dein Herz in Stücke reißen

Bild von maruschka
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bestürzt trete ich aus dem Dunkel des verwüsteten
Walds meiner frühen Kindheit, so viele Baumkronen
hieb der wilde Sturm entzwei, mähte die schlanken
verdurstenden Kiefern gnadenlos nieder, ich sah ein

Schlachtfeld; ja, wir führen Krieg gegen uns selbst
und haben ihn fast verloren, warum spüren wir das
nicht; die farbigen Bilder der zärtlich rauschenden
Buchenwälder, sie sind noch so lebendig in mir; die

steinern eingefasste Quelle spuckt nur noch wenig
brackiges Wasser; halte meine hohle Hand darunter,
als wär ich noch Kind; du Vater im wehenden Mantel
mit Hut und ich an deiner Hand, und wir haben laut

gesungen beim Wandern, die alten die guten Lieder
im starken und unverletzt grünen Grün, gut dass du
nicht mehr sehen kannst, wie es jetzt ist, es würde
dir den Glauben rauben, das Herz in Stücke reißen

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Kommentare

02. Mär 2021

Marie, ich sehe und höre Dich singend an der Hand Deines Vaters durch den starken Wald Deiner Kindheit wandern – und kann mir vorstellen, wie enttäuschend es war, bei späterer Rückkehr diese Baumwüste vorzufinden. Es schmerzt körperlich, dieses Sterben wahrzunehmen, überall, nicht nur in Deutschland. Ein lebensbedrohliches Desaster für die gesamte Kreatur. Unvorstellbar für alle, die vor uns gelebt haben. Es reißt das Herz in Stücke, man kann es nicht drastisch genug beschreiben.

HG
D.R.

03. Mär 2021

Vielleicht trügen Erinnerungen auch? Ich erinnere mich aber bis ins Erwachsenleben hinein an einen gepflegten und gesunden Wald. Der Sterbeprozess war schleichend. Man hörte zwischendurch auch immer wieder von einer Erholung. Inzwischen aber sind die Illusionen verblasst. Ich bin mit einem Förster verwandt, der ein großes Waldgebiet betreut und ganz realistisch berichtet – es ist dramatisch; dabei brauchen wir IHN und er UNS zum Überleben. Und wir lieben ihn, unseren deutschen Wald, der ein Teil unserer Identität ist – und wir sind von ihm abhängig; die Märchen der Brüder Grimm ohne Wald - unvorstellbar; die Trauer ist aufrichtig.

HG zurück zu Dir - Marie

02. Mär 2021

An jenem "wir" liegt's, sicherlich -
Denn man ersetzte es durch "ICH!" ...

LG Axel

03. Mär 2021

Es ist doch wirklich zum Heulen, zum Flennen -
wenn sogar in Sibirien die Wälder abbrennen …

LG mit Dank zu Dir, Axel - Marie

03. Mär 2021

Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt....
HG Olaf

03. Mär 2021

Ein Gassenhauer aus dem Gesangbuch. Das mit der weiten Welt stimmt genau – es trifft nicht nur uns, lieber Olaf …

HG Marie

03. Mär 2021

Ja, wir sehen dabei zu und weil das Waldsterben optisch ein schleichender Prozess ist, erkennen wir gar nicht mehr, wie tot schon alles ist, haben uns ans Bild gewöhnt! Meine Eltern würden sich im Grab rumdrehen, liebe Marie

Sei herzlich gegrüßt
Soléa

03. Mär 2021

Es wird in Frankreich nicht besser sein. Und es wird das Leben unserer Nachkommen massiv und negativ beeinflussen. Waldlose Böden trocknen aus und werden unfruchtbar. Zynisch könnte man ergänzen, dann kann man sie auch ohne schlechtes Gewissen zu betonieren, um noch mehr Straßen und Häuser zu bauen …

herzliche Grüße zurück zu Dir, liebe Soléa

03. Mär 2021

Wie wahr, liebe Marie, so einfühlsam u. stark sprachl.bebildert.... Nur ein paar Jahrzehnte später und der Wald meiner Kindheit ist verschwunden. Wenn ich Deine Verse auf die persönliche, autobiographische Ebene lege, so würde auch das Herz meines (lang verstorbenen Vaters in Stücke reißen.
Herzlich grüßt Dich Ingeborg

03. Mär 2021

Liebe Ingeborg, auch mein Vater ist seit langem verstorben. Aber da sind klare Bilder im Kopf von Spaziergängen in "unserem" Wald, an dessen Rand wir wohnten. Wir waren eine zahlenreiche Famile; ich als die Jüngste an Vaters Hand, das war etwas Besonderes. Ich fühlte mich sicher. Dieses wunderbare Stück Wald war ein wichtiger Teil unseres Lebens. Deshalb der Schmerz nach dem Wiedersehen Jahrzehnte später ...

Sei herzlich zurück gegrüßt!
Marie