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Wüstensohn

Bild von Annelie Kelch
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Seit ich begonnen hatte, mit Olivia in der Welt umherzureisen, erlag ich dem Zauber orientalischer Souks; von diesem Zeitpunkt an liebte ich alle Souks dieser Welt, der Markt in der Medina von Tunis jedoch ließ mich nie mehr los. Ich konnte nicht genug bekommen von den exotischen Düften, die über den eng verwinkelten Gassen der Altstadt hingen: ein betörendes Gemisch aus aromatischen Gewürzen, Henna, frischer Minze und einer Vielzahl berauschender Essenzen, Odeurs vollendeter Jasmin-, Orangen- und Geranienblüten, die Tausenden von Parfümfläschchen entströmten und die einheimischen Frauen wie Weihrauch umgaben.
Auf jenen Märkten, die ohne den lärmenden Trubel nicht mehr und nicht weniger als ein Geflecht aus dunklen schmalen Altstadtgassen waren, Labyrinthe, die jäh endeten oder sich gar nimmer verlieren wollten, fühlte ich mich wie in einem Märchen aus 1001 Nacht. Ein Basarstand ging fließend in einen anderen über, ein Händler hockte neben dem anderen.
Da saßen hochbetagte Männer im Schneidersitz auf dem warmen Boden, die vor dem jahrhundertealten Mauerwerk fensterloser Läden bedächtig ihre Wasserpfeifen schmauchten, solche, die mit gurrenden Lockrufen Waren anpriesen und leidenschaftliche Feilscher. Es gab kaum etwas, das dort nicht mit blumigen Worten feilgeboten wurde.
Selig ließ ich mich von flanierenden Touristen durch das Halbdunkel gewölbeartiger Schluchten drängen, vorüber an Kisten mit aufgehäuftem Obst, Gemüse und Kräutern, schillernden Stoffballen, glänzendem Gold- und Silberschmuck und leuchtenden Teppichen mit wunderschönen Ornamenten. Ich hätte die ganze Nacht hindurch die Gänge zwischen den heiligen Mauern entlangwandern können, um gegen Morgen erschöpft in das Tal inmitten mächtiger Berge von Seilen zu sinken, die Amir Nasr in einem schummrigen Hinterzimmer flocht und vor seinem winzigen Laden feilbot.
Wir flogen bereits zum fünften Mal nach Tunis, Olivia und ich. Livi, so nannte ich sie, sprach leidlich Arabisch; aber das war nicht der Grund, weshalb ich gerne mit ihr reiste. Sie war für jede Überraschung gut und verlor selbst in heiklen Situationen, in die wir auf unseren abenteuerlichen Expeditionen nicht selten gerieten, niemals den Überblick, geschweige denn ihre Fassung, und ich fragte mich oft, ob es überhaupt etwas gab, dass sie aus der Ruhe bringen konnte. ‑
„Ich weiß genau, woran du gerade denkst.“ Livi warf mir einen ihrer unverwechselbaren Blicke zu, der aus rehbraunen Augen wie ein Laserstrahl auf mein Gesicht traf. Ihr Mund war zu einem spöttischen Lächeln verzogen.
„Na?“, fragte ich ermunternd und tat so, als sei ich wahnsinnig gespannt.
„An den Souk in der Altstadt, genauer gesagt, an Amir Nasr, den Seilkünstler, von dem du nie genug bekommen kannst.“
Sie schnaubte wie ein übermütiges Pony, und ich lachte laut auf, worauf der Fluggast in der Reihe vor uns, vermutlich ein Geschäftsmann, denn er las in einer Bilanz, sich umwandte und uns neugierig musterte.
„Herr Nasr ist im gesegneten Alter von 83 und hat in der Hinsicht, auf die du anspielst, nicht das geringste Interesse an mir“, klärte ich Livi auf.
„Was, schon so alt?“ Sie tat erstaunt. „Ich habe ihn auf Anfang 60 geschätzt.“
„Also wirklich“, empörte ich mich. „Amir ist sechsfacher Urgroßvater und sieht eher wie 93 aus; aber Fatimas schützende Hand möge dich strafen, sobald du es ihm verrätst.“
„Ich habe mir schon oft Gedanken darüber gemacht, wie dein Amir die ganze Arbeit allein schafft. Dort liegen doch Hunderte von Seilen herum. Du willst mir doch nicht weismachen, dass der alte Mann die vielen Dinger ganz allein herstellt. Oder hat er einen Deal mit den Heinzelmännchen?“ Livi ließ nicht locker.
„Sein Sohn Halim hilft ihm hin und wieder“, klärte ich sie auf.
„Haaalim, so, so.“ Sie dehnte den Vokal wie ein Kind, das mit seinem Kaugummi spielt, und zog ein Gesicht, als sei damit alles geklärt, was sie nicht daran hinderte, mich weiter zu löchern: „Und was habt ihr immer so Wichtiges zu besprechen? Sobald ihr euch im Gewühl entdeckt, steckt ihr auch schon die Köpfe zusammen und labert in diesem unverständlichen Pidginfranzösisch.“
Sie zog ihre kleine Nase kraus, was ihrem runden Gesicht einen drolligen Ausdruck verlieh. „Handelt dieser Nasr etwa mit Drogen, die du während der Rückfahrt über die himmlischen Grenzen schmuggelst und in Deutschland vertickst?.“ ‑
„Spinnerin“, kicherte ich, zog meine Augenbrauen hoch, und blickte dem Geschäftsmann, der sich erneut umgewandt hatte und mich musterte, als sei ich die Patrona einer sizilianischen Drogenmafia, offen ins Gesicht.
„Halt jetzt bitte deinen Mund, Livi“, sagte ich laut. „Herr Nasr erzählt mir von seinen Kindern und Enkeln, die ich alle namentlich kenne. Das ist sein Lieblingsthema, und ich höre ihm gerne zu. Und Pidginfranzösisch gibt nicht, allenfalls Pidginenglisch.“ Livi stieß einen leisen Schnarcher aus. Sie besaß das Talent, von einem Augenblick zum nächsten in einen Sekundenschlaf zu fallen, worum ich sie beneidete; denn ich litt auf unseren Reisen fast permanent unter Schlaflosigkeit.

