Turmalinmorgen

von Anouk Ferez
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Der Weg entsprang unsren Füßen – erinnerst du dich? –
wie hingemalt, mit jedem Schritt.
In den Auen unsrer Augen röteten sich die Wangen
eines frisch geschlüpften Tages
und wir küssten den bröckelnden Rest der Nacht
so rasend fort,
dass er schließlich in den Fuchsbau floh.

Wie hoffnungsleicht umschlangen wir das Leben
– weißt du noch?
Die pochenden Schläfen sonnenbestäubt,
windbepinselt die glühenden Wangen,
um unsere Waden kühle Dunstbandagen.
Und unter den nackten, tastenden Sohlen
wisperten letzter Tau, Erdgeflecht und Wurzeln.

Wir tanzten mit der Hoffnung
bevor wir uns wie zwei Wiesel
zwischen uralten Baumankern duckten
und im Atem des Waldes versanken.

Lichte Buchenschirme, vom Sommer erfasst,
windbewegt wie lange Flechten,
von Sonnenfunken in Smaragd
und Turmalin verwandelt:
"Hier möchte ich wohnen."
Du lachst, als meine Zehen
wie Käfer das Fundament scharrten.

Scheue Schönheit, wo anfängliche Scham
in der Laube zweier Arme zu Hingabe erblühte.
Ein ineinander Wachsen und Werden.

Wie oft streifte uns ein buntgefiedertes Lachen
im Sinkflug – weißt du noch?
Das Glück war nestwarm aus dem Himmel gefallen
und hatte seine Residenz
in unserer Buche bezogen.

Meine Sonnenbrille klemmte
in der Gabelung der Astgarderobe
unseres rauschend grünen Palastes
und nie fühlte ich mich so sehr
zuhause wie in dem Bild
deines Schattenrisses vor
flammendem Buchenlaub.
Dein liebender Blick
malte unsere Geschichte
auf meine Haut.
– Wie könnte ich je vergessen…

Anouk Ferez, 28.7.2017

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Kommentare

28. Jul 2017

Liebe Anouk, danke, für dieses wundervolle Liebesgedicht. Es kommt mir so vor, als hätten Silvia Plath und Ted Hughes es zusammen geschrieben; Ted Hughes, der hervorragende Gedichte über die Fauna geschrieben hat, die nicht nur Tierliebhaber schätzen - und Silvia, deren Gedichte den deinen ähneln - und dass du mich mit dem Gedicht daran erinnert hast, dass ich unbedingt die "Briefe nach Hause" von Sylvia weiterlesen muss - und will.

Liebe Grüße,
Annelie

28. Jul 2017

Liebe Annelie, nun muss ich erstmal nachschauen, wer Ted Hughes und Silvia Plath sind. Ich bin wie immer fasziniert über dein großes Wissen in dem Bereich Kunst und Literatur: Bist du Dozentin für so etwas? Wirklich, sag mal, woher weißt du das alles? Wie immer freue ich mich, dass du mir Namen/Personen vorgibst , die ich dann auf diesem Wege "kennenlerne" - hinterher frage ich ich jedes Mal: Warum wusste ich über diese tollen Persönlichkeiten vorher nichts? Es ist stets eine Bereicherung, meinen Horizont über dich/deine Aussagen zu erweitern.

Liebe Grüße, danke für den lieben Kommentar, wie immer freue ich mich sehr von dir zu lesen
Anouk

28. Jul 2017

Liebe Anouk, danke für deine Antwort. Sylvia Plath war eine hochbegabte amerkanische Lyrikerin und Schriftstellerin, die noch während ihrer College-Zeit den Dichter Ted Hughes geheiratet hat. Sie hatten zusammen zwei Kinder. Die Ehe scheiterte. Sylvia glaubte, den hohen Anforderungen, die sie stets an sich selber stellte, nicht mehr gerecht werden zu können und nahm sich im Alter von gerade mal 31 Jahren, glaube ich, das Leben. - Leider. Ihr Roman "Die Glasglocke" ist sehr bekannt. Ich weiß das alles, weil ich schon immer viel gelesen habe und immer noch viel lese. Darüber hinaus hatte ich mal eine Englischlehrerin, die ihre Magisterarbeit über Sylvia geschrieben und mir davon berichtet hat. Diese Lehrerin konnte auch prima Russisch und hat mir mal ein Gedicht aus dem Russischen übersetzt, das Jessenin, russ. Lyriker, dessen Gedichte ich sehr mochte, geschrieben hat.
Sylvia Plath' Gedichte haben einen ähnlichen Charakter wie deine. Das ist mir erst heute aufgefallen, weil ich bei deinem Gedicht an Ted Hughes, ihren Ex-Mann, denken musste. Lies irgendwann selbst, was Sylvia geschrieben hat - dann wirst du mir gewiss - zumindest ein wenig - beipflichten.
Liebe Grüße,
Annelie

28. Jul 2017

Danke liebe Annelie, ich habe leider noch nie von der Glasglocke gehört, aber nun bin ich so interessiert, dass ich es unbedingt noch diesen Sommer lesen werde. Ich finde es immer sehr spannend, wenn Paare Bücher schreiben, so habe ich vor etlichen Jahren Simone de Beauvoirs "Alle Menschen sind sterblich" quasi parallel zu Sartres "Das Spiel ist aus" gelesen. Ich werde unbedingt in Erfahrung bringen, wie Sylvia geschrieben hat. Tragisch, ihr früher selbst verhängter Tod. Oft liegen Lyrik , Genie generell und Freitod eng zusammen, leider.
Ich habe echt gedacht, du wärst vielleicht Dozentin für bestimmte Fachbereiche. Um so mehr bewundere ich, dass du so viel und so breitgefächert liest. Ich selbst komme momentan recht wenig dazu: Schulferien der Kinder und so viel Aktivitäten draußen, von der Arbeit ganz zu schweigen. Aber die Glasglocke nehme ich mir fest vor! DANKE!
lG
Anouk

28. Jul 2017

Wie könnte man je vergessen... dieses Gedicht.
Lange drüber sinniert , da von zarter Naturschönheit
Der Denker

28. Jul 2017

Danke, lieber Denker. Aber nicht, dass mein Leser quasi länger darüber nachdenkt als ich selbst. Es kam mir spontan
Danke für den lieben Kommentar!
Herzlich,
Anouk

29. Jul 2017

Ein funkelndes, leidenschaftliches Liebesgedicht. Du hast es erlebt, sonst könntest du es nicht beschreiben; beneidenswert.

LG - Marie

29. Jul 2017

Liebe Marie, was ist schon real, was ist schon Traum, was ist schon gestern-heute-morgen, was ist gewesen, was ist ein wird-kommen? Ob man alles in diesem irdischen Leben erlebt haben muss , um es zu beschreiben? Ich hülle mich in Schweigen.. :-)

Komischerweise haben Farben für mich eine große Bedeutung. Es ist, als rufen Farben in Menschen Emotionen wach, die sie fast schon verschüttet glaubten. Bilder, die in ihrer Transparenz fast schon entglitten waren.

Fast ist es einerlei, was man "echt" erlebte. Zumal ich der festen Überzeugung bin, dass wir viele Leben tragen und das jetzige Leben "nur"das Resultat vieler vorangegangener ist. Wichtig ist eins: Das Gefühl , das in uns steckt und das wir weitergeben.
Und diese Gefühle können lila, blau oder turmalingrün sein.
Jeder hat seine Farben...
Danke für deinen lieben Kommentar. ich schätze diese immer sehr
Anouk