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Story VII: Gerechtigkeit - Page 3

Bild von Q.A. Juyub
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Sie sich bitte ab jetzt auf meine Fragen mit einem klaren ‚Ja‘ zu antworten.‘
‚Sie können also bestätigen, dass Frau Henot sich monatelang nicht in ihrer Wohnung aufhält?‘
‚Ja‘
‚Sie haben Frau Henot regelmäßig in Begleitung eines offensichtlich mit ihr liierten Mannes gesehen?‘
‚Ja‘
‚Nachdem ich Sie nun näher kenne, können wir den Prozess eigentlich abkürzen. Ich werde Sie übermorgen auf meine Dienststelle bitten, um eine Eidesstattliche Versicherung zu unterzeichnen, die ich für Sie aufsetze. Sie können doch ihren Namen schreiben? Ansonsten können Sie auch ihr Zeichen malen!‘
‚Ja Name, schaffe ich.‘
‚Gut! Ich plane morgen einen Überraschungsbesuch bei der Henot, um der Betrügerin endgültig das Handwerk zu legen. Sie informieren mich, wenn die Dame anwesend sein sollte. Haben Sie hierzu noch irgendwelche Fragen?‘
‚Kein Fragen, Herr Ober. Aber Henot immer in Wohnung. Ist wegen Krücken, kann nicht raus.‘
‚Hervorragend, mein streng riechender Freund. Sie stehen morgen ab sieben Uhr den ganzen Tag vor der Außentür abrufbereit, da ich Sie als Zeuge benötige. Solche besorgten Bürger wie Sie brauchen wir! Immer wachsam und schön aufpassen!‘
Mit stolz geschwellter Brust blickte Diddi der Besorgte in seiner Duftwolke dem sich eilig entfernenden Sozialermittler nach. Wie schön es doch war, seine befohlene Pflicht zu tun.
Am Abend eines gelungenen Tages betrat der schneidige Sozialinquisitor sein Büro, das er sich mit seinem wenig geschätzten Kollegen, dem Amtmann Friedrich Spee, teilte. Zu des Oberamtmannes Unmut war der noch anwesend.
‚Na Insistorius, wieder einmal einige arme Schweine fertiggemacht?‘
‚Was erlauben Sie sich Spee? Ich tue meine Pflicht und führe nur Befehle aus! Irgendjemand muss ja schließlich solche Parasiten ausmerzen! Sie sind ja nur damit beschäftigt, dieses Pack mit unseren Geldern zu mästen. Sie und Ihre sogenannte Menschenwürde, lächerlich.‘
‚Davon halten Sie ja nicht viel, obwohl Sie vermutlich auch ein Mensch sind. Übrigens Insistorius, ich habe da einige Ungereimtheiten bezüglich von Ihnen bearbeiteter Sozialbetrugsdelikte gefunden. Wir sollten vielleicht darüber reden?‘
‚Vorsicht Spee! Sie werden mir meine Kopfprämie, äh ich meine natürlich die Leistungszulage nicht versauen! Oberregierungsrat Torquemada hat sowieso wegen Ihres andauernden Humanitätsgewinsels ein Auge auf Sie geworfen. Sie wissen, dass wir unsere Direktiven ganz von oben haben und da werden Querulanten ganz schnell auf die eine oder andere Art beseitigt. Sie wissen doch: Wer zu hoch fliegt, den verbrennt die Sonne.‘
Mit einem siegessicheren Lächeln voller Häme betrachtete der sozialpolitische Vollstrecker seinen gewissenhaften Kollegen.
‚Ich glaube, ich mache Schluss für heute, sonst muss ich mich noch übergeben.‘
Schnell und angeekelt verließ Spee die Stätte sozialamtlichen Wirkens.
‚Unglaublich, dass der Kerl mein Stellvertreter ist!‘
Der eifrige Beamte schüttelte mit einer widerwilligen Geste das Haupt und bereitete voller Vorfreude die morgige Überraschungsparty vor.
Um 12 Uhr mittags am Folgetag sammelte der mit einem Mundschutz bewaffnete, emsige Sozialermittler den geduldig wartenden Heinrichs auf.
‚Sehr gut Herr Heinrichs. Hinsichtlich Ihrer außerordentlichen Kooperationsbereitschaft ernenne ich Sie hiermit zum Unterhilfssozialsheriff für die Dauer dieses Einsatzes.‘
Hocherfreut schossen dem so beförderten vor Rührung die Tränen in die Schweinsäuglein.
‚Danke Meister Oberführer, ich tun Pflicht wie befehlen.‘
‚Dann einmal los: Legen wir diesen Sumpf des Verbrechens trocken! Diddi hol den Fahrstuhl!‘
‚Geht nicht, Chef. Fahrstuhl drei Monate kaputt, obwohl Firma von Chefin für teures Geld repariert, aber Mieter zahlen. Müssen Fuß gehen, aber Henot nur zweiter Stock. Weiß ich, kann bis drei zählen.‘ Eine gute halbe Stunde und einige Atemnotanfälle des Oberermittlungsbeamten später erreichten die beiden munteren Gesellen den Eingang zur Höhle des Lasters. Vom Jagdfieber gepackt, betätigte der dynamische Oberamtmann die Wohnungsklingel und wartete circa 30 Sekunden.
