Gefährlicher Sommer (Teil 11)

von Annelie Kelch
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Ein Brief errötet nicht.
(Epistula non erubescit)
– Marcus Tullius Cicero –

Denn ein Traum ist alles Leben
und die Träume selbst ein Traum
(Calderón de la Barca)

Ein unheimlicher Traum und zwei langersehnte Briefe

Es war gegen zehn, als ich die Treppen zu meinem Zimmer hochschlich. Axel Kröger hatte ich an jenem Abend, wie ich dir unlängst geschrieben habe, liebe Christine, nicht mehr zu Gesicht bekommen. Ich war darüber mehr als erleichtert; denn mein Pyjama-Streich kam mir mit einem Mal sehr albern vor.
Ich fragte mich, ob Kröger schon im Jagdzimmer war, las oder schlief. Der Ausflug nach Husum war sicher sehr anstrengend ge­wesen. Hundemüde würde er sein von der langen Fahrt nach Nordfriesland und von der Hitze des herrlichen Sommertages, die sich noch immer nicht verflüchtigt hatte.
Wie an jenem Abend im letzten Jahr, als wir den Pyjamastreich an Knut ausprobiert hatten, stand ich noch lange am Fenster und blickte auf Tante Agnes' Grund­stück, das mir so un­endlich einsam und verwaist vorkam. Vielleicht fühlt sich deine Tante in diesem Sommer grad ebenso, liebe Christine. Sie spricht oft von dir.
Der schöne Garten gähnte müd' im Dämmerlicht, als sehnte er wie ich die nächsten Sommerferien herbei, zu denen du dich hoffentlich wieder hier einfinden wirst.
Die Wäscheleine, auf der in diesem Sommer nicht das winzigste Zipfelchen Kin­derwäsche zu entdecken ist, schlappte nutzlos und verloren vom Holzpfahl herab, und der Sandkasten lag wie ausgestor­ben unter der Schatten spendenden Ulme.
Nicht die geringste Spur von bunten Schaufeln, Eimerchen oder Backformen auf dem Rasen vor der Sandkiste. Unsere Schaukel schlingerte leer und verlassen im Abendwind, der zärtlich durch den riesigen Apfelbaum strich, und Tante Agnes' alte Holzlatschen standen mutterseelenallein unter der Altenteilerbank vor ihrem Häuschen.
Ich wartete tapfer auf das Donnerwetter, das ich aus Krögers Zimmer erwartetete. Es kam nicht, Christine! Weder um zehn, noch um elf und auch nicht um zwölf. Was danach geschah, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich fiel in einen bleiernen, von wilden Träumen gepeinigten Schlaf und wachte erst gegen Morgen auf: schweißgeba­det, aus einem entsetzlichen Alptraum, den ich dir unbedingt schildern muss, damit du erkennst, auf welche Art und Weise sich dämliche Streiche in unseren Träumen manifestieren:
Pechschwarze Nacht. Die Tannen und Fichten bäumen sich gegen den unerbittlichen Himmel. Ich laufe wie gehetzt durch den nahezu finsteren Wald, durch das dschungelhafte Gewirr des dich­ten Blätterwerks. Ein fahler Mond schimmert durch die Bäume und weist mir den Weg: Gretelchen ohne Hänsel, mit Kurs auf das Hexen­häuschen.
Auf einer der zahllosen Lichtungen parkt ein uralter Geländewagen. Ich gerate in den Bannstrahl seiner Suchscheinwerfer und hebe schützend meine Arme vors Gesicht. Sekundenlang verharre ich wie gelähmt und rühre mich nicht von der Stelle. Mir schwant Fürchterliches, und ich denke: „Wenn in dieser Rost­laube keine Wilderer hock­en, dann spiele ich hier den Part der Hexe.“
Ich fühlte mich den Jagdfrevlern hilflos ausgeliefert, Christine (ein schreckliches Gefühl, das sich im Traum mindestens genauso schauderhaft anfühlt wie in der Realität). Niemand würde mir zu Hilfe eilen, weil mal wieder niemand wusste, wo ich mich (im Traum) gerade herumtrieb.

