Kreuze

von Annelie Kelch
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Bereits am frühen Morgen zeigen mir meine Füße unmissverständlich, wo es langgeht. Mein Kopf hingegen ist alleweil mit Gestrigem beschäftigt: Wie war das Wetter vor vierundzwanzig Stunden und ist es ansteckend? – Die Yogaübung „Hund“... ist sie konspirativer als „Katze“, und werde ich eines Tages nur noch bellen und die Ohren spitzen?
Egal – ich habe mir gestern ein paar Knochen zugelegt und fünfzig Dosen Hundefutter für den Fall aller Fälle.

Mähroboter seien selbständiger als 12-jährige Kinder, aber weitaus kostspieliger in der Anschaffung, las ich kürzlich. Deshalb geben Sie schneller den Geist auf. Man darf ihnen auf gar keinen Fall in die Quere kommen: Sie weichen nicht aus. Auf gute Manieren werden Sie vergeblich hoffen.
Einsetzbar vor allen Dingen auch auf Gartenpartys, sobald Gäste nicht die geringsten Anstalten machen, heimzugehen, obwohl die Gastgeber vor Müdigkeit bereits in den Pool gefallen sind.

Luftkissenmäher hingegen gelten als freundlich – zu jedermann. Sie besitzen eine starke Neigung zu Gefällen und lassen hohes Gras links liegen.

Jetzt bitte zum Friseur mit den Ziersträuchern; sie benötigen einen flotten Schnitt, möglich rechtsgescheitelt.

Am Abend sitze ich oft vier Stunden vor dem Wecker statt vor der Glotze. Die Unverfrorenheit des Sekundenzeigers, stetig vorzurücken, beruhigt mich stärker als Fencheltee. Nach zwei Stunden falle ich meistens in einen komaartigen Schlaf und bin zu nichts mehr zu gebrauchen.

Zäg, der ehrlichste und anstrengendste meiner fünf Tibeter, sagt jedes Mal: „Sie hat mal wieder Sekunden inhaliert, liebe Brüder der Inquisition. Raus aus den Kutten, rein in die Schale und das Auto okkupiert: eine Stunde hin, drei Stunden Reeperbahn, eine Stunde zurück. Bevor die wach wird, liegen wir längst wieder in den Kojen.“

Wir leben zu acht: Meine fünf Tibeter, die Heilige Schrift, die Tageszeitung und ich, sehr beengt, aber gläubig und getrennt von Stuhl und Fisch. In der „Karwoche“ führe ich das Wort, Zäg ergreift es am „Reformationstag“.
Die restliche Zeit herrscht „Dr. Murkes gesammeltes Schweigen“.* Das gibt uns enormen Auftrieb.

Wir träumen von einem Häuschen im Wald, einem deutschen Schäferhund, der auf „Hasso“ hört, und einem XXL-Moskitonetz.

Zäg hat zu diesem Zweck bereits 1300 Knöpfe gesammelt, vorwiegend aus dem gleichnamigen Hörspiel von Ilse Aichinger. Es ist einfach großartig und darüber hinaus auch für XXL-Ohren geeignet. Hören Sie bei Gelegenheit doch mal rein.

Wir stehen kurz vor der Bundestagswahl. Haben Sie bereits ihr Kreuz abgestaubt, oder schleppen Sie es immer noch auf dem Rücken mit sich herum?
Ohne Kreuz geht gar nichts! Schauen Sie ruhig auch mal auf dem Friedhof nach, falls Sie unsicher sind, wo sie es zuletzt gesehen haben.

Auch die Schmuckschatulle ist eine Option. Möglicherweise liegt ihr Kreuz neben der Erbbrosche Ihrer Urgroßtante Delphine von Signe (selige Franziskanertertiarin).
Nein, absolut keine neue Hunderasse; ich bitte Sie!

Sich lediglich zu bekreuzigen, "gildet" nicht und wird mit Zwischenrufen quittiert.

Ein einziges Kreuz, diese Wahl!

*Doktor Murkes gesammeltes Schweigen ist der Titel einer Kurzgeschichte von Heinrich Böll. Erstveröffentlicht wurde sie 1955 in den Frankfurter Heften, eine erweiterte und überarbeitete Fassung erschien 1958 in dem Sammelband Doktor Murkes gesammeltes Schweigen und andere Satiren. Thema ist die intellektuelle Kontinuität zwischen NS-Ideologie und der Kultur der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik.

Foto: privat; hat nichts mit meiner politischen Einstellung zu tun
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Interne Verweise

Kommentare

01. Sep 2017

Ein feiner Text - und diese Tipps
Sind besser als Kartoffelchips!
(Für mich geht Krause wohl zur Wahl -
Die freut sich schon aufs Wa[h]l-Lokal ...)

LG Axel

01. Sep 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar, der gut.
Die Bertha hinzuschicken dort, erfordert Mut.
Sofern sie überhaupt das Wa(h)llokal erreicht,
und unterwegs nicht in die Bierkneipe ausweicht.

LG Annelie

01. Sep 2017

Gelungene leicht galgenhumorige Alltagsironie, ich kenne Ähnliches in anderen Tonarten. Und "Dr. Murkes ..." ist mein liebstes Buch von Böll. "Jenes höhere Wesen, das wir verehren!" - habe ich schon vor langer Zeit in meinen Sprachschatz aufgenommen, Annelie.

Liebe Grüße - Marie

01. Sep 2017

Danke, liebe Marie. Dein Kommentar ist wieder mal sehr sachkundig. Böll hat ja eigentlich auch begonnen mit satirischen Anklagen gegen den Widersinn des Krieges und die sich daraus ergebenden menschlichen und sozialen Probleme. Ich mag "Dr. Murke" auch sehr. Später wurde er dann zum ironischen Kritiker und katholisch-religiösen Moralisten gegen die Heuchelei in der Gesellschaft (Ansichten eines Clowns) bis hin zur Satire ("Nicht nur zur Weihnachtszeit ...": eine Novelle, verfilmt worden und dermaßen eindrucksvoll, dass man, anstatt zu lachen bis zum" Gehtnichtmehr", atemlos davor saß). Leider habe ich diesen Film schon lange nicht mehr gesehen. In den achtziger Jahren noch wurde er fast jedes Jahr um Weihnachten herum gezeigt. Ich habe mir vorgenommen, sämtliche Bücher noch einmal zu lesen. Eines kenne ich noch nicht: "Ein Schluck Erde" (1962).

Liebe Grüße,
Annelie

01. Sep 2017

Liebe Annelie, ich fühlte mich beim lesen mittendrin um nicht zu sagen dabei...
Kreuz hin, Kreuz her, ein heller Streifen in meinem Abend!!

Gute Nacht und liebe Grüße
Soléa

02. Sep 2017

Liebe Soléa, ich freue mich sehr, dass ich deinen arbeitsreichen Tag mit einem hellen Streifen Nonsens am Abend aufheitern durfte.

Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Annelie