Gefährlicher Sommer (Teil 28; Text 2)

von Annelie Kelch
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Unter der blanken Hacke des Mondes
werde ich sterben,
ohne das Alphabet der Blitze
gelernt zu haben.

Im Wasserzeichen der Nacht
die Kindheit der Mythen,
nicht zu entziffern.

Unwissend
stürz ich hinab,
zu den Knochen der Füchse geworfen.
(„Unter der blanken Hacke …“; von Peter Huchel)

Nächtlicher Besuch oder Tote leben länger

„Sobald die Grube voll ist mit deinesgleichen, schütten wir sie zu. Ich freue mich schon wahnsinnig darauf“, schrie Helge zu mir herunter, nachdem er mich mit einem ziemlich brutalen Schubs in das Erdloch gestoßen hatte.

„Gute Nacht, Fräulein Kleve. Bei Tagesanbruch wecken dich die Vöglein mit ihrem Morgengesang, sofern du dann überhaupt noch am Leben sein solltest“, hatte er mir mit auf den Weg gegeben und dabei hämisch gelacht – meckernd wie ein uralter Geißbock.

Seine Stimme klang voller Spott und Hohn, und mich durchrieselte ein eiskalter Schauer, was mich jedoch keineswegs davon abhielt, ihm die Hölle auf Erden zu wünschen.

Obwohl ich mir bei dem tiefen Sturz weder das Genick noch sonst irgendwas gebrochen hatte, vielmehr wohlbehalten auf dem Grund der Grube gelandet war, was an ein Wunder grenzte, fühlte ich mich wie am Boden zerstört. Mein Herz pochte, als stünde ich nach wie vor schwankend vor dem Abgrund dieses Höllenschlunds; dabei war ich längst nach unten gesegelt und saß in der Falle.

„Das ist Kidnapping, ein schwerwiegendes Delikt, Helge Brandner“, schickte ich mit letzter Kraft hinauf zu den alten Baumriesen.

„... das niemals aufgeklärt werden wird“, höhnte Helge und beugte sich zum Erdloch hinunter. In seinen Augen funkelte diabolische Schadenfreude, und um seinem blutleeren Mund lag ein zynisches Grinsen.

„Für dich würde doch kein Mensch auch nur eine müde Mark rausrücken, geschweige denn Millionen. Adieu, auf Nimmerwiedersehen, armes Häschen in der Grube.“

Dem Tonfall seiner Stimme nach zu urteilen, amüsierte er sich prächtig über mich. Er schien sich völlig sicher zu sein, dass ihm niemand auf die Schliche kommen würde, niemand – außer mir, die er ausgeschaltet hatte. Hannes nahm er offenbar nicht für voll.

Ich presste voller Wut meine Fingernägel in die Handballen und kämpfte gegen die aufsteigenden Tränen.
Der wird sich noch wundern, wenn er Hof Lachau gegen eine Zelle im Knast eintauschen muss. Dafür werden Hannes und Kommissar Fuchs schon sorgen, tröstete ich mich schließlich. Aber würde ich diesen Triumph überhaupt noch auskosten können? – War ich zu jenem Zeitpunkt nicht längst eine verfaulte, stinkende Leiche?

Nur noch wenige Minuten vernahm ich die Schritte der beiden: ein leichtes Tappen auf dem federnden Nadelboden, das leiser und leiser wurde ... bis das lichtgrüne Dickicht auch dieses letzte menschliche Geräusch gänzlich verschlungen hatte.
Danach wurde es still ... sehr still.

Mit Helges und Heriberts Aufbruch war auch das Licht im Lachauer Forst erloschen, als hätten sie es ausgeknipst. Ich lehnte mich voller Ekel an die dunkle, von unappetitlichen Regenwürmern und Käfern bevölkerte Wand meines Erdbunkers, bevor mir die Beine wegrutschten.

Ein bleiernes Gefühl der Verlassenheit brach plötzlich über mich herein, und ich sah hilflos zu, wie sich die Schatten ins Erdreich bohrten und die Dämmerung sich lautlos wie ein Räuber in den Wald schlich.
Nur wenig später, als wäre es damit noch längst nicht genug des grausamen Spiels, kroch auch die Nacht durch das Laub und löschte nach und nach das graublaue Zwielicht des Abends, das durch die Kronen der Waldriesen in mein unterirdisches Versteck sickerte. Sie senkte sich schleppend und schwer wie Blei über mein Grab; aber das Gebrumm im Laub der Bäume und das geheimnisvolle Rascheln und Rumoren der Vögel im Unterholz, das monotone Gurren der Waldtauben, das dämonische Pfeifen einer Eule, das mir kalte Schauer über den Rücken jagte, drangen umso stärker an mein gespitztes, alarmbereites Ohr.

Jenes Dunkel hüllte die Pflanzen in ein titanisches Trauergewand, und über mir erwachte ein Nachthimmel mit unzähligen kleinen Sternen, als hätte ein fuchsteufelswilder Gott, möglicherweise der Herrscher des Waldes, der mein Martyrium hatte mitansehen müssen, die gleißende Abendsonne in Stücke zerschlagen.