Die Tür des Wagens wurde aufgestoßen und eine hochgewachsene Gestalt im Jägeranzug und schweren braunen Jagdlederstiefeln kletterte heraus. Er hob sein Jagdgewehr, lief auf mich zu und ballerte währenddessen unentwegt in meine Richtung. Das konnte niemand anders als Axel Kröger sein! Wer sonst? –
Ich schickte Stoßgebete zum Himmel, er möge straucheln, hinfallen und sich dabei durch einen Schuss selbst ins Jenseits befördern. Pustekuchen!
Aus tausend Wunden blutend, kroch ich auf ihn zu und flehte mit matter, ersterben­der Stimme um Gnade, als blühte mir nicht ohnehin in wenigen Minuten der Tod. Das hätte ich mir gut und gern verkneifen können, nicht wahr, Christine? Glaubst du, dass man sich in der Realität genauso bescheuert verhält?
Kröger gluckste und kiekste vor Lachen, irgendwie irre, und zielte mit dem Lauf direkt auf meinen Kopf.
„Los, nun gib mir schon die letzte Kugel, du gemeiner Hund“, flüsterte ich mit letzter Kraft.
„Das wäre zu einfach, mein Fräulein“, zischte Kröger, zog aus seiner Kniebund­hose den zugenähten Pyjama heraus, wedelte damit vor meinem Gesicht umher, und keuchte: „Revanche, Katja Kleve, Revanche für meinen Pyjama ... mit einer Stimme, Christine, die nach modriger kalter Gruft klang. Plötzlich drang das donnernde Geräusch eines Schusses, der von sehr weit her zu kommen schien, an mein Ohr. Das Echo wälzte sich durch sämtliche Bäume des Waldes.
Die Vögel, die in den Tannen- und Fichtenzweigen friedlich geschlummert hatten, schwirrten er­schrocken auf und davon.
Mit einem Mal knackte und krachte es wie wild im Unterholz: Ein schwerer Elchbulle, mit einem Geweih so breit wie die Schwingen eines Steinadlers, brach aus dem Gestrüpp heraus, näherte sich mit raschen, behänden Sprüngen und blieb unvermittelt neben mir stehen.
Er wandte ganz langsam seinen Kopf zu mir herum, lauschte sekunden­lang mit zitternden Nüstern in die Dunkelheit, und starrte mir einen Moment lang direkt in die furchtsam aufgerissenen Augen.
Wenige Sekunden später war er auf und davon – als habe ihn jemand fortgehext. Meine Hoffnung, er sei ein verwunschener Prinz, ein Engel in Tiergstalt, der mich vor Kröger retten würde, oder wenigstens Knut, dessen Seele nach seinem Tod in der Brust des Elches eine neue Heimat gefunden hatte und der mich trium­phierend aufsteigen hieß, um mit mir für immer und ewig aus diesem Teufels­wald zu verschwinden, ging so leicht und schnell dahin, wie sie gekom­men war.
Das Traumgespinst zerriss wie ein eis­kalter Morgennebel.
Ich erwachte mit leichten Kopfschmerzen und fand mich gottlob in meinem Bettchen wieder, und das Bettchen stand, so wurde mir augenblicklich bewusst, in meiner kleinen Kammer neben Lenis Salon, und Lenis Salon lag im Guts­haus, und das Gutshaus be­fand sich immer noch auf Hof Lachau, und alles andere weißt du eh, liebe Christi­ne. – Jedenfalls musste ich mich regel­recht aus der Traumkoje heraus­zwingen, stand ein paar Minuten wie be­nommen auf zittrigen Beinen, wusch mich schließlich mit eiskaltem Wasser von Kopf bis Fuß und zog mich in Windeseile an.
Nach und nach holte mich mein altes Le­ben ein; alle guten und schlechten Tage bevölker­ten erneut mein vom Albtraum gelöschtes Ge­hirnstübchen. Ich hielt beim Haarebürsten einen Moment lang inne und dachte an

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Kommentare

15. Aug 2017

Die Mischung stimmt - fein kommt Humor
Neben sehr starker Spannung vor!
(Auch die Collage überzeugt -
Darum wird gerne sie beäugt!)

LG Axel

15. Aug 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar:
Vieles entschwindet - flieht indes auch der Humor,
kommt man sich sehr bald ziemlich kopflos vor.

LG Annelie

15. Aug 2017

Mir gefällt besonders gut unter anderem (z.B. deine Illustation!!!), dass der schöne Garten müd' im Dämmerlicht gähnt; und hätte Cicero nicht schon geschrieben, dass ein Brief nicht erröten kann, dann müsste man es erfinden. Wie man beim Lesen erahnt, nähert sich dein spannend verfasster Kriminalroman seinem Ende ...

Liebe Grüße - Marie

15. Aug 2017

Liebe Marie, danke für deinen lieben Kommetar. - Aber nicht doch: Er nähert sich nicht dem Ende, er fängt gerade erst an und kommt, wenn ich mich nicht irre, auf mehr als 400 Seiten. Ich habe alles gespeichert. Lediglich zwei Kapitel müssen noch geschrieben werden. Aber bis dahin dauert es noch. Und es wird immer spannender und unheimlicher.

Liebe Grüße,
Anne Li

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