Mondmeere ...

von Annelie Kelch
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Nachts trauern die Rosen,
weil mein Lieb weinen muss …
Im Tränenkanal staut
sich sein kleines Leid.

Alle Schleusen stehen offen;
aber es ist kein Schiff in Sicht,
das ihn retten könnt ...
Und es gibt nur einen Gott, der
ihn trösten kann: jener, der in
seinem Herzen wohnt.
Das ist eine Schmach!

Bring endlich den Schmerz zur Ruh,
mein Lieb, begrab die Leiden,
soll sich niemand dran weiden,
wenn ich fort bin.

Schau, in die tiefste Wunde
leg ich dieses uralte Etui aus
Doublé. Darin sind die Gefühle
deiner Großväter gefangen, alle, alle …
Leg deine dazu und dann schweig – bitte:
Dagegen kommst du nicht an und wirst
dein Leben lang ein Kind bleiben.

Und wirst dein Leben lang ein Kind bleiben,
mein Lieb, Schlafwandler im Honigmeer
des Mondes. Sterne werden dich willkommen
heißen und lieben. –

Nach dorthin will meine Seele wandern,
wenn ich gestorben und neu geboren bin –
und weiter noch: vom Delphin bis zum
Kleinen Löwen, um dich zu finden und
sich auszuruhen im himmlisch
weichen Haar der Berenike.

Mondmeere sind Tiefebenen aus Basaltgestein mit oft über 100 km Durchmesser, entstanden vor etwa 3-4 Mio. Jahren durch Meteoriteneinschläge. Diese Mondmeere haben Namen, z.B. Honigmeer, Meer der Gefahren, Kältemeer etc.
Bei den Begriffen ,Delphin', ,Kleiner Löwe' und ,das Haar der Berenike` handelt es sich um Sternbilder.

Eigenes Foto; copyright: Annelie Kelch
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Kommentare

20. Jul 2018

Liebe Annelie, ich wußte nichts vom Haar der Berenike.... es ist toll von dir, dass du nicht nur so schöne Motive / Elemente in deine Verse kleidest, sondern auch eine Notiz davon gibst, worum es sich handelt ( ich hätte es ohnehin nachgeforscht, du kennst mich, aber es als Nachtrag "präsentiert" zu bekommen ist es schöner...
Es sind so viele schöne Elemente darin, ich weiß gar nicht wo ich anfangen soll- außerdem will ich es nicht zerpflücken. Aber mein Favorit ist unbestritten die Passage "Schau, auf die tiefste
Wunde leg ich dieses uralte Etui aus
Doublé. Darin sind die Gefühle
deiner Großväter gefangen, alle, alle …
Leg deine dazu und dann schweig – bitte:
Dagegen kommst du nicht an und wirst
dein Leben lang ein Kind bleiben."

Das spricht mir so aus dem Herzen!
Ganz liebe Grüße,
Anouk

20. Jul 2018

Herzlichen Dank für Deinen lieben, zustimmenden Kommentar, liebe Anouk. Es ist schön zu wissen, dass es noch Menschen gibt, die ebenso empfinden wie man selbst. Ein kleiner Trost in dieser schnelllebigen Zeit, darin meist nur das Materielle zählt und Wissensdurst oft aufhört mit den neuesten Handyfunktionen.

Liebe Grüße zu Dir und viel Sonnenschein,
Annelie

20. Jul 2018

„Im himmlisch weichen Haar der Berenike.“ möchte ich auch ruhen, Annelie. Dein schönes Gedicht öffnet mir eine andere Welt …

Viele Grüße zu Dir nach Lübeck
Soléa

20. Jul 2018

Vielen Dank, liebe Soléa. Möglicherweise treffen wir uns ja dort irgendwann - in dieser anderen Welt.

Liebe Grüße,
Annelie

20. Jul 2018

Liebe Annelie, Dein hoch poetisches Gedicht erzählt von magischen Mondmeeren, die verzaubern und ferne Welten öffnen, es scheint mir aber auch eine melancholische Liebeserklärung zu sein an EINEN, der verloren ging …

liebe Grüße - Marie

20. Jul 2018

Liebe Marie, vielen Dank für Deinen einfühlsamen Kommentar. Der EINE, den ich dabei ganz besonders im Auge hatte, hat mir einmal gesagt, dass er glücklich sei. Und ich hoffe sehr, dass er immer noch glücklich ist und werde es hoffentlich bald erfahren. Man könnte das Gedicht aber auch als einen Appell betrachten an Menschen, denen es schwer fällt, Trauer und Leid zu überwinden. Es gibt immer noch ein viel größeres Leid als das eigene. Wenn man das erkannt hat und sein eigenes Leid überwindet, ist man erwachsen geworden - und darf immer noch Kind sein in manchen Augenblicken und sich hinaus zu den Sternen träumen.

Liebe Grüße,
Annelie

20. Jul 2018

Zwischen Kranich und Tukan erhebt sich, wie der Phönix, dein schönes Poem in kristallklar träumende Himmelshöhn - so schön wie außergewöhnlich!

LG Yvonne

20. Jul 2018

Danke, liebe Yvonne, danke für Deine - wie immer außergewöhnlich - seelenvollen Zeilen.

LG Annelie