Gefährlicher Sommer (Teil 30; Text 3)

von Annelie Kelch
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Es ist Nacht,
und mein Herz kommt zur dir,
hält 's nicht aus,
hält 's nicht mehr aus bei mir.

Legt sich dir auf die Brust,
wie ein Stein,
sinkt hinein,
zu dem deinen hinein.

Dort erst,
dort erst kommt es zur Ruh,
liegt am Grund
seines ewigen Du.
(Christian Morgenstern; „Es ist Nacht“)

Trauer, Entsetzen und eine weitere Ferienwoche!!!!!!!!!!!

Kora und Konny ergriffen das Hasenpanier, sprangen wie vom Affen gebissen auf ihre Räder, und rasten vom Hof. Hannes hatte sich über seinen Vater gebeugt und gab sich Mühe, ihn bei Bewusstsein zu halten. Ich war viel zu geschockt, um den Sinn seiner Worte zu begreifen, die er im Flüsterton hervorstieß.

Kröger stöhnte. Von seiner Stirn rannen dicke Schweißperlen übers aschfahle Gesicht, und aus seinem rechten Oberschenkel quoll das Blut in Strömen.

„Ich rufe einen Krankenwagen und die Polizei, Hannes“, rief ich und setzte mich auf; die Detonation des Schusses hatte auch mich zu Boden gerissen. Kröger befand sich nur knapp einen Schritt hinter mir, als der Abschuss und das Fluggeräusch der Kugel, die haarscharf an meinem Kopf vorbeigesirrt war, die ländliche Stille zerrissen hatte.

„Bring mir bitte vorher noch ein weißes Laken aus dem Wäscheschrank im Herrenzimmer, damit ich die Wunde stillen kann; er verliert eimerweise Blut“, rief Hannes mir zu. Seine Stimme klang verzweifelt.

Als der Krankenwagen endlich in die Hofeinfahrt bog, hatte Mutti bereits unsere Koffer gepackt und stand reisefertig im Saal. Ich war stinksauer.

„Die Ratten verlassen das sinkende Schiff, wie undankbar“, schleuderte ich ihr mit bitterer Stimme entgegen.

„Ich lasse mich nicht von entlaufenen Sträflingen abknallen, Katja. Das sollte dir einleuchten“, hielt mir Mutti entgegen. „Das Leben ist schon kurz genug.“

„Und was sollen Oma und Opa sagen?“, warf ich empört ein.

„Deine Großeltern hüten gern mal für eine Weile das Haus, und irgendwann werden diese Gangster ja wohl gefasst werden“, sagte Mutti ungerüht. Wir müssen hier weg. Je eher, desto besser.“
Sie bestellte ein Taxi, und mir kamen vor lauter Wut die Tränen, liebe Christine.

Letztendlich blieb mir nichts anderes übrig, als ihr mit den Koffern zu helfen. Es waren diesmal insgesamt fünf. Ich war weitaus Schlimmeres von ihr gewöhnt.

Der Abschied von Lachau fiel mir unglaublich schwer, um ein Vielfaches schwerer noch als in den vergangenen Sommern.
Ich würde Hannes per Brief erklären müssen, weshalb ich ihm bei seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus nicht mehr zur Seite stehen könne. Dass Mutti ihre Drohung tatsächlich wahr macht und auch mich zur Heimfahrt zwingen würde, hatte ich bis zum Schluss nicht glauben wollen. Meiner Meinung nach war ihr Wille zum sofortigen Aufbruch eine weitere Kurzschlusshandlung. Bei Mutti springt öfter mal die Sicherung raus, liebe Christine.

Opa standen Tränen in den Augen, als das Taxi vor der Veranda hielt, um uns gütigst aufzunehmen und zum Lübecker Hauptbahnhof zu kutschieren. Oma kämpfte tapfer wie ein Soldat gegen ihre gewiss zwiespältigen Abschiedsgefühle, hauptsächlich, was mich betraf; man merkte der Guten allerdings an, dass sie es – wie ihre leicht hysterische Tochter – eilig hatte, vom Hof zu kommen; irgendwo dort hielten sich drei Irre verborgen. Verstecke gab es auf Lachau wie Kiesel an der Spree.

Als ich mit Mutti das Gepäck aus dem Saal und durchs Herrenzimmer wuchten wollte, sprang Herr Fuchs, der gerade eingetroffen war und dessen Suchtrupps die Ställe und Felder durchkämmten, aus einem der schönen alten Chippendale-Sessel auf und nahm uns die Koffer aus der Hand.
Die Gnädigste war mit der neuen Situation total überfordert und stammelte ein paar Abschiedsworte. Sie würde eine Mannschaft zusammentrommeln müssen, um den Hof weiterführen zu können. Ob ihr das so schnell gelänge, schien mir eher zweifelhaft. Ihr Gutsverwalter war auf dem Weg ins Krankenhaus; es war noch nicht einmal sicher, ob er den letzten Gewaltakt überleben würde.

Ich schämte mich so sehr für unsere überstürzte Abfahrt, dass ich der Gnädigsten kaum in die Augen blicken mochte. Dass Hannes und ich den Mord an Knut aufklären konnten, hatte der Gutsherrin kein Glück gebracht, im Gegenteil. Und dann ließ auch ich sie noch im Stich, Schule hin oder her.

Mutti gönnte mir noch nicht mal die Zeit, mich von Kora, Konny, Tante Selma und Tom zu verabschieden.

Eine Stunde nach dem Mordversuch an Kröger saßen wir im Zug nach Altona. Ich blickte gedankenvoll aus dem Abteilfenster, während Mutti sich den Kopf darüber zerbrach, was sie am nächsten Tag zum Mittag kochen sollte. Ich hätte sie am liebsten erwürgt, liebe Christine. Mit bloßen Händen!

