Nach uns die Sintflut?

von marie mehrfeld
Mitglied

Bürgersteige oder autofreie Strassen in Einkaufszonen sind öffentliche Gehwege für alle. Hierzulande sind sie meistens mit teurem Pflaster versehen, alles vom Feinsten, denn wir sind ein reiches Land. Überall stehen Abfallbehälter, die Aufforderungscharakter haben und regelmäßig geleert werden. Warum aber landet der Müll trotzdem immer öfter auf der Straße und nicht im dafür vorgesehenen Behälter? Was habe ich da alles schon liegen sehen? Ganze Sätze von Werbezeitungen, die dann vom Wind verweht werden, weggeworfene Fahrradlenker, Untertassen, alte Antennen, Monitore, Plastiktüten, leere Kartons, Verpackungen aller Art, die man loswerden möchte. Abfallbehälter zu suchen ist zu mühselig, also nichts wie weg, ist ja nicht strafbar. In Kneipen besteht Rauchverbot, also genießt man sein Zigarettchen auf der Straße. Die von mir Ümpel genannten Rauchwarenreste mit und ohne Lippenstiftmarkierung werden ungeniert auf die Straße geworfen, nach uns die Sintflut. Sollen die Müllmänner den Kram wegkehren, was interessiert es mich, ich zahle schließlich Steuern. Wer das Rauchen ganz aufgegeben hat, kaut stattdessen. Soll gesund sein für die Zähne und für’s Hirn. Die ausgekauten Chewinggums werden auf die öffentlichen Wege gespuckt. Und der nächste Passant tritt sie platt. Schwarze Placken überall. Rücksichtslos. Ekelhaft, nur schwer wieder zu entfernen. Warum nur? Wer sind „sie“? Du etwas? Niemals! Ich auch nicht, never! Aber – wer dann? Nicht besser geht es in öffentlichen Parks zu und an den Stränden von Seen und Meeren. Schaut euch um, es wird schlimmer.
Die Folgen der wachsenden Egomanie zeigen sich aber nicht nur in unserem Land, sondern weltweit. Denken wir an die Ozeane der Welt. Cirka 70 Prozent der Erdoberfläche sind von Wasser bedeckt. Doch heute schwimmen in jedem Quadratkilometer Meerwasser hunderttausende Teile Plastikmüll. Seevögel verenden qualvoll an Computerteilen in ihrem Magen, Fische halten kleinste Plastikteilchen für Plankton, Schildkröten verwechseln im Wasser schwebende Plastiktüten mit Quallen. Es gibt noch mehr von uns Menschen durch grenzenlosen Egoismus verursachte Katastrophen mit weltweiter Auswirkung wie die Abholzung der Regenwälder. Man benennt, bedauert und bemängelt es ununterbrochen, es wird gefordert, man müsste, man sollte, doch es ändert sich wenig. Auf den großen internationalen Konferenzen wird viel darüber geredet, aber wenig beschlossen und das meiste vertagt. Jeder Staat hat in erster Linie seine egoistischen nationalen Ziele meistens im Zusammenhang mit der nächsten Wahl im Sinn.
Wir müssen grundsätzlich umdenken und dabei nicht nur das eigene Land, sondern die Zukunft der Erde im Blick haben. Der internationale Gemeinsinn muss trainiert werden. Dieser Begriff ging offenbar verloren in dieser vom weltweit verbreiteten Smartphone ermöglichten Selfiewelt, in der man nur sich selbst betrachtet. Ich und der Kölner Dom! Ich und der Eifelturm! Ich und mein neues Tattoo! Schaut mich an, hört mir zu, ich bin ja sooo wichtig! Alle Welt muss es lesen, sehen und mit einem Klick loben. Man modelliert sein Ego permanent und bespiegelt sich selbst. Man schottet sich ab und tauscht sich lieber mit virtuellen als mit realen Freunden aus. Teilt Sorgen und Freuden mit Wildfremden, verwechselt das mit Freundschaft. Und vergisst dabei, dass keiner von denen auf der Matte steht, wenn du krank bist oder Kummer hast. Man kommuniziert mit unbekannten Menschen, die ihre Identität verschleiern, und misst sich mit einer ständig wachsenden Zahl an virtuellen und oft digital retouchierten Idealkörpern. Es sind nicht nur die Promis dieser Welt, die via Facebook, Instagram, Pinterest, Snapchat oder WhatsApp die Welt mit Fotos überschwemmen. Nein, es ist Jedermann, Jedefrau. Die Sucht nach Selbstdarstellung ist allgegenwärtig.
Die Begriffe Mitmenschlichkeit und Gemeinsinn scheinen ihre Wirkkraft verloren zu haben. Das „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist leider nicht mehr „in“. Solche Ich-Modellierung durch permanente Selbstinszenierung führt mit Sicherheit in eine narzisstische Gesellschaft und letztendlich zur Entsolidarisierung, zu sozialer Kälte. Es ist gefährlich, wenn sich eine ganze Generation von Heranwachsenden nur noch selbst bespiegelt. Unsere demokratische Gesellschaft ist doch darauf angewiesen, dass sich die Bürgerinnen und Bürger nicht nur darauf beschränken, alle paar Jahre wählen zu gehen. Wir müssen mitdenken und handeln und Verantwortung übernehmen. Das muss schon im Kindesalter trainiert werden. Wie wär’s statt Ich und meine neueste Jeans mit: Ich und die Menschen, mit denen ich zusammenlebe? Ich und das Stückchen Papier in der Hosentasche für den Zigarettenrest oder das ausgekaute Chewinggum? Ich und meine Umwelt? Ich und der Hunger in der Welt? Oder läuft es nicht über Einsicht und wir brauchen harte Strafen, so wie in Singapur? Dort ist es blitzsauber, ein achtlos hingeworfenes Taschentuch und erst recht ein ausgespucktes Kaugummi kann mit einer hohen Geldstrafe geahndet werden. Wenn es nicht anders geht, dann eben so? Müll aus dem Autofenster 500 Euro? Kaugummi auf die Straße 100 Euro? Und so weiter, und so fort? Aufpasser in Uniformen stehen überall und kassieren sofort? Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose werden zu Hilfspolizisten umgeschult und zu diesem Job zwangsverpflichtet? Ein Polizeistaat quasi, in dem letztlich jeder jeden bespitzelt? Will ich das? Hatten wir das nicht schon einmal vor wenigen Jahrzehnten?

