Neunzehnhundert irgendwas

von Anouk Ferez
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Sagt, kennt Ihr das auch? In seinen eigenen uralten Gedichten zu stöbern, ist beinahe so, wie einen Brief an sich selbst zu lesen. Und plötzlich fragt man sich: Schrieb ich mir einst aus der Zukunft an die Gegenwart, oder aber ist es umgekehrt? Ist dies vielleicht ein "Brief" eines kleinen Mädchens (oder Jungen) an die Frau (bzw. an den Mann), die (der) es/er einmal werden wird?
Und dann, wenn man in seinen eigenen längst in Vergessenheit geratenen Zeilen versinkt, geschieht plötzlich etwas Sonderbares. Denn wenn man in die schwüle Atmosphäre einst gespürter Worte (Worte, die man selbst geatmet, selbst gebrütet, selbst ins Papier gebrannt hat!) unvermittelt eintaucht...ja, dann spürt man mit jeder einzelnen Faser, dass es so etwas wie "Zeit" an und für sich gar nicht gibt. Dann ahnt man, dass keinerlei Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren! Dann ist man sich nahezu sicher, dass alles eins ist und dass dieses "eins" alles ist... Und dass man bereits als Kind wusste, wer man IST (und nicht, wer man einmal sein wird...) Und dann spürt man, dass eben dieses Mädchen (oder eben dieser Junge) damals schon die Hand jener Frau ( oder jenes Mannes) hielt, die/der man nun ist und der/die man schon immer war....

Manchmal denke ich, jeder Mensch ist vergleichbar mit einem Samenkorn, in dem bereits der ganze Baum schlummert: Man ist schon als Baby, schon als Embryo dieser Baum, der sich nur nach außen sichtbar Zentimeter für Zentimeter entfaltet, seine Arme in den Himmel streckt und seine Wurzeln tief im Boden vergräbt. Aber im Inneren, da weiß man von Anbeginn: er ist schon da! Dieser Baum ist seit JEHER da - und das bereits längst vor dem ersten Atemzug, dem ersten Sonnenstrahl, dem ersten Puls. Und der Greis, der Erwachsene und das Baby existieren parallel ... Oder aber ist ALLES, unser komplettes Dasein und jegliche Existenz bloß pure Illusion?

Dies ist mein eigener Text aus den 90-er Jahren, über den ich heute gestrauchelt bin.. Er fiel mir auf einem vergilbten Zettel aus einem alten verstaubten Tagebuch undatiert entgegen. Plötzlich waren so unglaublich viele Jahre vergangen. Ich war wieder plötzlich wieder ein Mädchen und weinte.

19XX:
ICH HATTE HUNGER und wusste es nicht.
Hunger nach mehr Gerechtigkeit.
Jetzt, da ich ihn nicht stillen kann,
rechtelos, verkannt,
ERKENNE ich

ICH HATTE SEHNSUCHT und wusste es nicht,
Sehnsucht nach Liebe.
Jetzt, da ich selbst keine geben kann,
ungewollt, verlassen,
SPÜRE ich.

ICH HATTE HOFFNUNG und wusste es nicht.
Hoffnung auf Frieden.
Jetzt, da der Krieg gekommen ist,
berechnend, rücksichtslos,
BEMERKE ich.

ICH HATTE GLAUBEN und wusste es nicht,
Glauben an mich und die Welt.
Jetzt, da die Zerstörung kam,
vernichtend, gefährlich,
ERFAHRE ich.

JETZT, DA DIE VERZWEIFLUNG KAM,
fand ich mich.
Ich hungerte, ich liebte,
ich hoffte, ich glaubte...
-IHR MERKTET ES NICHT.

A.G.W (Anouk Ferez) , irgendwann in den 90-ern...

Dies ist ein alter Text irgendwann aus den 90-er Jahren von mir. Er fiel mir aus einem verschlissenen rosa Tagebuch entgegen. Er hat mich sehr aufgewühlt. Also habe ich getan, was ich immer tu: ich schreibe mich frei...

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199 Seiten / Taschenbuch
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Interne Verweise

Kommentare

03. Apr 2017

Liebe Anouk, Gerechtigkeit, Sehnsucht, Hoffnung, Glauben, Verzweifelung ... alles Worte, Gedanken, die viele in ihrer Jugendzeit als am wichtigsten für sich erachtet haben. Worte, an die man sich geklammert, an deren Erfüllung man geglaubt hat. Besonders berührt hat mich die letzte Strophe deines Gedichts und daraus der letzte Satz: "Ihr merktet es nicht!" - Ich habe früher auch immer geglaubt, meine Eltern würden nicht merken, wie schlecht es mir manchmal ging. Vielleicht haben sie es ja doch gespürt, aber irgendetwas, was auch immer es gewesen sein mag, hat sie daran gehindert, mich daraufhin anzusprechen. Ich war allerdings auch sehr verschlossen. Es ist lange her - aber ích kann einige meiner damaligen Gefühle durchaus noch nachvollziehn; deshalb hat mich dein Text wohl auch so sehr berührt. Er hätte von mir sein können; aber ich glaube nicht, dass ich meine Gefühle damals schon so gut hätte zu Papier bringen können. Ich halte deinen Text für sehr wichtig, nicht nur für junge Leute. Vielen Dank, dass du mich auf die Reise in die Vergangenheit geschickt hast.

Liebe Grüße
Annelie

04. Apr 2017

Liebe Annelie, ich freue mich sehr dass du dich so intensiv mit meinem alten Text auseinandergesetzt und Parallelen zu dir selbst als junges Mädchen gezogen hast. Ich habe mich oft missverstanden gefühlt und ich denke, dass mich mein Gefühl nicht trügt. Ob es allen jungen Leuten so geht, dass die Eltern und engsten FReunde plötzlich vor einem Buch mit 7 Siegeln stehen? Ich habe mir fest vorgenommen, auf meine Kinder einzugehen, auch wenn ich denke dass sie mich vielleicht mal weniger brauchen ( noch sind sie klein). Eine Freundin deren eines Kind bereits in der Pubertät ist, sagte mal, dass ihr Kind die mehr denn je braucht. Ich denke oft sogar, dass kinder einen eben dann am nötigsten brauchen, wenn man sich vielleicht sogar zurückgewiesen von ihnen fühlt. Aber ich mag mich auch täuschen. Ich weiß nur dass ich mich dann und wann so fühle wie früher obschon ich an einem anderen Platz im Leben stehe. Aber wahrscheinlich ist alles alles pure Ilusion. Danke für deine lieben Worte, es grüßt sich herzlich
Anouk

04. Apr 2017

Ich finde nicht nur diesen "alten Brief an sich selbst" sondern auch den Vorspann sehr interessant. Vielleicht weil ich jene Gedanken über das Leben, die Existenz und die Zeit teile.
Gruß,
Der Denker

04. Apr 2017

Hallo, Der Denker, seien Sie gegrüßt und herzlich gedankt für Ihre Anteilnahme an meinem Text, insbesondere die Geschichte drumherum, weswegen ich hin auch unter Prosa stellte... ich finde es immer wieder spannend, wie ähnlich Menschen doch empfinden, insbesondere die, die sich intensiv mit dem geschriebenen Wort auseinandersetzen. Es grüßt Sie vielmals
Anouk