen und bei Gott. In Anlehnung an dieses faszinierende Buch habe ich obiges Gedicht verfasst.

Liebe Grüße zu Dir,
Annelie

23. Mai 2018

Liebe Angélique, danke für Deine lobenden Worte. Darüber freue ich mich wirklich ganz besonders, da Du ja wenig Zeit für Kommentare erübrigen kannst.

Liebe Grüße,
Annelie

23. Mai 2018

Liebe Sabrina, für Deinen nächtlichen Kommentar danke ich sehr ... lobet er mich doch und erquicket mein Herz mit Freude.

Liebe Grüße zu Dir nach Berlin,
Annelie

23. Mai 2018

Herzlichen Dank für diese Information. So tiefgehend habe ich mich noch nicht mit C.G. Jung befasst. Eine zweite Persönlichkeit in sich zu finden, stelle ich mir sehr spannend vor. Ich kenne zwar die Theorie der Teilpersönlichkeiten bzw. Persönlichkeitsanteile, aber eine zweite Persönlichkeit mit eben auch diesen Teilpersönlichkeiten ... Wer bin ich, wenn ja, wie viele ... es ist ein weites Feld.

Liebe Grüße und Danke noch einmal,
Susanna