Gleichgewicht

von Sigrid Hartmann
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Jedes kleinste Teilchen auf dieser Erde, jedes Wesen, jede Pflanze und selbst die scheinbar tote Materie ist ein Teil der göttlichen Matrix, die alles ist und überall. Jedes Wesen hat seinen Platz, geht seinen Weg, lebt sein Leben.
Jedes Wesen folgt seinen Instinkten. Nur so kann das Zusammenleben verschiedener Arten, die aufeinander angewiesen sind, funktionieren.
Bei den höheren Lebewesen lassen sich jedoch unterschiedliche Charakterzüge erkennen. So folgen z.B. die meisten Schafe dem Herdentrieb, es gibt aber einige, die lieber eigene Wege gehen. Bei unseren Haustieren wie Hunden und Katzen sieht man es noch deutlicher.
Tiere haben außerdem die Fähigkeit, Werkzeuge zu benutzen oder in Rudeln gemeinsam zu jagen. Dazu gehört eine Verteilung der Rollen und ein sich Abstimmen untereinander. Der Verstand, das Verstehen der Zusammenhänge, ist also nicht nur dem Menschen gegeben.

Vor einiger Zeit las ich die Zeilen eines Indianers. Sie lauteten in etwa so:
Ich sitze an einem See und angle. Die Weißen wollen, dass ich in ihrer Stadt arbeite, Geld verdiene, mir dafür ein Auto kaufe, mit dem ich dann im Urlaub an den See fahre, um zu angeln.
Ich sitze schon am See und angle!
Was wäre, wenn wir sitzen geblieben wären?

Wir werden in diese Welt hineingeboren und so, wie jedes Wesen, tragen wir ein tiefes Urvertrauen in uns. Kleine Kinder sind ‚unschuldig’, weil sie noch in diesem Urvertrauen leben, nicht von der materiellen Welt beeinflusst wurden, und noch keinen Beitrag dazu geleistet haben.
Sie verlieren ihre Unschuld, verlassen in gewisser Weise das Paradies, sobald ihre Erziehung, die sie zu einem brauchbaren Teil der Gesellschaft machen soll, beginnt.
Sie hören auf das, was man ihnen sagt, nehmen es auf und als die Wahrheit an und entfernen sich immer mehr von sich selbst und verlieren damit ihr Vertrauen und ihre Verbindung zu der göttlichen Matrix.

Ist es so gewollt?
Es scheint fast, als wäre der Zustand des Erkennens und Verstehens, also der Verstand, eine Strafe.
Was wäre, wenn das Verstehen der Zusammenhänge, wenn der Verstand nicht gewachsen wäre in der langen Zeit der Menschheitsgeschichte?
Säßen wir dann noch immer am See, wären den Gewalten der Natur ausgesetzt, ohne uns vor ihnen schützen zu können?
Wir hätten nicht gelernt, uns einen trockenen Unterstand zu bauen, in dem wir vor Regen und Wind geschützt wären. Wir könnten keine Nahrung anbauen, sie haltbar machen, sondern wären darauf angewiesen zu essen, wenn es uns gelungen wäre, etwas Essbares zu finden.

Unser Verstand hat sich entwickelt als etwas, das unserem Körper, der unsere äußere Hülle ist und uns in dieser Welt repräsentiert, möglichst gute Bedingungen schafft.
Darüber haben wir beinahe vergessen, dass wir nicht nur einen Körper, sondern auch eine Seele haben, die mit der Energie des Universums in Verbindung steht. Wir legen so viel Wert darauf, unseren Körper zufriedenzustellen, ihm die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen, dass unsere Seele von uns nicht mehr wahrgenommen wird.
Mit dem Beginn unserer Erziehung verlassen wir einen hellen, warmen Raum und befinden uns plötzlich in Kälte und Dunkelheit. Die Tür, die hinausführt, ist verschlossen. Wir drehen uns im Kreis, auf der Suche nach dem Ausgang.

