Am anderen Tag, am anderen Ort

von marie mehrfeld
Mitglied

Mit 14 war ich ʼne freche Range.
Tat so, als wär’ mir vor niemandem bange.
Grüßte Herrn Löns nicht ums Verplatzen.
Juckte es, wollt’ ich mich sogleich kratzen.
Provozieren machte mir damals schon Spaß.
Selbst wenn ich beim Mittagessen saß
mit Messerbänkchen und Stoffservietten.
Es gab jede Menge von Etiketten,
die wir zu der Zeit beachten mussten.
Nicht nur das: Hand vor’n Mund beim Husten!
Tochter, versteh, das gehört sich nicht,
beim Begrüßen schaut man sich ins Gesicht!
Nimm nicht so viel Salz, das ist ungesund!
Kein Widerspruch! Halt’ jetzt besser den Mund!
Nicht so häufig vom Zuckerzeug naschen!
Hast du dir auch die Hände gewaschen?
Unterbrich deinen Vater nicht beim Reden.
Halte die Augen geschlossen beim Beten.
Sonntags wurd’ nicht im Bett ʼrumgehangen,
sondern um zehn in die Kirche gegangen.
Auch Herr Jesus war stets unser Gast.
Ich habe mich - schon daran angepasst.
Habe die Regeln zum Teil beachtet,
jedoch auch mit Ironie betrachtet.
Viel später, zur Achtundsechziger Zeit,
da war ich zum Aufstand gerne bereit.
Weg mit dem Muff der alten Talare,
dem ganzen Mief der vergangenen Jahre!
Ich hab’ mich von vielen Gesetzen gelöst,
und mich mit neuen Parolen getröst’.
Doch leider haben sie’s übertrieben.
Kinder – soll man mit Abstand lieben.
Ich ging auch mit ihrer Gewalt ins Gericht.
Und - ganz ohne Regeln geht es nicht.

Jetzt bin ich nicht mehr jung an Jahren,
fürchte mich oft vor neuen Gefahren.
Doch meine Meinung laut zu sagen,
das werde ich noch mit 100 wagen.

Das ist, wie ihr merkt, nicht unbedingt Dichten.
Ich erzähle. Gedanken und alte Geschichten.
Reime dabei auf einfache Weise -
einmal sehr laut und ein andermal leise.
Das erfreut mich. Und so fahre ich fort.
Am anderen Tag, am anderen Ort.

Buchempfehlung:

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

02. Dez 2017

In die Kirche brauchte ich nach der Konformation Sonntags nicht mehr, aber alles andere war ähnlich wie bei dir. Leider hatte ich damals noch nicht so viel Mut wie jetzt. Dein Gedicht ist - wie Eva bereits schrieb - w u n d e r v o l l !

Liebe Grüße,
Annelie