Komm mir nicht mit deinen Grabesreden; Nachdichtung zu 'Psalm des Lebens' von H.W. Longfellow; für P.

von Annelie Kelch
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Komm mir nicht mit deinen Grabesreden:
'Ach, das Leben, ach, es ist ja weiter nichts
als nur ein leerer Traum.'
Für das Leben gilt nicht, was die Seel' betrifft:
Sie darf schlummern, wenn du einst gestorben bist.

Leben - hier, jetzt und wahrhaftig,
hat zum Ziel nicht deinen Tod.
Für die Seele gilt schon gar nicht,
'dass du Staub nur bist
und Staub wirst'.

Weder Freud', Glück noch Betrübnis
sollst du als dein Schicksal ansehn,
sondern handeln - treu und redlich,
dass du eines besseren Morgen
stärker wirst im Leben stehn.

Kommt die Zeit dir auch sehr lang vor:
Sieh' doch, wie die Stunden eilen.
Horch auf die gedämpften Trommelschläge
deines Herzens, das dich - treu ergeben - auf
den Weg zur Ruh' in Gottes Herz begleitet.

Kannst dich treiben lassen wie die
stumme Kreatur übern weiten Umschlagplatz
der Welt; kannst im großen Krieg des Lebens
auch als 'Mensch' im Streit bestehn.

Setz nicht alles auf die Zukunft,
kommt sie dir auch noch so rosig vor
(ruh dich nicht auf fremden Lorbeern aus).
Geh hinaus, mit gütigem Herzen,
glaub daran, dass Einer dich beschützt.

Weder unterkriegen lassen gilt,
noch: 'nach mir die Sintflut'.
Trau dir zu, was andere schaffen.
Selbst die flachste Spur, die du
der Welt vermachst, hilft dem Erdenkinde
weiter, das nach dir umherirrt
auf der Welt uraltem Haupt.

Zweifeln sollst du, aber nicht verzagen
und nie außer acht die Stimme deines Herzens
lassen. Schau nach vorn: Es gibt
noch viel zu tun; denn vollbracht
ist 'nur' am End' das Leben.

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