Manchmal sehen wir einen schwachen Lichtschein, der in unseren dunklen Raum dringt. Er durchdringt die Dunkelheit und nicht selten erschrecken wir davor und drehen uns weiter, lenken uns ab mit dem, was unserem Körper scheinbar guttut, denn das Licht lässt uns erkennen und an dem zweifeln, was uns beigebracht wurde. Uns wurde von klein auf gesagt, dass, nur wer Leistung bringt, ein vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft ist, in der bloß die materiellen Dinge zählen. Wir sind nicht frei in unserem Denken und Handeln. Wir werden jeden Tag von unseren Mitmenschen beeinflusst. Politik, Medien, Religionen, die Wirtschaftskonzerne zeigen uns eine Welt, in der es allein darum geht, immer mehr materielle Güter anzuhäufen. Geld erfährt dabei so viel Wertschätzung, wie es sonst nur einem Gott zuteil wird.

Dass die Seele darunter leidet, merken wir oftmals erst dann, wenn sich Krankheit und körperliche Gebrechen einstellen und wir dadurch bedingt zur Ruhe kommen und die Zeit finden, in uns hineinzuhorchen und die Stille zu erfahren. Erst dann werden wir unserer Seele gewahr. Sie spricht zu uns durch unsere Intuition und stellt eine Verbindung zur göttlichen Matrix her.
Körper und Seele sind gleich wichtig, nur wenn sie im Einklang sind, geht es uns gut.
Wir erkennen, was wirklich wichtig ist in unserem Leben und wenden uns ab von dem, was dieses Gleichgewicht zerstört.
Ein Gleichgewicht in uns selbst führt zu einem Gleichgewicht in der Natur, denn unsere Seele bringt uns dazu zu erkennen, dass es unserem Körper reicht, einen warmen, trockenen Platz und so viel zu essen zu haben, um satt zu werden.

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Kommentare

04. Jun 2017

Liebe Sigrid !
Ein dickes BRAVO für diesen Text.
Geist und Körper sind "untrennbar" mit
einander verbunden und sollten gepflegt werden.
Du hast das wunderbar beschrieben und da bin
ich nah bei Dir.
Diesen Beitrag sollten viele Leser
verinnerlichen und der ein oder andere
einen neuen Weg einschlagen und
der prägende Hinweis eines Indianers
zeigt, was Urvölker schon immer wußten,
der Mensch ist nicht allein auf dieser Welt.
In diesem Sinne
grüße ich Dich am heutigen,
verregneten Pfingstsonntag,
Volker

04. Jun 2017

Danke euch für die Zustimmung zu meinen Gedanken. Ein klein wenig Denken in diese Richtung würde der Welt sicher nicht schaden. Vielleicht trägt sogar Trump zu einem weltweiten Umdenken bei.
Liebe Grüße ins Pfingstwochenende! Sigrid

04. Jun 2017

Hier finde ich einen hervorragenden Text! Auch der Hinweis auf die Weisheit der sogenannten 'Wilden', die von uns 'Zivilisierten' arrogant abgewertet werden, wird durch die Gedanken eines Indianers deutlich. >Ich sitze an einem See und angle...<. Welche Logik! Nun denn, die Zeche zahlen wir alle. Dein Essay ist absolut lesenswert, denn ein Umdenken in Richtung Göttliche Matrix mit den unumstößlichen Naturgesetzen, die uns im Gleichgewicht halten könnten, wenn wir es nur wollten, wäre wahrer Fortschritt.
LG Monika

04. Jun 2017

Nicht nur die Seele, auch Verstand (sofern vorhanden gewesen), Urteilsvermögen und Mitleid gehen bei vielen (nicht allen) Neureichen und "Wohlständlern" den Bach runter. Manche Leute werden es nicht fassen können, dass es Leute gibt, die auf vieles - genüsslich - verzichten, was für die meisten "Wohlstand" und "Reichtum" bedeuten und statt dessen spenden - für Amnesty und Greenpeace zum Beispiel. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man sich darüber totlachen, weil sie doch so überzeugt davon sind, die besseren Menschen zu sein, die "mehr" haben. Aber das sagt ihnen keiner. Wer von den Leuten, die spenden, sagt schon einem Angeber ins Gesicht: "Das brauche ich nicht, ich spende lieber." - Wie neuerdings junge Männer (Gruppen etc.) in der Schweiz, die alles daran setzen, möglichst viel zu verdienen, um viel spenden zu können, damit die Welt gerechter wird. Danke für diesen super Essay.

Liebe Grüße,
Annelie