In Altona hatten wir eine gute Stunde Aufenthalt. Ich schleppte die Koffer in ein Wartehäuschen, während sie sich am Zeitungskiosk die neue „Constanze“ kaufte, ein superdoofes Modejournal, Christinchen. Das brachte das Fass endgültig zum Überlaufen …

Opa hatte mir zum Abschied klammheimlich fünfzig Mark in die Hand gedrückt, und ich wusste plötzlich genau, wozu ich das Geld verwenden wollte.
„Ich müsste auch noch mal zum Kiosk“, teilte ich Mutti mit, nachdem sie sich in das dämliche „Affenblatt“ vertieft hatte, während in Biafra der Krieg tobte und die Kinder vor Hunger wie Fliegen starben.
„Will mir eine Abendzeitung kaufen.“

„Du hast noch Taschengeld, Katja?“, erkundigte sie sich mit süffisanter Stimme.
„Klar“, erwiderte ich, „und zwar mehr als du dir vorstellen kannst.“
„Es geschehen noch Zeichen und Wunder“, meinte sie. „Es sieht ganz so aus, als wolltest du endlich vernünftig werden.“

Sie wusste nicht, wie recht sie damit hatte!

Ich begab mich nämlich zum Schalter neben der Auskunft und kaufte mir eine Rückfahrkarte nach Lübeck. Dann rief ich meinen Vater an und erklärte ihm mit knappen Worten den Sachverhalt.

Zurück im Wartehäuschen hielt ich Mutti den Fahrschein unter beide Glupschen, die mittlerweile schwachsinnige Leserbriefe folgenden Inhalts fokussierten: „Er betrügt mich mit seiner Sekretärin, liebe Vera. Soll ich mir das gefallen lassen? Möglicherweise verlöre ich anderenfalls das Haus, die nagelneue Eistruhe und den Swimmingpool, blahblahblah ...“

„Was soll das heißen, Katja?“ Mutti blickte unwillig von ihrer banalen Lektüre auf und musterte mich, als sei ich für die Auflösung des Osmanischen Reichs verantwortlich.

„Das soll heißen, dass i c h die Gnädigste nicht im Stich lasse“, klärte ich sie mit milder Stimme auf. „Die Schule beginnt erst in einer Woche; ich hänge noch ein paar Tage dran und fahre danach alleine heim. Bin schließlich kein kleines Kind mehr. Das ist alles mit Papa abgesprochen, vor zwei Minuten, per Telefonat. Ich habe ihn auf der Arbeit angerufen. Hannes, Konny, Kora und ich könnten die tägliche Arbeit auf dem Hof schaffen, wenn wir uns ranhalten. Oskar ist ja auch noch da, selbst wenn er hauptsächlich nur frisst. Es wird allerhöchste Zeit, dass der Kerl abnimmt – und zwar nicht nur vom Teller.“

„Das kommt überhaupt nicht …“ Mutti war aufgesprungen und giftete mich aus glühenden Augen an. Der „Hund von Baskerville“ war ein Schäfchen dagegen.

„Tschüss Mutti, meine Bahn fährt gleich ab“, fiel ich ihr ins Wort, nahm mein Köfferchen und sprang in den Zug am gegenüberliegenden Gleis, der gerade eingelaufen war.

Von meinem Abteil aus sah ich ihr Gesicht am Fenster des Wartehäuschens kleben. Es hatte die Farbe von uraltem Edamer angenommen: grünliche Patina mit leichtem Gelbstich. Ich dankte den vielen Koffern und den modischen Schuhen mit Pfennigabsätzen, die sie daran hinderten, mir nachzulaufen und mitten auf dem Bahnsteig eine filmreife Szene hinzulegen. Irgendjemand würde ihr Gespäck gewiss in den Heimatzug hieven. Sie war ja schließlich nicht auf den Mund gefallen.

Ich jedenfalls hielt es für meine Pflicht, der Gnädigsten aus der Klemme zu helfen – soweit ich dazu in der Lage war. Außerdem wollte ich Kröger wiedersehen, das war mir inzwischen klar geworden. Er durfte nicht sterben. – Das Abteil gähnte vor Leere, ich war die einzige Passagierin an Bord. Also faltete ich meine kleinen Patschhändchen und flüsterte ein Gebet, das Kröger vor dem Tod bewahren sollte. Der Zug kam schnaufend in Bewegung – und ich freute mich bereits ein ganz klein wenig auf die Gesichter der Lachauer Einsiedler, wenn ich in knapp anderthalb Stunden dort aufkreuzen und meinen unschlagbaren Plan zur Rettung des Guts präsentieren würde.

Collage zu diesem Text; Copyright: Text: Annelie Kelch; 1 privates Foto und Fotos von pixabay
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Kommentare

06. Apr 2018

Ja, wie ein Schachspiel ist dies Leben manches Mal ...
kommst Du nicht schnell genug "zum Zug",
bereitet es Dir Müh - und Qual.
Auch falsche Züge fahren in die falsche Richtung ...
Das Leben ist oft kurios, wie große Dichtung.

LG Annelie

06. Apr 2018

Sehr lebendig wieder - und das super Gruppenbild mit Annelie mitten drin - aber wird die Geschichte je ein Ende finden - oder ist es eine unendliche?

Liebe Grüße Marie

06. Apr 2018

Sie findet bald ein Ende, hab Geduld, liebe Marie ...
Stehn doch viel neue Storys auf der Matte, wolln vollendet werden -
mit viel Kraft und Fleiß - und Fantasie.
Lieben Dank für Deinen Komnentar -
heute scheint das Wetter hell und klar.

Liebe Grüße und ein wunderschönes Wochenende,
Annelie