Eine Mafiahochzeit (Italienischer Traum) 1. Teil

von Alf Glocker
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Seit heute morgen hatte es nach Regen ausgesehen. Paolo saß geistesabwesend am flach abfallenden Hang einer Hügelkette über dem Lago di Garda und glotzte dämlich auf die Weite des Sees hinaus, an dessen anderem Ufer sich schon der Dunst ausbreitete, der für einen sonnigen Tag so typisch ist. Aber noch war es nicht so weit. Eben zogen die letzten, vermeintlichen Regenwolken die westlichen Anhöhen hinauf. Im diffusen Schein der milchigen Sonne gaben sie das beschauliche Bild einer, sich an den Händen haltenden, Familie ab. Ganz unten stand der Vater. Dann wachte Paolo auf.

War alles nur ein Traumbild gewesen? Nach der zeitweise auftretenden, nur Minuten währenden Kurzschlafphase griff er wieder zum Stift. Und er fühlte sich, als würde er sein Testament formulieren. „Wie schön“, notierte er, ironisch lächelnd, „daß Mama eine so perfekte Organisatorin ist."

Es handelte sich um einen Teil seiner Aufzeichnungen, die er „Impressionen aus meiner Vergangenheit“ nannte und die bereits ca. 1000 Seiten umfassten. In vielen schlaflosen Nächten hatte er sie zu Papier gebracht. „Wenn es um triviale Dinge geht“, schrieb er weiter, „ist sie einfach unübertrefflich." Aber es handelte sich mitnichten um triviale Dinge. Eine ausgewachsene Hochzeit spukte Paolo im Gehirn herum – seine eigene.

„Natürlich hat Mama bereits das meiste geregelt. Das Aufgebot ist bestellt und Monsignore Eusebio hat für morgen in Santa Chiara die Messe geplant. Die Ringe sind gekauft, eine Wohnung in Aussicht und die Braut ist – wie es sich ( nicht ) gehört – ordnungsgemäß schwanger. Dabei ist die pure Verzweiflung der Grund für die ganze Misere gewesen. Und außerdem werde ich sterben. Nicht heute, nicht morgen, nicht übermorgen, aber auch nicht irgendwann! Eine seltene Krankheit zerstört mein Gehirn, aber davon wissen im Augenblick nur Dottore Gabriele d’ Annunzio und ich.

Bislang nicht näher erforschte Bakterien hindern mich am Einschlafen. Das geht nun schon insgesamt sechs Monate so. ‚Das Anfangsstadium’, sagt der Dottore. Es ist mir bislang noch möglich, bis zu 1½ Stunden am Tag in Kurzschlafphasen zu verbringen. Aber das wird sich voraussichtlich im Verlauf eines Jahres bis auf 20 Minuten reduzieren. Was dann kommt, weiß niemand ... So viel ist aber sicher: Halluzinationen werden mich am laufenden Band heimsuchen. Eine knappe Woche habe ich mich jetzt im Verdacht, nicht mehr ganz bei Sinnen zu sein. Ich sehe Dinge, die es nicht gibt. Oder gehören sie zu einer verborgenen Wirklichkeit, die nur ich sehen kann?

Als mich die ersten Symptome, während der Inkubationszeit befielen, habe ich, in immer schneller aufeinanderfolgenden Anfällen, die Discotheken von Sirmione durchstreift und versucht, mich mit Alkohol und Tanz zu betäuben. Dabei lief mir dann Philomena über den Weg. Die einzige Frau, die es mit jedem trieb (wie ich später erfuhr).

Sie war damals nicht schön und sie ist es auch heute nicht. Aber die ‚Paradise-Bar’ glänzte vertraulich im Licht orangefarbener Lampions. Und leicht geschürzt, wie Philomena war, wirkte sie, zwischen den künstlichen Palmen, nicht wie ein nymphomanes Mauerblümchen, sondern wie eine klassische Eva von Raffaello d’ Urbino. Wenigstens wirkte sie so auf mich. Und da ich mir keineswegs darüber im Klaren war, daß ich unter keinem jugendlichen Romantikdefizit litt, sondern an einer handfesten Erkrankung, ging ich mit ihr ins Bett. Dafür brauchte ich weder geistreich noch charmant zu sein, nur mutig.

Wenn sie mir damals gesagt hätte, wer sie ist, hätte ich auch gewusst, wie mutig ich war. Wir gingen zu mir und ich liebte mein Leben. Aber das Schicksal hasste mich. Es bot mir eine Chance, die ich unmöglich ausschlagen konnte. Ehe ich richtig begriff, was mit mir vorging, lag eine nackte Frau in meinem Gesichtsfeld – und das war bestimmt keine Halluzination, wie sich gleich darauf herausstellte.

