Story VII: Gerechtigkeit

von Qayid Aljaysh Juyub
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‚Das größte Schwein im Land ist der Denunziant.‘ Ohne Zweifel entbehrt diese Volksweisheit nicht eines gewissen Wahrheitsgehalts. Was meint ihr wohl Freunde, wie es den Bluthunden von GESTAPO und STASI möglich war, die Tyrannis ihrer Herren mit derartiger Totalität aufrechtzuerhalten? Da waren doch die vielen kleinen, schmierigen Helferlein, die aus Habgier, Neid oder nicht nachvollziehbaren Motiven dem Staate missliebige Personen ans Messer lieferten. Nichtsdestotrotz verwenden munter bundesdeutsche Behörden auch gerne dieses probate Hilfsmittel, um ihre Ziele, seien sie nun mit den bestehenden Gesetzen kompatibel oder nicht, durchzusetzen. In unserem Falle hieß das Opfer derartiger übler Machenschaften Katharina Henot - eine mittelalterliche Dame von freundlichem und natürlichem Wesen. Zu ihrem außerordentlichen Nachteil gab es aber übelwollende Zeitgenossen, die ihr aus egoistischen Motiven Schaden zufügen wollten. Das war in jener Hinsicht bemerkenswert, da vielfach solch feige Taten keines wirklichen Grundes bedürfen und oft nur einer gewissen menschlichen Bösartigkeit entspringen. Da Frau Henot auch noch zu den Schwächsten der Gesellschaft ohne nennenswerte Lobby gehörte, bekam sie denn auch die volle Härte des legendären Rechtsstaates zu spüren. Wir sollten vielleicht dazu noch bemerken, dass Katharina 20 Jahre ihres Lebens in der Altenpflege tätig war und infolge der überaus humanen Arbeitsbedingungen dort, flankiert mit ihrem ehrlichen Engagement, ihre Gesundheit gründlich ruinierte. Aus reiner Nächstenliebe beschloss ihr -sagen wir einmal klerikaler- Arbeitgeber, eine solch unpassende Mitarbeiterin mit dem allseits beliebten Mittel des Mobbings zu entsorgen wie ein Stück Haushaltsmüll. Wie in der Praxis allgemein üblich, gelang das edle Vorhaben ihres sowohl frommen wie auch von einer besonderen Sozialethik geprägten Arbeitsgebers auch zur Gänze, sodass das unglückliche Opfer dieses Unterfangens, dem Arbeitsmarkt wieder voll zur Verfügung stand. Dummerweise gelang es der physisch und psychisch lädierten Arbeitssuchenden in der Folgezeit trotz eifriger Bemühungen nicht, eine von diesen äußerst Idealismus bedürftigen Anstellungen mit einem Lohnniveau, das sich eher gegen Gotteslohn orientierte, bei ähnlich humanistisch strukturierten Institutionen zu finden. Wie weitgehend empirisch für in Not geratene Singles belegt, endete die Reise bei der Suppenküche, die man gewöhnlich in der BRD als Hartz IV bezeichnet. Hier sei ergänzend erwähnt, dass die volle Fürsorge des Staates hauptsächlich eher ehrliche und wirklich bedürftige Leute traf, da das durchdachte Sozialsystem für gesunde und betrügerisch eingestellte Zeitgenossen zahlreiche Möglichkeiten der Leistungserschleichung bot. So sah nun die Situation für unsere ehemalige Altenpflegerin aus, als aufgrund der anonymen Anzeige sich der erfahrene Sozialermittler Frederique Insistorius -von seinen sensiblen Kollegen auch liebevoll ‚Asi-Jäger‘ genannt- dem Fall mit dem ihm eigenen Elan widmete. Unser Philip Marlowe stand nun im Konfirmandenanzug und hornmäßig bebrillt mit seinem schweinsledernen Aktenköfferchen vor der Tür der Villa von Agrippina Medea, der standesbewussten Vermieterin des Subjekts seiner Inquisitionen. Mit einem energischen Knopfdruck betätigte der eifrige Oberamtmann die Türklingel.
Nach einiger Zeit ertönte eine wohltönende, männliche Stimme aus der aufwendigen Gegensprechanlage.
‚Treten Sie bitte zwei Schritte zurück, damit ich Sie besser sehen kann.‘
Der Angesprochene tat wie ihm geheißen, verlor aber dabei fast das Gleichgewicht, da er sich in bedenklicher Weise dem oberen Treppenabsatz näherte. Nach einem kurzen, aber sehr kultivierten, Lachen fuhr die gepflegte Stimme aus dem Äther fort.
‚Betteln und hausieren sind hier verboten. Nun entfernen Sie sich vom Grundstück oder ich lasse Sie von der Polizei aufgreifen!‘