Falls er mir damit eine Freude bereiten wollte: Meine Begeisterung hielt sich verständlicherweise in Grenzen. Es stank mehr denn je nach Würmern und modriger Erde, und nach einer Weile tauschten sich nur noch die Tauben aus: Gurr! Gurrrrrrrrr! – ausdauernd, als wollten sie überhaupt keine Ruhe mehr geben.

Anstatt wie das andere Federvieh endlich die Köpfe ins Gefieder zu betten und Nachtruhe zu halten, hatten sie offenbar beschlossen, mir auf die Nerven zu gehen. Ihr Rufen klang entsetzlich vorwurfsvoll, als träfe mich, das Opfer, die Schuld an dieser Pharaonengruft, die „Ferien auf ewig“ versprach, worauf ich nicht die geringste Lust verspürte. Mir klapperten mittlerweile vor lauter Angst die Zähne.
„Heinrich, der Wagen bricht ... Nein, Herr, der Wagen nicht ...“, war alles, was mir einfiel – ein geflügeltes Wort aus dem Märchen „Der Froschkönig“.

Je weiter die Nacht vorrückte, desto verlorener fühlte ich mich.
Was würde Leni sagen, wenn sie mich hier sehen könnte? Ich schwankte zwischen „... sei froh, dass du nicht in einem tiefen, mit Wasser gefüllten Brunnen ausharren musst, Katja“, oder: „Du kannst von Glück sagen, dass du das Loch nicht selber buddeln musstest.“

Vor einigen Jahren hatte ich Leni mal gefragt, weshalb Vögel eigentlich ständig herumzwitschern müssen.
„Weil sie zufrieden und fröhlich sind“, hatte sie ohne Umschweife geantwortet. Aber Leni wäre nicht Leni, wenn sie es bei dieser einleuchtenden Erklärung hätte bewenden lassen – als schämte sie sich dafür, nette Gedanken zu haben.
„Es könnte natürlich auch sein, dass sie einem deshalb andauernd die Ohren vollträllern und auf die Nerven gehen, weil sie nichts anderes zu tun haben“, hatte sie nach einer Weile grinsend hinzugefügt.

„Unsere Gnädigste singt ja auch fast immer ...“, fühlte ich mich veranlasst zu erwidern, und bevor Leni, die zwar häufig eine dicke Lippe riskiert, aber im Grunde ihres Herzens eine ergebene Dienerin der gastfreundlichen Herrin von Lachau ist, sich negativ dazu äußern konnte, was sie später gewiss bereut hätte, fuhr ich fort: „...weil sie glücklich und zufrieden ist, denn zu tun hat sie ja wohl mehr als genug.“
„Eins zu null für dich, Katja“, hatte sich Leni lächelnd geschlagen gegeben.

Ich harrte voller Bangen auf das von Helge angekündigte, fiese Wildschwein, das sich während seines Abendspaziergangs in mein Erdloch verirren würde. Vielleicht ließe es sich von mir besänftigen, fiele es denn

Collage zu Gefährlicher Sommer, Teil 28; 2. Text

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Kommentare

03. Feb 2018

Die Mischung passt gut, nach wie vor:
Die Spannung trifft gern auf Humor!

LG Axel

03. Feb 2018

Wenn jemand trotzdem lacht ... das ist Humor,
doch Katja kommt sich schon begraben vor.
Dank, Axel, dir, für Deinen Kommentar:
Er ist, wie immer, unfehlbar.

LG Annelie

04. Feb 2018

Zum Glück geht dieser besonders gruselige Teil deines spannenden Jugendkrimis gut aus ... auch das Gedicht von Peter Huchel gefällt mir sehr, liebe Annelie.
Liebe Grüße nach Lübeck - Marie

04. Feb 2018

Danke, liebe Marie. Ja, Peter Huchel war ein großer Dichter, einer der bedeutendsten Lyriker seiner Zeit. Er wuchs auf dem Bauernhof seines Großvaters in der Mark Brandenburg auf. Hier ein Winterpsalm von ihm, weil es grad jahreszeitlich passt:

Atmet noch schwach,
durch die Kehle des Schilfrohrs,
der vereiste Fluss ...

oder, sommermäßig:

Eine Granne,
nicht zugeweht vom Sommer,
stachelt sich fest
in meiner Kehle.

Liebe Sonntagsgrüße zu Dir in die riesige Stadt,
Annelie

04. Feb 2018

Schöne Huchelverse, danke, und die Stadt ist von überschauberer Größe ...

Liebe Grüße zurück - Marie

04. Feb 2018

Echt jetzt? - Wie Hamburg - zumindest auf dem Stadtplan? - Nicht größer? Nicht antworten - ausruhen; ich schau selber nach - im Atlas und Lexikon.

LG Annelie

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