‚Typisch für das Gesindel! Heinrichs klopfen Sie einmal!‘
Der ließ sich nicht lange bitten und hämmerte mit seinen groben Fäusten gegen die Wohnungstür.
‚Geheime Sozialpolizei. Aufmachen, sofort!‘
Kurze Zeit später wurde dem höflichen Wunsch auch entsprochen und zum Vorschein kam eine unscheinbare, aber gepflegte Frau mittleren Alters, die sich mühsam auf ihren Gehilfen abstützte.
‚Sie spinnen wohl, Sie Haus- und Hofmeister! Wer sind Sie denn überhaupt?‘
‚Oberamtmann Insistorius, Sozialbetrugsdezernat. Zur Seite bitte!‘
Der nassforsche Diener des Staates drängte sein gehbehindertes Opfer, das nur mit Mühe sein Gleichgewicht zu bewahren vermochte, unsanft zur Seite und betrat, seinen Assistenten im Schlepptau, die saubere, aber bescheidene Behausung.
‚Sie können hier doch nicht einfach eindringen, ich rufe die Polizei!‘
Verwundert nahm der inquisitorische Investigator den unerwarteten Widerstand zur Kenntnis. Was, eine selbstbewusste Sozialhilfeempfängerin? Nein, nein, das durfte nicht sein!
‚Ja, ich kann. Falls Sie weiterhin eine Verweigerungshaltung an den Tag legen, alarmiere ich meine Freunde und Helfer von der Polizei, die dann geeignete Maßnahmen bei Ihnen anwenden werden!‘
‚Jau Polizei, mit Gummiknüppel und Stromgerät!‘
‚Hilfsdetektiv Heinrichs, reden Sie bitte nur nach Aufforderung und beschränken Sie sich darauf, meine Anweisungen auszuführen.‘
‚Jawohl, Oberführer Chef!‘
Obwohl Katharina eine couragierte Frau war, hatte doch ihr miserabler physischer und psychischer Zustand seinen Tribut gefordert.
‚Zeigen Sie mir zumindest Ihren Ausweis.‘
Widerwillig hielt der Sozialermittler für einige Sekunden das gewünschte Dokument hoch, um dann seinen Überfall fortzusetzen.
‚Aufsässigkeit nützt Ihnen hier überhaupt nichts, das macht alles nur schlimmer. Frau Henot, Sie werden beschuldigt im Bunde mit dem Teufel zu sein und verbotene, heidnische Rituale…‘ Sorry Freunde, wieder der falsche Film – mmh, wie komme ich nur darauf? Also dann nach dem Drehbuch:
‚Frau Henot, Sie werden beschuldigt, sich des schweren Sozialbetrugs schuldig gemacht zu haben. Am besten Sie gestehen jetzt sofort, dann ersparen Sie uns allen Mühe. In diesem Falle sehe ich vielleicht, falls Sie mich demütig um Gnade bitten sollten, von einer Strafanzeige ab. Also, was haben Sie mir zu sagen?‘
‚Was wollen Sie von mir, was soll ich denn getan haben?‘
‚Das wissen Sie ganz genau! Außerdem ist das eine laufende Ermittlung, da werde ich Ihnen keine Auskunft geben!‘
Enttäuscht hatte Insistorius seinen Blick in der aufgeräumten Wohnung, die aber deutliche Spuren einer stetigen Benutzung aufwies, schweifen lassen. Endlich haftete sein Blick auf einer billigen Wanduhr, die offensichtlich stehen geblieben war.
‚Ha, auf frischer Tat ertappt! Was ist denn das da?‘
‚Bitte, was meinen Sie denn eigentlich?‘
‚Tun Sie nicht so unschuldig! Die Uhr steht! Das ist der Beweis, dass Sie diese Wohnung nur als Tarnung aufrechterhalten. Gestehen Sie jetzt und Sie kommen mit einer Gefängnisstrafe davon!‘
Völlig entgeistert sah Katharina erst die bewusste Uhr und dann den gerechtigkeitsliebenden Beamten an.
‚Ich hatte kein Geld mehr für Batterien, ich habe alles für Lebensmittel gebraucht.‘
‚Jau die Asis: Fett, faul und gefräßig!‘
‚Heinrichs, was habe ich gesagt? Aber danke! Leugnen Sie nicht, Sie sind überführt. Gestehen Sie endlich!‘
Katharina war am Ende Ihrer körperlichen und geistigen Kräfte. Möglicherweise lag dies auch an ihrer unfreiwilligen Diät der letzten Zeit, da die Wohltaten des Staates bei steigenden Lebensmittelpreisen nur eine karge Kost zuließen. Die ganze Situation kam ihr mit einem Mal nur noch surreal vor, sodass sie sich wie eine Zuschauerin eines absurden Theaterstückes fühlte.
