verschwommene Bilder

von marie mehrfeld
Mitglied

Sommersonnentag,
Wäscheleine baumelt
doppelt befestigt
am hohen weit hinaus
ragenden Birnbaumast,
darauf ein ehemals rotes
rissiges Brett
aus dem Küchenregal,
Mädchen mit Zöpfen
sitzt auf der Schaukel,
summend, beide Hände
am ausgefransten Hanfseil,
ein uralter Mann
im schwarzen Gewand
mit weiß wallendem Bart
und listigen grünen Augen,
der liebe Gott?
stößt sie mit beiden
Händen kräftig an,
höher will sie, ruft, mehr,
mehr, jauchzt vor Glück,
unersättlich ist sie,
wirft den Kopf
in den Nacken,
die Beine hoch in der Luft
schwingt sie sich
immer weiter, weiter
in den blauen Himmel
hinauf und freut sich,
dass sie lebt.
Dann löst sie ihre Hände
von den Seilen und fliegt
mit erhobenen Armen
atemlos weiter,
bis sie in den Wolken
verschwunden ist.
Ihre Schaukel kehrt
einsam zur Erde zurück,
der Tag ist nun da,
die verschwommenen
Bilder schnell hell rotgolden
aus dem letzten Traum
sitzen noch in ihr,
sie lächelt und fühlt sich
wie damals,
als sie ein Kind war

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92 Seiten / Taschenbuch
EUR 9,50

Interne Verweise

Kommentare

28. Jun 2017

Danke, Axel.
Solche Bilder aus der Ferne -
an die denke ich sehr gerne.

LG Marie

28. Jun 2017

Bis auf die Zöpfe, liebe Marie, sehe ich mich! Ach wie schön!

Liebe Grüße aus der Ferne
Soléa

Detmar Roberts
28. Jun 2017

Hallo, Marie, deine Traumgeschichte erzeugt bei mir schöne verschwimmende Bilder. Das bezopfte Mädchen auf der Schaukel erinnert mich außerdem an das Theodor Fontane Märchen von kleinen Häwelmann, bei ihm hat die Unersättlichkeit allerdings kein gutes Ende.
Liebe Grüße! D.R.

29. Jun 2017

Detmar, danke. Ich erinnere mich dunkel an dieses Märchen, da war der verwöhnte kleine Junge, der nur einschlafen wollte, wenn ihn seine Mutter in seinem Bettchen hin- und herrollte; weil das nicht half, schickte der Mond schließlich einen Strahl durch das Schlüsselloch, auf dem er in die weite Welt hinaus fuhr … diese Geschichte hat aber wenig mit dem Mädchen auf der Schaukel zu tun.
LG, Marie

28. Jun 2017

Liebe Marie, eine schöne Geschichte. Ich habe auch immer so gerne geschaukelt - und bin dann - in höchster Höhe - von der Schaukel gesprungen - ein Wagnis, das immer gutgegangen ist. Das war hier, in der Nähe von Lübeck, in Krummesse. Meine Sommerfreundin Christine hatte eine Schaukel bei ihrer Großtante im Garten. Es war himmlisch dort. - Davon abgesehen, erinnert mich die Geschichte ein ganz klein wenig an den"Kleinen Häwelmann" von Theodor Storm: "Mehr, mehr, mehr, alter Mond", schrie der kleine Häwelmann ... Und das Foto ist wunderschön.

Liebe Grüße,
Annelie

29. Jun 2017

Danke, Annelie. Das Storm-Märchen hat mich höchstens unbewusst angeregt, eher Erinnerungen. In unserem und auch in Nachbargärten gab es improvisierte Schaukeln, auf denen wild geschaukelt wurde, ich ernnnere mich auch daran, darüber nachgedacht zu haben, was wohl passieren würde, wenn ich das Seil losließe, was ich aber zum Glück unterlassen habe.

Liebe Grüße, Marie

29. Jun 2017

Liebe Marie, ich wusste gleich, dass dich Erinnerungen angeregt haben; da ich aber die Häwelmann-Gute-Nacht-Geschichte sehr oft vorgelesen habe, sind mir viele Sätze noch im Gedächtnis. Es konnte nicht viel passieren: Man flog ein kleines Stück in der Luft - und landete, meistens auf allen Vieren - im weichen Sand. Trotzdem war es nicht ganz ungefährlich. Ich hätte es meinen Kindern verboten. Mein Jüngster hätte es eh nicht gewagt - und bei meinem Ältesten habe ich es - Gott sei Dank - nie gesehen. Nun denke ich noch über improvisierte Schaukeln nach: Gummireifen als Sitz, zwischen Baumstämmen? Im Krieg macht 'Not' sehr erfinderisch.

Liebe Grüße,
Annelie

29. Jun 2017

Liebe Annelie, danke. Ich hab es nachgelesen, die Geschichte vom kleinen Häwelmann endet traurig: "Der kleine Häwelmann fährt schließlich bis zum Ende der Welt und mitten in die Sterne am Himmel hinein, so dass etliche vom Himmel fallen; dem Mond rollt er frech über die Nase. Das ärgert den Mond so sehr, dass er sein Licht auslöscht und nun auch die Sterne schlafen gehen. Häwelmann fährt weiter umher, bis schließlich die Sonne aufgeht und ihn ins Meer wirft." Am Ende also der erhobene Zeigefinger. Der fehlt bei meinem schaukelnden Mädchen völlig, wohin sie ohne Schaukel fliegt, ist ungewiss, ich stelle mir aber vor, dass sie da, wo sie landet, nur Gutes erlebt.
Liebe Grüße, Marie