Ladies Night

von Susanna Ka
Mitglied

Jeden Winter, wenn ich auf der Insel bin, bittet mich Frieda um eine Lesung in ihrem Café.
Friedas Kunstcafé – ich liebe es.
Es „lebt“ – ja, es lebt tatsächlich in einem alten Backsteinhaus mit wechselvoller Geschichte. Und es ist der kulturelle Mittelpunkt dieser Insel.
In dem großen lichtvollem Raum unter dem Dach finden regelmäßig Ausstellungen regionaler Künstler statt. Malereien, Skulpturen, Fotografien.
Im Erdgeschoss läuft der Cafébetrieb. Friedas Torten sind legendär – und – natürlich benutzt sie nur Zutaten aus biologischem Anbau. Auch ihre Kaffeespezialitäten braut sie nur aus fair gehandelten Bohnen.
Nur das Reine – nur das Beste. In der Kunst und im Genießen.
Das ist Friedas Motto.
Und so betrachte ich es auch als Ehre, wenn sie mich einmal im Jahr um eine Lesung bittet.

„Rot wie Blut“
lächelnd hebe ich mein Glas Schlehenlikör und proste den fünfundzwanzig Inselfrauen zu, die gekommen sind,um meine Geschichten zu hören.
Es sind „handfeste“ Frauen, die allein ihre Höfe, Gaststätten und Läden auf der Insel betreiben, während ihre Männer am Festland einem Brotberuf nachgehen. Denen kann ich nicht mit Gedichten über Nebelschleier und Singschwäne kommen. Sie brauchen schon kräftigere Kost.
Heute Abend wollen sie, zur Feier meiner Lesung, ihren, im Herbst aufgesetzten, Schlehenlikör verkosten. Jede hat ein eigenes Rezept, jede soll von jeder probieren und ich von allen.
Die Damen sind hart im Nehmen.
Jetzt aber scharren sie mit den Füßen und sehen sie mich erwartungsvoll an.

„Rot wie Blut“
Sie kennen die Geschichte und sie lieben sie.

„Rot wie Blut“
handelt von fünf Frauen, die Rache an ihren nichtsnutzigen Ehemännern nehmen. Die Erste mischt ihm Tollkirschensaft in den Rotwein, die Zweite geht mit dem Bratenmesser auf ihren Liebsten los und die Fünfte – die Fünfte greift entschlossen zur Kettensäge.
Sie jubeln bei den letzten Sätzen. Der Schlehenlikör zeigt bereits seine Wirkung.
Wieder macht eine Flasche die Runde. Pro Geschichte gibt es ein Glas Likör. Ich habe viele Geschichten zu erzählen.
Als Nächstes lese die

„Mär von den Wiedergängern“

Jenen untoten Vorfahren der heutigen Inselbewohner, die in den Vollmondnächten aus ihren Gräbern steigen, und alle Männer der Insel, die zu dieser Zeit noch nicht daheim bei Weib und Kind sind, unter die Erde ziehen.
Prost, Wohlsein, auf die Untoten. Und auf die Nöcks. Ja, erzähl‘ uns von den Nöcks!
Sie setzen sich zurecht, füllen ihre Gläser erneut und nicken mir aufmunternd zu.
So langsam steigt auch mir der Alkohol zu Kopf und meine Disziplin macht einer angenehmen Leichtigkeit Platz. Entschlossen schiebe ich meine Unterlagen zur Seite und erzähle die Geschichte von den Nöcks frei aus dem Ärmel. Vielleicht kenne ich sie doch nicht auswendig, so wie ich es gedacht hatte, vielleicht tut auch der Schlehenlikör das Seine dazu - jedenfalls erfinde ich sie völlig neu. Munter plaudere ich von den Wassergeistern, gut gebauten jungen Männern, die nachts aus den Buchten steigen. Ihre Augen leuchten grün, so grün wie die Ostsee bei Sturm, und ihre Haaren sind so blond und wild wie das Dünengras.
Die Frauen seufzen sehnsuchtsvoll. Ich schließe mit den Worten:
„Und so geht das Gerücht um, dass all die schönen Kinder dieser Insel …“
Verlegenes Lachen, Kichern hinter vorgehaltener Hand.
Frauenfantasien.
Habe ich euch ertappt?
Prösterchen, ihr Lieben!

Frieda schenkt nach.
Ohne meine Papiere und mit einem gewissen Alkoholpegel im Blut fühle ich mich frei. Ich erzähle, lache, gestikuliere mit beiden Händen. Unbekümmert füge ich das Ende der einem Geschichte an den Anfang der anderen, und erzähle wilde Stories, die ich nie geschrieben habe.
Frieda zündet die Kerzen auf den Tischen an und knipst das Licht aus.
„Hu Huuuh“ rufen die Frauen, „Hu Huuuh …“
Hoffentlich entgleitet mir der Abend nicht.
Um mein Publikum bei Laune zu halten, erfinde ich den kurzerhand den Inselmörder. Gerade, als die Geschichte so richtig schaurig wird – mein trunkenes Hirn gaukelt mir die die blutigsten Bilder vor – ist es um die Frauen geschehen.

„Inselmörder, Inselmord,
wir nehmen dir die Säge fort“

Sie fangen vielstimmig an zu singen und wiegen sich im Takt. Zäher klebriger Schlehenlikör schwappt aus den Gläsern und wird zu hässlichen Flecken auf ihren Sonntagskleidern. Dann springen sie auf, haken sich unter schunkeln.

„An der Ostseeküste,
am ostdeutschen Strand …“

Jetzt habe ich sie verloren. Endgültig.
Fünfundzwanzig gestandene Frauen. Frauen, in deren Händen der wirtschaftliche Erfolg dieser Insel liegt und die das öffentliche Leben bestimmen – alle hackeduun. Selbst die Bürgermeisterin ist dem Schlehenlikör zum Opfer gefallen.

Gegen Morgen umarme ich Frieda ein letztes Mal.
„Du hast gggar kein GGGedicht aufgesagt…“
murmelt sie.
„von den Nnnebelschleiern und so.“
Dabei fuchtelt sie mit den Händen vor ihren zufallenden Augen herum, als wolle sie dort die Nebelschleier vertreiben.

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Kommentare

05. Mär 2017

Mir wurde beim Schreiben schon ganz schwummerich ...
Danke, lieber Axel.

05. Mär 2017

Stimmt, da wird man vom Lesen schon trunken !!!
Tolle und genaue Beschreibung mitten aus dem Leben bzw. Alltag gegriffen.
Gefällt mir sehr gut. Aber ohne Alkohol wäre besser gewesen.
LG Volker