Wenn die Kraniche ziehn …

von Annelie Kelch
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Erhabener Kranich – willkommen
Ist den seichten Gewässern dein
Andächtig Stelzen: langsamer
Noch als die Schnecke und
Der schlafwandelnde Mond ...

Erhebst du dich, o mein Kranich
Flügel an Flügel für den magischen
Weg gen Süden, rauscht mir das Blut
In den Adern, bleibt die Minute
Unvollendet und ich vergesse meinen
Liebsten und will dir folgen ...

Herbsteskälte auf der Suche nach Wärme ...
Eisig schmiegt sie sich an mich
Wider wallende Nebel qualmen die hungrigen
Schornsteine, dem Holz und der Kohle verfallen –
Süchtiger bin nur ich ... nach einem Wort
Von meinem Liebsten

O Laub, den Stacheln des Igels
entgegentanzend, dem kleinen Tod
Im Winterschnarch wärmeumschauert
Unterm Blätterschnee versunkener Pfade
Darin sich der Frieden verkriecht ...

Verbrüdert mit Meeren und Flüssen, von
Aiolos verflucht, so wüten die Stürme der Welt ...
Briefworte, eingedunkelt, wiegen schwerer
Denn je – nach milderen Tagen steht mir der Sinn
Hör ich das Vieh in den Ställen brüllen
Und mit den Ketten klirren

Darfst welken, o Röslein rot auf der Heiden
Dein holder Knabe wird nicht kommen
Der Brockenhexe kalter Atem ließ
In der Früh sein Herz zerspringen ...
O niemand mehr, der im leeren
Schneckenhaus wohnen möcht ...

Adagio – auf Kranichfüßen neigt
Sich das Jahr dem Ende zu ...
Erst wenn die Rose himmelblau ihr purpurnes
Tausendwort spricht und das Laubblatt
Fünfzählig ihr unterm Dorn fiedert
Hält der Zug über dem hohen Haus
Und mein Kranich steigt unversehrt aus ...

Fällt dieser Tage mir die hungrige Möwe
In den Rücken, mal ich der Spinne ein unheilig
Kreuz und lass mich sinken ins Netz ihrer Träume.

Die Schönheit der Kraniche und ihre spektakulären Balztänze haben schon in früher Zeit die Menschen fasziniert. In der griechischen Mythologie war der Kranich Apollon, Demeter und Hermes zugeordnet. Er war ein Symbol der Wachsamkeit und Klugheit und galt als „Vogel des Glücks“. In China stand er für ein langes Leben, Weisheit, das Alter sowie die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Auch in Japan ist der Kranich ein Symbol des Glücks und der Langlebigkeit. In der Heraldik (Lehre von den Wappen) ist der Kranich das Symbol der Vorsicht und der schlaflosen Wachsamkeit. In der Dichtung steht der Kranich symbolisch für das Erhabene in der Natur.
Aiolos: griechischer Gott des Windes (Wikipedia),
Brockenhexen sind fiktive Gestalten des Volksglaubens, die durch ihre angeblichen Versammlungen auf dem Brocken, vor allem zum Hexensabbat zur Walpurgisnacht, mit diesem in Verbindung stehen (Wikipedia),
Heidenröslein: Gedicht von Goethe (1770), vertont auch von Franz Schubert …
Adagio: in der Musik, langsam, verlangsamt

Foto von pixabay, stark verändert; Copyright: anne li
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Interne Verweise

Kommentare

28. Sep 2018

Wunderschön, liebe Annelie!
Da möchte man gleich mitfliegen "Flügel an Flügel" und erst wiederkommen "wenn die Rose himmelblau ihr purpurnes
Tausendwort spricht und das Laubblatt
Fünfzählig neben ihrem Dorn fiedert"

Empfunden, getrunken
Geträumt und versunken
Danke dafür :)

Lieben Gruß,
Ella

28. Sep 2018

Danke, liebe Ella, für Deinen schönen, poetischen Kommentar, über den ich mich wieder sehr gefreut habe.

Ganz liebe Grüße zu Dir
und ein wunderschönes Wochenende,
Annelie

29. Sep 2018

Sehr schön, liebe Annelie, da zieh ich gerne mit.
Ich stolperte nur etwas über beiden die Stellen:

„Unvollendet und ich vergesse meinen
Liebsten …“ 2te Strophe und

„süchtiger bin nur ich:
Nach einem Wort von meinem Liebsten“ 3te Strophe …

zuerst vergessen und dann süchtig sein, passt das so zusammen?

Sei lieb gegrüßt
Soléa

29. Sep 2018

Liebe Soléa, die Minute bleibt unvollendet, in der ich meinen Liebsten vergesse (es vergeht keine) - und süchtig bin ich (fast) immer nach meinem Liebsten, aber wenn die Kraniche ziehen, dann vergesse ich ihn ... fast eine Minute lang. Das ist doch nun wirklich zu verstehen. Darüber hinaus braucht längst nicht alles in der Poesie verstanden zu werden (siehe bitte auch Yvonnes Gedichte). Ein wenig Gedanken muss man sich schon machen. Über eines von Yvonnes Gedichten habe ich fast einen Tag lang gebrütet, und das hat mir auch noch Spaß gemacht. Danke für Deinen Kommentar. Kritisieren sollte und kann man in einem Gedicht den Inhalt, sofern er sittenwidrig, hundsgemein etc. ist, den Rhythmus, sofern er unter aller ... sein sollte, das Versmaß, den Reim, total Primitives ...

