Letzte Tage im Juni ...

von Annelie Kelch
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In die Bettelschale des Lebens stürzen die letzten Tage des Junis.
Die gemäßigte Glut der Sonne liebkost das Antlitz des Himbeerstrauchs –
bis auch die letzten grünen Pocken darin erröten.

Kyoto, Japan: Das Blattgold des Pavillons schmilzt, und mein Herz steigt
aus der Asche anstelle des bronzenen Phönix'. Der hockt mit erstarrten
Flügeln auf der Kuppel des Daches: Glück verheißend.

Im Kanu rast das Jahr durch die Stromschnellen der Zeit.
Die Halbzeit ist fast überschritten; aber es wird weitergespielt.
Junimond, der Gong der Nacht, stürzt wie ein silberner Fisch
durch die Wolken; das Meer öffnet seine blaue Blume und
bereitet ein Grab aus den Locken der Algen.

Mein schwarzes Pferdchen spornt die Nacht an, auf den Wiesen
erlischt das Grün mit dem Licht des Leuchtturms. Ein gefallener Engel
sucht Zuflucht zu meinem Herzen; ich nehme ihn in die Schutzhaft
unvergitterter Liebe.

Am Elbestrom schlägt uns der Atem des Winds eine Schneise
durchs Röhricht zum Wasser hinunter; die Wellen rufen mir zu:

Schau heimwärts, Geliebte des Deichgrafs, sie schüren bereits
das Feuer unter deinen nackten Füßen.

Leis tönt meine Antwort über den Fluss: Lasst sie doch schüren;
der Gott der Priele steht mir zur Seite. Bevor es Tag wird,
hat sein kühles Aug längst die Wunden geheilt.

Der Goldene Pavillon ist vermutlich die meistfotografierte Sehenswürdigkeit Kyotos, wenn nicht ganz Japans. Dabei ist dieser kleine dreistöckige Tempel, vom Blattgold einmal abgesehen, nicht besonders prachtvoll. Seine Schönheit liegt vielmehr in seiner schlichten Eleganz, der geschickten Einbettung in die Landschaft und der genialen Verknüpfung dreier unterschiedlicher Architekturstile.
Quelle: Baedeker, Reiseführer Japan

Quelle: Baedeker, Reiseführer Japan
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Kommentare

29. Jun 2018

"Im Kanu rast das Jahr durch die Stromschnellen der Zeit" ... Wort um Wort und Satz um Satz ein Lesegenuss, liebe Annelie, wenn ich könnte, würde ich packen und an diesen besonderen Ort reisen, hast Du den Goldenen Pavillon selbst gesehen?

Liebe Grüße - Marie

29. Jun 2018

Danke, liebe Marie, für Deinen Kommentar. Nein, ich habe diesen schönen Pavillon leider noch nicht gesehen. Es gibt so viele Sehenswürdigkeiten in Japan. Nicht allein die meist zierlichen, schwarzhaarigen Japanerinnen sind apart. Und wenn ich meinen Umzug, hoffentlich noch in diesem Jahr, hinter mir habe, werde ich für eine Reise nach Japan zu sparen beginnen. Drei, vier Monate werde ich ganz gewiss brauchen, denn ich möchte ohne Reiseveranstalter durch Japan touren, auf eigene Faust und nicht: rein in den Bus, raus aus dem Bus etc. Ich habe begonnen, etwas Japanisch zu lernen. Wusstest Du, dass Aung San Suu Kyi während ihres Hausarrestes Japanisch gelernt - und Gymnastik gemacht, gedichtet und viel gelesen hat? Nur so hat sie diese schwere, elend lange Zeit überstanden.

Liebe Grüße zu Dir und einen schönen Junitag,
Annelie

30. Jun 2018

Nein, das habe ich nicht gewusst. Aung San Suu Kyi wird für ihren Kampf gegen Myanmars Militärjunta wie eine Heilige verehrt und hat den Friedensnobelpreis erhalten, sie ist aber nicht nur eine Heldin, seit 65 000 Muslime aus dem Land geflohen sind, sieht man ihe Bild kritischer.

Liebe Grüße zu Dir zurück, ja, heute werde auch ich einen wunderschönen, nicht zu heißen Sommertga erleben, ich genieße es!

Liebe Grüße - Marie

30. Jun 2018

Ich weiß, liebe Marie - und heiße das keineswegs gut, im Gegenteil.

Liebe Grüße,
Annelie

01. Jul 2018

Und wieder genieße ich diese Vielfalt an phantastischen Bildern, die mich in Deine Zeilen hineinziehen, liebe Annelie. Du schaffst stets zauberhafte Momente im Leser. Danke.

LG Monika

01. Jul 2018

Liebe Monika, ganz lieben Dank für Deinen Kommentar, schöne Zeilen, über die ich mich sehr gefreut habe. Wenn ich das kann, könnte, "zauberhafte Momente" schaffen, wäre ich zufrieden mit meinen Gedichten. Es freut mich ganz außerordentlich, dass das bei Dir "funktioniert" hat.

Einen angenehmen Restsonntag
für Dich und Khalessi,
Annelie