Was kann ich selbst tun außer mich bemühen, in meinem Alltag Regeln einzuhalten, über alles nachdenken, mir und euch Fragen zu stellen und immer wieder darüber zu reden?
(Verfasst und eingestellt am 3. Juli 2017)

Wilder Großstadtmüll

Buchempfehlung:

92 Seiten / Taschenbuch
EUR 9,50

Interne Verweise

Mehr von marie mehrfeld online lesen

Kommentare

03. Jul 2017

Die Wegwerfgesellschaft wird zur Qual -
Man wirft auch Menschen weg! Brutal ...

LG Axel

04. Jul 2017

Danke.
Da hast du, lieber Axel, recht.
Dein Reim ist wieder - gar nicht schlecht!

04. Jul 2017

Das ist eine Kolumne, die in eine Tageszeitung gehört!
(Will heißen: Ich gehe konform und finde den Text gut!)

04. Jul 2017

*noé*, danke. Man muss es - wenigstens - immer wieder benennen.
LG, Marie

04. Jul 2017

Auf jede erdenkliche Weise entwertet sich der Mensch selber.

LG Monika

04. Jul 2017

Danke, Monika. Es macht einen wütend - und man fühlt sich hilflos, weil sich nichts ändert.
Liebe Grüße, Marie

04. Jul 2017

So habe ich mich schon mal demonstrativ
mit einem Eimer gebückt und den Müll
in unserem Park eingesammelt und wurde
aus der Ferne von vorbeigehenden
Menschen belächelt. Auf die Frage, ob
mir nicht jemand helfen wolle, sind sie
in alle Himmelsrichtungen weggegangen.
So stand ich dort betröppelt allein.
Da kann ich eine ganze Fotoserie liefern
und schicke ab und zu unserem Rathaus
diese Bilder. Reaktion gleich NULL !!!
Dein Bericht ist sehr gut und sollte
tatsächlich in eine überregionale Zeitschrift.
Titel: DIE MÜLLBERGE WACHSEN !
LG Volker