‚Sie schweigen! Wenn das kein Schuldeingeständnis ist! Heinrichs, Sie durchsuchen jetzt die schmutzige Wäsche der Sozialbetrügerin nach Männerspuren!‘
Grinsend machte sich das Hilfsmitglied der geheimen Sozialpolizei daran, Wäschekörbe auf dem Boden zu entleeren und die entstandenen Häufchen zu durchwühlen. Besonders interessierte ihn dabei die Unterwäsche der Schwerverbrecherin, an der dann auch genussvoll schnupperte.
‚Oberführer, keine Spuren. Hinterhältige Verbrecherin!‘
‚Wo haben Sie die Sachen Ihres Liebhabers versteckt? Das wir nichts finden, kann ich nur als weiteren Schuldbeweis betrachten. Erleichtern Sie Ihr Gewissen und gestehen Sie.‘
Als Katharina ihre Inquisitoren betrachtete, bemerkte Sie, mit welch lächerlichen und aufgeblasenen Zeitgenossen Sie es eigentlich zu tun hatte. Normalerweise war unsere Verdächtige von zurückhaltendem und freundlichem Wesen, aber das Groteske der ganzen Situation ließ sie einfach lauthals auflachen. Diese unerwartete Reaktion brachte den eifrigen Jäger -seinem Schergen fehlten die kognitiven Fähigkeiten für solche Feinheiten- völlig aus dem Konzept. Bisher genoss er die Situation ganz außerordentlich und sah schon freudig dem erwarteten Zusammenbruch seines Opfers entgegen. So fiel die kleine Wölbung, die seinen Schritt ausgefüllt hatte, nun kläglich in sich zusammen.
‚Ihre kriminelle Energie wird Ihnen noch vergehen. Ich habe genug gesehen! Ihre gesamten Bezüge sind gestrichen! Ich werde Sie von der Polizei arrestieren lassen wegen Verdunkelungsgefahr. Kommen Sie Heinrichs, verlassen wir diese Räuberhöhle! ‘
Wie viele kleingeistige und intolerante Naturen verunsicherte das Unerwartete den jagdfreudigen Sozialermittler zutiefst. Vom schallenden Gelächter der Delinquentin begleitete, beeilten sich der Jäger und sein, wenn auch etwas räudiger, Dackel den Schauplatz ihrer Heldentat zu verlassen. Schließlich gewann unser Archetyp eines deutschen Beamten im übelriechenden Treppenhaus seine Contenance wieder.
‚Heinrichs, Sie bezeugen mir alles! Ich habe schon eine eidesstattliche Versicherung vorbereitet, die ich noch verschärfen muss. Sie kommen zum Unterzeichnen morgen zu mir ins Amt!‘
‚Jawohl, meine Oberführer!‘
Voller Zuversicht und wieder energiegeladen betrat Insistorius die Treppe und rutschte beim Betreten der zweiten Stufe auf einer vorher nicht vorhandenen Bananenschale aus. Bevor er den Vorgang richtig realisierte, brach er sich das Genick und starb einen schnellen Tod.
Der Rest ist schnell erzählt: Friedrich Spee als Vertreter des Verstorbenen erbte den Fall der Katharina Henot und stellte das Verfahren unauffällig ein. Paris der Schöne beendete am bewussten Todestag seine Beziehung mit Medea unter Zuhilfenahme einer Packung Rattengifts im Kaffee der geliebten Ehefrau. Katharina durfte sich weiterhin an den Wohltaten des Sozialstaats erfreuen und blieb vorerst in ihrer bescheidenen Behausung wohnen.
Einen Nachtrag für die Anhänger der Reinkarnationslehre (Buddhisten, Pythagoräer u.ä.) unter uns hätte ich da noch:
Unsere sympathischer Sozialermittler wurde seinem Karma gemäß als Schmeißfliege wiedergeboren und anschließend von Medea, die natürlich als gefräßige Spinne in ihr nächstes Leben schlüpfte, gefressen.
Wenn ihr jetzt glaubt, ich hätte mit meiner Geschichte übertrieben, so seid versichert, dass ich einen ähnlichen Fall beobachten konnte; der ging aber nicht so gut aus.
Tja, Talleyrand sagte einmal: ‚Schlimmer als ein Verbrechen ist eine Dummheit.‘ In Deutschland ist es ohne Zweifel schlimmer als ein Verbrechen, arm und ehrlich zu sein.

Möge auch dieses Machwerk unterhaltsam sein!

Veröffentlicht / Quelle: 
Nonsense_1_DR

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Kommentare

07. Feb 2020

Das Armen-Pack braucht eine harte Hand!
(Denn denn geht's voran mit unsrem Land ...)

LG Axel

08. Feb 2020

Der größte Lump im ganzen Land, das ist der Denunziant. Heine.
Sehr gerne gelesen.
HG Olaf

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