Abriss

Bild von Dirk Tilsner
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Da war das Urgestein, noch warm und weich,
der sanfte Wille der Gigantenhand.
Ein Drang, der sich als milder Regen gab.
Da war der Wald, der undurchdringlich stand.

Da war die Zeit der Brüche und der Drift
von Feuer, Wind und Eis in freiem Spiel.
Ein Zweifel, der sich an das Ufer warf.
Da war ein Stern, der jäh ins Dunkel fiel.

Da war die innere Vergletscherung,
das stete Wandern und ein Schlangenbiss.
Die Exegese, die nach Süden zog.
Da war der Strom, der alles mit sich riss.

PS: das Gedicht befindet sich auch in der Anthologie des Ulrich-Grasnick Lyrikwettbewerbs 2019

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Kommentare

18. Jan 2021

...Und da war einer,  der die Schöpfung in bezaubernd  schöne Bilder für uns niederschrieb…

19. Jan 2021

Hallo Laleah

vielen Dank für deinen Kommentar und die ‚Lese-likes‘ hier und anderswo. Du bringst da eine neue Variante der Interpretation ein, die zwar so (im Sinne der biblischen Schöpfung) nicht gedacht war, aber nichtsdestotrotz ihre Berechtigung hat und mich anregt, hier etwas ausführlicher zu werden. Überhaupt ist es positiv, wenn sich der Leser ein Gedicht auf seine Weise erschließt; gerade darin liegt der Reiz der Lyrik, sich den Leser selbst finden zu lassen; übrigens ganz im Sinne der „Auto-Psychografie“ (insbesondere Strophe 2).

Dennoch hat das Gedicht einen persönlichen Bezug. Geht es letzten Endes um die Schöpfung des Menschen? - Durchaus, d.h. im Sinne seiner individuellen Entwicklung und Reife. Die drei Strophen stellen einen „Abriss“ des Lebens vor: zunächst die Kindheit, die schützende Hand der Mutter bzw. des Vaters usw. und der undurchdringliche Wald des Lebens, welcher voller Rätsel bleibt und noch unergründet vor uns liegt. In Strophe 2, der Sturm der Hormone, Zeit der Suche und Entdeckungen, aber auch bitterer Enttäuschungen und Zweifel. Die letzte beinhaltet eine Art Befreiung, auch ein "Abriss" (vom Bisherigen), Neuorientierung, nicht ohne das weitere Suchen (Liebe, Ziele, Sinn des Lebens usw.) und dem einen oder anderen Schlangenbiss auf dem Weg. Die letzten zwei Verse sind die Auflösung: nicht jeder zieht in den Süden und den Strom kann jeder für sich deuten wie er möchte. Ich habe meinen. Bedauernswert jener, der sein Leben lang nur auf ihm vor-gebaggerten, geradlinigen Rinnsalen schifft ...

Zur angeführten Anthologie des Wettbewerbs: dieser lief unter dem Motto „Abwerfen die Last, die uns hindert am Gehen“. Ich denke, das trifft gut auf viele Situationen des Lebens zu, die Selbstfindung und der Entschluss gewisse Dinge endlich hinter sich zu lassen und nach vorn zu schauen.

Dankend lieben Gruß
Dirk

20. Jan 2021

Lieber Dirk,

diese ausführliche „Reaktion“ von dir wirkt nach. Ein Mal lesen reichte nicht. Ich habe noch nie eine Gedichtinterpretation des Autors gelesen!

Was mich besonders freut: Sie trifft auch meine eigene. Es kam mir vermessen vor zu schreiben, dass ich darin auch meine eigene Schöpfungsgeschichte, die noch nicht beendet ist, erkenne.

Zum ersten Mal kam mir der Gedanke: Die „Schöpfung" wiederholt sich in jedem einzelnen von uns…

Wunderbares Gedicht!

Nachtrag: Leben in Portugal war viele Jahre mein Traum „für später". Was mich heute daran hindert: Trotz der romanischen Sprache, die ich fließend spreche – ich bin zu alt, um die portugiesische Sprache so zu erlernen, um nicht eine Fremde zu bleiben…

Ich danke dir.

20. Jan 2021

Hallo Laleah
Danke auch für deine Antwort und Gedanken zur Schöpfung. Da stimme ich gern zu.
LG
Dirk