Adventswunder

von Susanna Ka
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Malte überreicht mir stolz einen Engel aus Ton. Getöpfert in der Schule, rau und unglasiert, noch nicht geschliffen vom Leben. Der irdene Himmelsbote steht fest auf dem Saum seines Gewandes. Die schmalen Flügel hat er angeklappt wie ein Käfer, die Arme hält er dicht am Körper und die Hände sind zum Gebet geschlossen. Er wird sich noch entfalten, dieser kleine Buddahengel. Sowie Malte, der bereits begonnen hat, seine Flügel auszustrecken.
Erkans Engel hat eine walnussbraune Hautfarbe, einen verkniffenen Mund und einen wüsten Schopf aus schwarzer Wolle. Um sein schreibpapierweißes Gewand hat er sich eine E-Gitarre gehängt. Ausgeschnitten aus Karton und sorgfältig bespannt mit sechs Nähfäden. Die Flügel dieses Engels sind aus Goldfolie. Doppelt gearbeitet, stark und wuchtig, und zweimal so groß wie der Engel selbst. Die Figur drückt eine Kraft aus, die ich bei dem schüchternen Erkan nicht vermutet hätte.
Der kleine Luca bringt mir einen Engel von Playmobil. Noch feucht von den aufgeregten Kinderhänden streckt mir das Engelchen einen Stern entgegen. Es trägt ein weißes Kleidchen, darüber einen goldenen Umhang und goldene Flügel. Diesen Umhang und die Flügel kann man abnehmen, für die Zeit nach Weihnachten. Praktisch, kindgerecht. Luca und sein Engelchen strahlen.

Drei Engel, so unterschiedlich wie die drei Jungen. Als hätte sich jeder von ihnen in seinem Engel verkörpert. Oder ist es umgekehrt?
Andächtig stelle ich sie neben den Adventskranz.

Die erste Kerze verbreitet ihr Licht im Halbdunkel. Es ist still im Wohnzimmer. Die Katzen kuscheln in ihren Körbchen, der Hund liegt vor der Heizung und lässt noch nicht einmal einen Schnaufer hören. Meine drei Enkel schauen mit glänzenden Augen in die Flamme. Die Schatten ihrer Engel wiegen sich hin und her, wie in einem magischen Tanz. Plötzlich ertönt ein Singen. Zuerst leise, ganz leise, dann lauter, bis Erkans Rockengel in die Seiten seiner Gitarre greift und einen klaren entschlossenen Akkord in den Himmel schickt.
Hier sind wir, hier!

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Kommentare

02. Dez 2018

Man kann sie hören, diese Töne!
Das ist bei Deinem Text das Schöne ...

LG Axel

02. Dez 2018

Eine wunderschöne Geschichte, liebe Susanna, vom ersten bis zum letzten Wort. - Deine kleinen drei Weisen aus dem Morgenland ... Und Du bist ein Christkindchen, neu geboren. Ich hoffe sehr, dass es Dir auch gesundheitlich gutgeht und habe mich sehr gefreut, wieder von Dir zu lesen.

Weiterhin einen schönen, feierlichen Advent und die besten Grüße,
Annelie

02. Dez 2018

Wir haben lange, lange auf dich warten müssen, und das Warten hat sich gelohnt, liebe Susanna!
Frohe und unbeschwerte Adventstage wünsche ich dir und deiner family.
Liebe Grüße
Uwe

03. Dez 2018

Eine Adventsgeschichte, die mich berührt, es scheint Dir gut zu gehen, liebe Susanna, das freut mich sehr, lass bald wieder von Dir hören, Dir und Deiner Familie wünsche ich eine fröhliche Weihnachtszeit ...

Liebe Grüße - Marie

05. Dez 2018

Habt herzlichen Dank, Ihr Lieben.
Ich fürchte, das war meine letzte Geschichte vor Weihnachten. Mir fehlt der innere Raum zum Schreiben, selbst für die Kommentare. Kinder und Katzen, die Katzenkinder verlangen mir viel ab. Ich muss vor Weihnachten noch einmal ins Krankenhaus und hoffe, rechtzeitig zur Bescherung wieder zu Hause zu sein. Meine erhoffte Wiedergeburt, liebe Annelie, muss wohl noch bis zur Auferstehung warten.
Falls wir nicht mehr voneinander lesen, wünsche ich Euch eine schöne Weihnachtszeit und einen bunten Jahreswechsel.

Alles Liebe und Gute,
Susanna

06. Dez 2018

Das wünsche ich Dir auch, liebe Susanna: Ein wunderschönes Weihnachtsfest und einen besinnlichen Jahreswechsel, bunt, im Kreise Deiner Lieben - und selbstverständlich auch einen möglichst angenehmen Aufenthalt im Krankenhaus. Du bist ja so unendlich tapfer und wirst das alles gut überstehen, da bin ich mir ganz sicher. Ich denke an Dich und drücke ab und an beide Daumen.

Ganz liebe Grüße zu Dir und alles nur erdenklich Gute,
verbunden mit den besten Wünschen für Dein Wohlergehen,
Annelie