Der böse Traum - und ein Erwachen

von Annelie Kelch
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Der Morgen graute -
grau verhangen,
und leise ist der schwere Traum
von mir gegangen,
der meine Nacht erschwerte,
wogegen ich mich wehrte,
jedoch:

Ich sah ein Kreuz auf einem Grab,
darauf dein Name stand
und setzte mich auf eine Bank
ganz in der Näh';
ich weinte leise;
mir tat das Herz
so schrecklich weh.

Der Dämmer kam, ich wollte nicht
nach Hause, das ohne dich
nicht länger eines für mich war.
Wir waren doch noch gestern erst
ein inniges und frohes Paar.

Ich stellte mich noch einmal vor dein Grab,
da strecktest du den Arm heraus
und zogst mich tief zu dir herunter;
ich glaubte fast, die Welt ging unter.
Mir wurde eisig kalt ums Herz und bang,
als ich dein fleischloses Gesicht erschaute,
der Traum, er dauerte so furchtbar lang …

Der Morgen graute -
grau verhangen,
und leise ist der schwere Traum
von mir gegangen,
der meine Nacht erschwerte,
wogegen ich mich wehrte …

„Noch eine Tasse Kaffee, darling“,
fragte ich und pickste mit dem spitzen
Bleistift durch die Morgenzeitung,
die dich seit einer guten halben Stunde
von mir trennte.
Du sprachst: „Ach, ausgerechnet jenes
ganz spezielle Wort, das du soeben
mit dem Bleistift picktest fort,
war für mich äußerst wichtig.
Nun ist er null und nichtig -
der Text über das Sterben,
mein potenzielles Ruhegrab,
Versicherung und Erben!“

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