Die missverstandene Beamtenseele beeilte sich, Licht ins Dunkel zu bringen.
‚Entschuldigen Sie bitte, Oberamtmann Insistorius. Ich habe einen Termin mit Frau Medea.‘
‚Ach der Fuzzy, äh Herr, vom Sozialamt. Warten Sie bitte eine Minute, ich lasse Sie gleich herein.‘
Nach einer guten Viertelstunde öffnete ein äußerst attraktiver Mittdreißiger in einem geschmackvollen Markenanzug das gut gehütete Portal. Das Outfit des dynamischen Sozialermittlers mit einem despektierlichen Grinsen musternd, gewährte der Torwächter gnädig Einlass.
‚Kommen Sie guter Mann! Ich bringe Sie ins Arbeitszimmer, folgen Sie mir einfach.‘
Nach einiger Zeit betrat das ungleiche Paar eine mit Marmor geflieste Örtlichkeit, die von einem reich verzierten Schreibtisch nebst Stuhl im Empirestil dominiert wurde. In einigem Abstand dazu befanden sich einige schlichte Holzstühle, die als Sitzmöbel für etwaige Bittsteller und Klienten dienten.
‚Bitte setzen Sie sich da hin, guter Mann. Meine Frau kommt sofort.‘
Unser Vorstadt-Adonis vollführte mit ausgewählter Ironie eine einladende Geste. So viel Großmut nicht widerstehen könnend, platzierte sich der flexible Staatsdiener zur schlecht verborgenen Erheiterung seines Gastgebers umständlich auf dem wohl bescheidensten Exemplar der spartanischen Gästemöblierung.
‚Ich verlasse Sie jetzt, guter Mann! Ich möchte Sie jedoch darauf aufmerksam machen, nichts anzufassen oder versehentlich Wertgegenstände in Ihren Taschen zu deponieren; dieser Raum wird videoüberwacht!‘
Während der nächsten halben Stunde harrte der tapfere Sozialermittler mit seinem breiten Gesäß auf seiner bescheidenen Sitzgelegenheit aus, um dann den imposanten Einzug der Herrin des Hauses beizuwohnen. Beim Anblick der ersehnten Zielperson, einer recht agilen Dame, deren unscheinbares Äußeres auf ein Alter von knapp über 60 Jahren schließen ließ, erhob sich Insistorius wie ein kleines Springteufelchen und reckte zum Gruße seine rechte Hand.
‚Sehr erfreut, gnädige Frau. Oberamtmann Insistorius, zu Ihren Diensten.‘
Die vornehme Hausdame wiederum schenkte unserem Mann ein belustigtes Upper-Class-Lächeln - jenem Ausdruck von unendlicher Herablassung gemischt mit einer Spur Mitleid - seine ausgestreckte Hand geflissentlich übersehend und verbrachte ihren Körper recht majestätisch hinter den exquisiten Schreibtisch. Der höchlich erstaunten Beamtenseele nur geringe Beachtung schenkend, betätigte sie das interne Kommunikationssystem.
‚Paris, bitte eine Kännchen Kaffee mit Milch und Zucker.‘
‚Jawohl, mein geliebter Schatz.‘
Huldvoll wandte sich Medea dem immer noch stehenden Apparatschik zu.
‚Na setzen Sie sich doch, Sie Regierungsrat.‘
Unser Sozialbetrugsexperte hatte sich derweil einigermaßen gefangen und beeilte sich der Anweisung Folge zu leisten.
‚Vielen Dank Frau Medea. Für mich aber bitte keinen Kaffee. Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir einen Tee zu bestellen?‘
Den Wunsch des geschätzten Gastes ignorierend, fuhr die Grande Dame fort.
‚Kommen wir zu Sache, mein Lieber. Sie haben mir ja schon am Telefon verraten, dass Sie wegen dieser Henot kommen! In der Angelegenheit verbindet uns quasi ein gemeinsames Interesse. Also wie kann ich Ihnen helfen?‘
Der Ermittler hob gerade zu einer Antwort an, als die bessere Hälfte der aristokratischen Vermieterin eintrat und das gewünschte Gedeck professionell auf dem Schreibtisch servierte. Der getreue Ehemann füllte routiniert die dazugehörige edle Tasse mit einem liebevollen Lächeln, das gewöhnlich bei erfahrenen Gigolos durch ein hohes Trinkgeld für geleistete ausgelöst wurde.
‚Danke Paris, Du kannst gehen!‘
‚Ich bin immer

Möge auch dieses Machwerk unterhaltsam sein!

Veröffentlicht / Quelle: 
Nonsense_1_DR

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Kommentare

07. Feb 2020

Das Armen-Pack braucht eine harte Hand!
(Denn denn geht's voran mit unsrem Land ...)

LG Axel

08. Feb 2020

Der größte Lump im ganzen Land, das ist der Denunziant. Heine.
Sehr gerne gelesen.
HG Olaf

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