Gefährlicher Sommer (Teil 16; 1. Hälfte) - Page 2

von Annelie Kelch
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gar nicht erkennen, ob sich ein Erdloch darunter befindet.“
„Hör sofort auf damit“, schalt ich ihn; denn ich sah Kora mit einem Mal vor mir, in einem dunklen, schmutzigen Verlies, um­geben von Würmern und Mäusen. Ich konnte mich an keinen Fall erinnern, in dem mein bevorzugter Held, Jerry Cotton, es mit Mördern zu tun hatte, die ihre Opfer in Erdlöchern darben ließen.
Wie kommt dieser Kerl auf solche Ideen?, grübelte ich.

„Lass uns doch lieber weiterfahren, falls du nicht zu müde bist, Katja“, bat Hannes, als wir den morschen Ansitz er­reicht hatten. „Ich möchte, bevor wir Konny von der Landzunge abholen, noch mal in diese Richtung fahren.“ Er deutete geradeaus.
„Meinetwegen“, stimmte ich zu. Mir war sowieso schon alles egal. Ich hatte die Hoffnung, Kora an jenem Tag noch zu finden, bereits aufgegeben.
Wir bogen in eine uns völlig unbekannte Gegend, und ehe wir uns versahen, radelten wir durch einen dichten, düsteren Tannenwald, der erfreulicherweise nach wenigen hundert Metern in einen herrlichen Mischwald mit Jungholzbe­ständen überging.
„Du solltest dich mal während der Herbstferien hier blicken lassen, Katja. Die Farben des Laubs sind einfach sagenhaft!“, schwärmte Hannes.
Dass er jetzt an sowas denken kann, kam mir in den Sinn.
*
„Wenn du wüsstest, Kindchen“, nahm Hannes das Wort auf, nachdem wir lange Zeit schweigend nebeneinander her gefahren waren.
Er hatte seine unergründliche Miene aufgesetzt, mit der er sich wahrscheinlich wer weiß wie interessant vorkommt, Christine.
„Wenn du wüsstest, Katja ...“, wiederholte er.
„Was denn nun, Hannes?“, fragte ich.
Postwendend wurde ich mit einem Redeschwall überschüttet, als hätte er nur auf mein Stichwort gewartet: „Also kurz hinter Lübeck hat die Gnädigste auf zwanzig Jahre ein riesiges Waldstück verpachtet. Weißt du, was die Jagdpächter und sogenannten Wildhüter dort treiben?“
Bevor ich Antwort geben konnte, fuhr er fort: „Die kaufen für enorme Summen ganz junge Fasane und ziehen sie in Gehegen auf, bis sie so pfiffig sind, dass man sie im Wald aussetzen kann. Dort werden sie weiter gemästet, und zwar mit dem besten Futter, das man sich vorstellen kann, so lange, Katja, bis sie sich kaum noch bewegen können und fett wie die Säue sind. Und dann ...“
Er schwieg bedeutungsvoll.
„Und dann, Hannes?“, tat ich ihm nach einer kalkulierten Weile den Gefallen.
Wäre Kora nicht wie vom Winde verweht gewesen, hätte mir das Gespräch einen Heidenspaß gebracht, liebe Christine. Aber so ...
„Dann ... ja dann geben diese Verbrecher eine Jagdgesellschaft“, zischte Hannes wütend. „An der kann jeder teilnehmen, der ein dickes Bankkonto und eine halbwegs anständige Knarre besitzt, Geschäftsleute, Neureiche, Barone und so weiter. Und dann werden Treiber angeheuert. Die rasen wie die Verrückten durch den Wald, fabrizieren einen ungeheuren Lärm, indem sie mit Knüppeln gegen die armen Bäume schlagen, um das Wild einzuschüchtern, und dirigieren die fast schon zahmen, unglaublich fetten Edelhühner vor die Gewehre der Möchtegern-Grünröcke und voilà ... schon glauben diese Angeber, sie seien hervorragende Jäger. Wer am meisten Wild erlegt hat, wird zum Jagdkönig ausgerufen. Aber das Allerschlimmste sind die Erdlöcher ...“
„Fängst du schon wieder mit diesem Quatsch an!?“,
„Das ist kein Quatsch, Katja!“, schrie Hannes. „Gruben über Gruben, vier Meter tief, kann man dort finden. Das heißt, wenn man eine gefunden hat, sitzt man klaro bereits in der Falle. Weil die Banditen sie mit Laub und Zweigen bedeckt haben. Tja, typischer Fall von Waldboden-Mogelpackung, dem echten täuschend ähnlich. Angeschmiert, verraten und verkauft ist man dann. Und wenn man mehr Glück als Verstand hat, wird man irgendwann von einem Wildhüter gefunden. Das ist immer noch besser, als dort jämmerlich zu verenden. Es wird einem dann natürlich unterstellt, dass man hinter den Fasanen her war, dass man ein sogenannter Wilderer ist.“
„Selbst dann, wenn man kein Gewehr dabei hat?“
„Pah!“, machte Hannes. „Diese Edelvögel sind nach der Mästung so träge und blöd, dass man sie nur noch packen muss.“
„Aber die Pächter dürfen doch nicht einfach Gruben ausheben und sich dann nicht mehr darum kümmern. Das ist doch Mord. Die müssen doch mindestens jeden Tag kontrollieren, wer ihnen in die Falle gestolpert ist.“
„Gestolpert ist gut“, sagte Hannes. „Dabei kann man sich sämtliche Knochen brechen.“
„Weiß Frau Brandner eigentlich, was in ihrem Wald vorgeht?“
Hannes zuckte mit den Schultern. „Glaub ich nicht. Hauptsache, die Pacht geht pünktlich aufs Konto. Das ist wichtig für den Erhalt des Gutsbetriebs.“
„Mensch, Hannes“, stammelte ich aufgeregt. „Das ist allerdings sehr interessant. Leben hier etwa auch Fasane?“
„Kann schon sein“, gab er gleichmütig zur Antwort. „Deshalb vermute ich ja auch, dass Kora in ...“
„Halt jetzt bitte den Mund“, unterbrach ich ihn.
„Aber erst fragen ...“, brummelte Hannes eingeschnappt.
„Woher weißt du das eigentlich alles?“
„Hat selbstverständlich der gute Axel, was mein Vater ist, ausgeplaudert. Aber weißt du, was die größte Sauerei dabei ist?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Dass einer dieser Armleuchter von Pächter gesagt haben soll: Wenn ich nur an das Röhren eines Hirsches denke! Wie viel nobler tönt es doch in meinem Ohr als das vulgäre Gebrüll einer ordinären Kuh. Der hat sie doch nicht mehr alle!“
Ich wäre am liebsten auf der Stelle vom Fahrrad gesprungen und hätte mich dumm und dämlich gelacht, liebe Christine, aber Hannes war tatsächlich hellauf empört und von Kora weit und breit nicht die winzigste Spur ...
Ein Vogel feixte laut über unseren Köpfen. „Das war ein Habicht, Katja“, klärte Hannes mich auf. „Die äußern sich immer in dieser Art und Weise, sobald sie sich vor irgendetwas erschrocken haben.“
„Nur zu jagen, um Trophäen zu ergattern, sollte überhaupt verboten werden“, nahm Hannes das Thema nach einer Weile wieder auf. Mein Vater hat jedenfalls eine äußerst zwiespältige Meinung zur Jagd. Er sagt, dass die Gesetze noch aus der Zeit des dicken Hermanns stammen.“
„Welcher dicke Hermann?“, fragte ich und sah ihn entgeistert an.
„Na, dieser Göring, Kindchen ... als der noch das Sagen hatte“, erwiderte Hannes. „Der war doch Reichsjägermeister und hatte sogar ein Jagdschloss, ,Carinhall' oder so ähnlich.“
„Den Göring kann ich mir nun wirklich nicht auf einem Pferd vorstellen. Das arme Tier“, sagte ich.
„Hast du eine Ahnung, Katja“, sagte Hannes mit grimmiger Miene. „Wenn du wüsstest, wer alles das ,Halali' missbraucht. Aber du hast Recht: Ein aufgeblasener und dämlicher Kerl soll Göring gewesen sein, sagt mein Vater. Wenn das damals alles