Die Glätte ihrer Haut faszinierte mich nicht – sie war kaum vorhanden. Ihr Busen war eher eingefallen. Kein Samtglanz strahlte von ihm ab und seine Spitzen schienen vertrocknet zu sein. Ihre beschleunigte Atmung ließ einen etwas zu muskulösen Bauch angenehm anregend auf und niedergehen. Was ich zwischen ihren zähen Schenkeln erblickte, irritierte mich ein wenig. Es sah brutal und urtümlich aus und es war wie von einem wilden Gestrüpp bedeckt. Aber etwas anderes versöhnte mich gegen alle übrigen Eindrücke. Ihre Augen versprachen mir Glück und Abenteuer – eine vielleicht, für meine Situation, unwiederbringliche Nacht. Ihr plötzlich weich gewordenes Frauengesicht, unter den kurzen, brünetten Haaren, lächelte mich verheißungsvoll an, so daß ich mich auf einmal nicht mehr verlassen fühlte auf dieser Welt.

Was für ein Irrtum?! Sollte die Schönheit der Natur eine einzige Sinnestäuschung und ihre Versprechungen pure Mimikri sein? Ich weiß es nicht. Nur, daß ich mich im Voraus bereits erfrischt fühlte, weiß ich noch – so, als hätte ich mindestens drei Stunden am Stück geschlafen. Ein großes Geschenk für jemanden wie mich.

Was auf diesen ersten – im Ganzen gesehenen – bezaubernden Eindruck folgte, kann ich nur als ein rauschendes Liebesfest bezeichnen. Philomena gab mir das Gefühl, mit mindestens zwei Frauen gleichzeitig das Lager zu teilen. Ihre Hände waren praktisch überall und ihr Mund gab nicht nur die schönsten Laute von sich, er schnappte geradezu nach Liebe, wie ein gestrandeter Fisch nach dem Wasser, seinem ausschließlichen Lebenselement.

Jemanden, der mir in diesem Augenblick versucht hätte weiszumachen, sie spiele diese wundervolle Rolle nur, um ihren Vater zu demütigen, hätte ich höchstwahrscheinlich im Affekt erschlagen. Zumindest hätte ich ihn ignoriert, wie ich meine innere Stimme ignorierte, die mir unmissverständlich einzuflüstern versuchte: Achtung, eine Frau ohne Vorbehalte MUSS eine Fata Morgana sein. Bedenke: Nur du selbst folgst unmittelbar deinen Gefühlen. Aber du bist ein Mann! Frage dich also: Hast du vielleicht irgendeinen Test bestanden? Ist sie eine Nutte (niemand hat etwas von Bezahlung erwähnt)? Sie kann nichts von dir fordern. Warum also zögerst du nicht?

Als ich wieder zu brauchbarem Bewusstsein kam, nach etlichen Höhepunkten glaube ich, geriet ich endlich ins Grübeln. Meine kenntnisreiche Geliebte stand, wieder vollständig bekleidet, vor dem Bett und musterte mich, scheinbar aufs Äußerste amüsiert.

Eben hatte ich mir noch infantil und bruchstückhaft überlegt, ob es meine grünen Augen gewesen waren, oder meine rostroten Haare, die sie bezaubert hatten – oder vielleicht meine zierlichen Füßchen. Jetzt schämte ich mich ein wenig. Ich lag immer noch nackt auf der Matratze, schutzlos ihren direkten Blicken preisgegeben und mir fiel schlagartig ein, daß eigentlich nichts an mir dran ist. Ich bin nur ca. einssiebzig groß und habe schwächliche Glieder. Und das eine, ganz spezielle Glied ist auch nicht grade eine Offenbarung.

Und da lachte sie auch schon. ‚Genau betrachtet bist du ja ziemlich putzig’, sagte sie. ‚Womöglich könntest du mir eines Tages auch noch sympathisch werden.’ Dann war sie weg. Krachend fiel die Türe hinter ihr ins Schloss. Im Hausflur hörte ich noch ihre Stöckelschuhe klappern …

Neugierig, vielleicht auch etwas erbost, stand ich auf, um ihr, vom Fenster aus, nachzusehen. Ich entdeckte sie, wie sie entschlossen über die Fahrbahn ging, zwischen den parkenden Autos hindurch. Auf der anderen Straßenseite traten ihr zwei schwarzgekleidete Herren mit dunklen Sonnenbrillen entgegen. Es war fünf Uhr morgens!

Ein flaues Gefühl in der Magengegend alarmierte meinen, bis dahin immer noch weitgehend von dem phantastischen Sex betäubten Verstand. War hier nicht ein Überfall oder gar eine Entführung zu befürchten? Aber ich hatte mir umsonst Sorgen gemacht. Philomena ohrfeigte einen der beiden Gorillas heftig. Sie schrie ihn an – leider konnte ich nichts verstehen. Dann stieg sie mit den beiden Gestalten offensichtlich freiwillig in einen schwarzen Lancia und sie brausten davon."

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Kommentare

01. Mär 2019

Da schließ ich mich dem Kommentar von Axel an ...
Auf diese Fortsetzung wartet auch Frau, nicht nur "der Mann".

LG Annelie