Das Wetter war wunderbar, als wir aus dem Flieger kletterten, und wir machten uns zu Fuß auf den Weg zu unserem Hotel mit dem geheimnisvollen Namen „Les Orchidées“. Nachdem wir zu Abend gegessen hatten, legten wir uns schlafen. Wir wollten am nächsten Tag in aller Frühe in den Süden des Landes aufbrechen, genauer gesagt, nach Douz, einer kleinen Stadt am Rande der Wüste, um von dort aus eine Expedition durch die Sahara zu unternehmen, eine so genannte Douz-Voyage auf Dromedars. Wir freuten uns riesig auf diesen Trip. Wie hätte ich ahnen können, dass das Tier, das man mir zugedacht hatte, zickig wurde und mich kurz vor dem Ziel, keine zwei Kilometer vor Ksar Ghilane, abwarf. Mein Magen hatte sich just an das Schaukeln gewöhnt; der Ritt erinnerte mich an unsere letzte Seefahrt, die wir mit einem Fährboot bei stürmischem Wetter über den Ärmelkanal unternahmen, und ich verglich das riesige Tier mit einem Wüstenschiff, das über ein Sandmeer schaukelt. Jedenfalls fiel ich dermaßen unglücklich auf die brennend heiße Scholle, dass ich mir den rechten Fußknöchel verstauchte. Er schwoll an wie ein Heißluftballon, und unser Reiseleiter schickte mich zurück ins Hotel. Das bockige Kamel blickte mich aus seinen von schnurgeraden Wimpern umsäumten Äuglein hochmütig an, und ich raunte ihm zu: „Blödes Kamel, fehlt nur noch, dass du mich anspuckst.“ Das Kamel grunzte vielsagend, aber ich verstand seine Antwort nicht; vielleicht hat es gemeint, dass es das Spucken den Lamas überlasse

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Kommentare

07. Nov 2016

Bilder, Klänge, gar der Geruch -
Hier lohnte sich ein Kurz-Besuch!

LG Axel

08. Nov 2016

Danke, für den Kurz-Besuch!
War die Krausen auch mit im Gepäck?
Krausen im Basar - ich lach' mich weg.

LG Annelie

08. Nov 2016

Krause geht NIE zum Basar:
Die VERSumpft nur - in der Bar ...

LG Axel

08. Nov 2016

Danke, lieber Jürgen, für deine Zeilen. Ich hoffe für dich, dass die politische Lage dort einigermaßen entspannt ist, sofern man von Entspannung dort überhaupt reden kann. Das Wetter ist auf jeden Fall milder und angenehmer, falls nicht gerade Sandstürme um sich greifen; aber wenn du in Tunis lebst, kann auch davon keine Rede sein.

LG Annelie

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