04. Jul 2017

Lieber Volker, danke für deine Worte. Du machst das einzig Richtige, wenn du den Müll aufklaubst. Wer darüber lacht, hat nichts kapiert. Wenn ich durch den hiesigen Park gehe, hebe ich regelmäßig Weggeworfenes auf, viermal bücken ist meine Devise. Und was die völlig überflüssigen plattgetretenen Kaugummis angeht, da lobt sich die Stadt Köln damit, dass sie diese nun mit heißem Wasserdampf enfernen kann. Besser wäre, alle Energie dafür zu verwenden, das Problem ins Bewusstsein der Menschen zu rücken.Daran fehlt es auch in der Politik, bringt wohl keine Wählerstimmen. Liebe Grüße dahin, wo du grade bist, ich sah hinter deinem Foto Sandstrand und Meer.
Marie

04. Jul 2017

Liebe Marie, vielen Dank für deinen Essay. Die Welt ist heute so aufgeklärt - aufgeklärter geht es schon gar nicht mehr. Die Menschen müssten eigentlich so intelligent sein wie noch nie - indes, mir scheint, sie werden immer dümmer. Das quengelnde Baby auf dem Arm und gleichzeitig das unvermeidliche Handy am Ohr: Bla, bla, bla (vom bedauernswerten Baby und der Mutter). Jeder weiß heute, dass Rauchen Krebs verursacht und Heilung, falls überhaupt möglich, sehr viel Geld kostet - es wird weitergeraucht. Die Pflegeheime wären mit Sicherheit nicht so überfüllt, wenn die Menschen gesünder lebten. Bloß nicht wirklich nachdenken, sondern überbrücken, lautet das Motto. - Das alles hat sehr viel mit Erziehung zu tun, wenn du mich fragst. Das Fernsehen - unkontrolliert eingesetzt - tut ein Übriges. Ich erinnere mich an Abende, als meine Mutter, meine Schwestern und ich (noch sehr jung damals) am Abend im Wohnzimmer saßen, Schallplatten hörten und miteinander kommunizierten. Gibt es das noch? - Dein Essay ist wirklich große Klasse; du solltest ihn an eine Zeitung schicken, damit er breiteren Massen zugänglich wird. Ich habe mich sehr über diesen Super-Text gefreut.

Liebe Grüße,
Annelie

05. Jul 2017

Annelie, wir sind wohl zu reich, zu satt, zu egozentrisch geworden, man gibt sich nicht damit zufrieden, was man hat, sondern will immer mehr, mehr. Den Vergleich mit der „spätrömischen Dekadenz“ des früheren Außenministers Guido Westerwelle fand ich persönlich zutreffend. Die öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme sind schon einigermaßen kontrolliert, finde ich, aber wer schaut sich die kritischen Sendungen an, die auch noch meistens abends zu spät gesendet werden? Wenn man am nächsten Tag arbeiten muss, schafft man das nicht. Mir geht es um das verloren gegangene Gefühl der Solidarität – mit dem Nächsten im weitesten Sinn, auch mit der Umwelt. RÜCK-SICHT nehmen ganz allgemein, das eigene Verhalten kontrollieren. Vielleicht Immanuel Kant mit seinem kategorischen Imperativ wieder ins Bewusstsein rücken, den man ganz einfach mit einem deutschen Sprichwort erklären kann: Was du nicht willst, was man dir tu, das füg auch keinem Andren zu.
Liebe Grüße, Marie

04. Jul 2017

"Was kann ich selbst tun außer mich bemühen, in meinem Alltag Regeln einzuhalten, über alles nachdenken, mir und euch Fragen zu stellen und immer wieder darüber zu reden?" Handeln!
Und Erziehung ist für mich der Schlüssel zum Erfolg. Gestern war noch ein Bericht im Fernsehen von jungen Leuten und ihrem benehmen im Zug. Ganz viele benutzen die Sitze als Fußablage. Darauf angesprochen meinten Sie "ich habe die Füße weh" oder "was geht das dich an". Gehts´s noch?
Respekt, Manieren und Grenzen lernt man zu Hause...oder gar nicht. Die Generation von heute nimmt das Wort "Wegwerfgesellschaft" sehr ernst, im wahrsten Sinne des Wortes...da funktioniert es!! Dein Text ist klasse, liebe Marie, aber für die Dreckspatzen mit Sicherheit zu lang.

Liebe Grüße in Deinen Abend
Soléa

04. Jul 2017

Ja, erziehen ist das Wichtigste, ich bin sicher, du machst das genau richtig. Mein Berufsleben lang und auch in meiner Familie habe ich mich genau darum bemüht, das kannst du mir glauben. Aber da läuft etwas aus dem Ruder - und man muss es benennen, auch wenn man ratlos bleibt. Liebe Grüße, Marie