Collage (Teil 16)

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Kommentare

03. Sep 2017

(D)Ein Text, der stark die Spannung hält -
Und auch ansonsten stets gefällt!
(Die Krause kennt den Täter ja -
Angeblich es der Butler war ...)

LG Axel

03. Sep 2017

Liebe Bertha,
uff Lachau jab et keenen Butler, außer, du meenst Leni,
aba die kann der Tätä nich jewesen sein, weil dit alte Mächen
'nen Alibi hat, imma mittenmang inne Küche und uffn Hof.
Jedulde dir noch paar Wochen. Dit schaffste.
Jrus ooch an den Scheff, wat der Axel is, und Dank
für euren Kommentar,
Annelie

03. Sep 2017

Da sehnse WIE jefährlich der Battler is!
Hat sich janz jut JETARNT! Jewiss!

jez. Bertha Krause!
(Ihr Krimi is Sause!)

04. Sep 2017

Liebe Bertha,
Dank ooch für deinen Kommentar. Muss ick jetzt ooch "Sie" zu
dir sajen? Dit kann nich dein Ernst sein. -
Aber ick werd jetze Lenes Idantität überprüfen lassen von
irgend 'ner Schnüffelnase, dit kannste mir jloben.
Möglicharweise hat uns dit kleene Aas jelackmeiat.

Jruß, Annelie; ick fühle ma wieda jebumfidelt
wejen da Sause, danke ooch!

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