Liebe Grüße und ein schönes Wochende,
Annelie

29. Sep 2018

Liebe Annelie, es ist nicht persönlich gemeint, es war/ist mein Gedanke über deine/diese Zeilen, die ich mir gemacht habe, das hat mit Kritik nichts zu tun und selbst wenn, darf doch jeder eine Meinung haben, auch zu deinen Gedichten … meine ich!

Liebe Grüße
Soléa

29. Sep 2018

Ganz sicher, liebe Soléa, richtig gute Kritik ist mir sogar sehr willkommen, da mein Lieb in Berlin, der mich immer sehr konstruktiv kritisiert hat, momentan seinen Mund hält. Hättest Du geschrieben: Also Annelie, die vierte Strophe mit dem Igel, die passt da irgendwie nicht rein, die solltest Du entweder ändern oder ganz weglassen, hätte ich Dir voll beigepflichtet und das Ding sofort entfernt, weil ich momentan keine Zeit zum Ändern habe. Ich habe auch schon so manchen Abend, um 23:00 Uhr rum, über eines von Yvonnes Gedichten gesessen und geflucht, weil es mich wachhielt; aber das ist ja gerade das Gute, dass man nicht träge im Denken wird. Es gilt aber auch, dass man sich gegen Kritik, die man als nicht haltbar empfindet, wehrt.

Liebe Grüße zu Dir,
Annelie

Ingeborg Henrichs
29. Sep 2018

Liebe Annelie, hier möchte ich mich einfach mal Ellas Würdigung anschließen; geträumt und versunken bin ich beim Lesen und innerem Sehen in Deinem Gedicht. Gern lasse ich mich von der Poesie verzaubernd mitnehmen, freue mich, wenn die Texte mich ansprechen oder anregen, mich zum Innehalten fordern, neue Gedankenkombinationen herauskitzeln aus alten Sichtweisen. Ein lieber Gruß kommt von Ingeborg

29. Sep 2018

Liebe Ingeborg, ich danke Dir ganz herzlich für Deinen Kommentar, den ich mit in den Sonntag nehmen werde. Du und Yvonne, ihr beide habt meinen Samstag gerettet: Du - mit Deinen lieben Worten und Yvonne mit zwei neuen Texten. Gerettet, weil ich eben den guten Spinat in der Mikrowelle hab abbrennen lassen. Nun ist er trocken wie ein alter Kuhfladen ... Ich hatte mich so gefreut, hungrig wie selten, auf Spinat mit Spiegelei, Tofu und Tomaten. Aber auch Soléa hat mir heute Gutes getan mit ihrer Kritik: Danach habe ich nämlich die vierte Strophe umgeschrieben. Und nun bin auch ich endlich zufrieden mit meinem Gedicht. Kraniche, liebe Ingeborg, kann man auch selbst falten = Origami-Kraniche. In Japan wird das praktiziert. Wenn Du 1000 Kraniche gefaltet hast, gewähren die Götter Dir einen Wunsch. Die Anleitung gibt es im Internet.

Ganz liebe Grüße zu Dir, Ingeborg,
und ein wunderbares Wochenende
wünscht Dir von ganzem Herzen,
Annelie

30. Sep 2018

Jedes Jahr wieder „bleibt die Minute unvollendet“ bei ihrem Anblick, man und möchte mit ihnen ziehen, Dein Gedicht verzaubert, Annelie, danke dafür …

liebe Grüße - Marie

30. Sep 2018

Liebe Marie, ich freue mich, dass Du Deine Geburtstagsfeier gesund überstanden hast und danke Dir ganz herzlich für Deinen lieben Kommentar.

Liebe Grüße und einen schönen Sonntag,
Annelie

30. Sep 2018

Im Herbsttraum versunken
Geschlafwandelt im Wort der Zeit auf Stelzen
Erhob es auf Flügel mich rauschend
gen Süden in Adern – und folgt ich den
Gedanken zur Nacht in den Morgen
deinem süchtigen Sehnen
oh Kranichschöne

LG Yvonne

30. Sep 2018

Danke, liebe Yvonne, für Deinen durch und durch poetischen Kommentar, der ein sehr gutes und ganz wunderschönes Gedicht ist, würdig, noch ein, zwei Strophen hinzugefügt zu bekommen - von Dir. - Ich bin mehr als nur begeistert von diesem Text ...

Liebe Grüße,
Annelie

30. Sep 2018

Ein Geschenk dein Gedicht und so will ich mich bedanken!

Lieben Gruß, Eva

30. Sep 2018

Danke, liebe Eva; ich freue mich sehr, dass Dir mein Gedicht gefallen hat.

Liebe Grüße und eine schöne Woche,
Annelie