Gefährlicher Sommer (Teil 7) - Page 5

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und könne darüber hinaus durch Gips blicken.
„Sie hätte sich gestern fast zu Tode erschrocken, als Knut zu brüllen anfing. Betet zu Gott, dass sie eure Schandtat für sich behält und Anita und Agnes damit verschont. Sonst habt ihr in diesen Ferien nichts mehr zu lachen. Und seid dankbar dafür, dass die bei­den alten Mädchen offenbar auf ihren Ohren sitzen oder halb taub sind; denn welcher normale Mensch stellt sein Fernsehgerät dermaßen laut, dass selbst die Hühner im hinteren Winkel des Hofes die Sendungen, zumindest akkustisch, mitverfolgen können. Deshalb sind die dummen Viecher morgens auch immer so müde, dass sie von den Stangen purzeln.
Der letzte von ihr vorgebrachte Satz schien sie aus ir­gendeinem Grund von neuem zu erheitern, ein wei­terer Lachkrampf kündigte sich an, als wir auf dem Flur flinke, energische Schritte hörten: Oma? Tan­te Agnes? Frau Brandner? Ich wurde augenblicklich nervös und spürte, wie sich kalter Angstschweiß unter meinen Ponyfransen zusammenbraute. Meine Augenlider begannen zu flattern, als wollten sie davonschweben. Leni schob mich kurzerhand in den Vorraum und schloss die Tür hinter mir. Im sel­ben Moment kam jemand aus der Ecke auf mich zugestürzt, packte mich am Kragen meiner frisch gestärkten weißen Bluse, und schleppte mich quer über den Hof zum Ententeich. Meine Beine, die ahnten, dass etwas Lawinenartiges auf mich zurollte, zitterten wie Efeublätterchen im Wind. Noch nicht mal Omas hochgelobtes Zuckerei ist in der Lage, solche Schwächen zu verhindern, dachte ich voller Geringschätzigkeit. Ich wagte nicht, in Knuts Gewittermiene zu blicken. Ohne vorheri­ge Gerichts­verhandlung warf er mich in die eklige, stinkende Enten­grütze, in das grünbraune, breiige Wasser, in diese jauchige Ur­suppe. Anfangs stand mir die Gülle ja nur bis zur Hals, und ein paarmal ver­schluckte ich mich und stieß lächerliche Luftblasen aus, aber dann versank ich im Moder – samt Augen, Nase und Mund. Ich wollte schreien, aber mein Mund war voller Schlamm, und ich hatte keineswegs die Absicht, mir noch mehr von diesem ekligen Un­rat einzuverleiben. Ein paar Sekunden später sackten meine Füße in den tiefen, breiigen Grund. Ich hatte vor lauter Schreck das Schwimmen verlernt, das ich ohnehin nicht besonders gut beherrschte.
Na warte, Leni, wenn du mich absichtlich aus­geliefert hast, dann bist du geliefert, dachte ich während der schrecklich­sten Sekunden meines Lebens.

Sei froh, Christine, dass dir das erspart blieb. Sämtliche Enten, die bis dahin friedlich gegründelt hatten, rissen sich erschrocken vom Teich los, erhoben sich geräuschvoll in die Lüfte, und er­griffen die Flucht. Ich sah nur noch Grün! Das Wasser, das die Temperatur von abgestandenem Spülwas­ser hatte, stank modrig und faul. Und ich mittendrin! –, umlagert vom aufge­wühlten Schlamm und zu den drahtigen Schläuchen der See­rosen tau­chend, zu den alles überwuchernden Wurzeln der Wasserlinsen, die sich besitz­ergreifend um meine Beine schlangen, hinabstürzend zu den ap­felgrünen Blatt­schwertern der Lilien, niederwärts zu den zahllosen Schling­pflanzen, deren Myriaden von Fäden mich in die dunkle, schlickige Tiefe rissen – in die mysteriöse Welt der schwarzgrünen Ur-Farne und fauligen Armleuchteralgen, die von Rechts wegen das Wasser längst hätten verlassen müssen, um sich auf dem Land wei­terzuentwickeln. Offenbar hatten sie noch immer nicht geschnallt, dass das trockene platte Land jede Menge Vorzüge ge­genüber dem Wasser vorzuweisen hat, nämlich Licht in Hülle und Fülle und Kohlendioxyd im Überfluss. Ver­mutlich stammten diese fossilen Wenigzeller noch aus dem Kambrium.
Am schlimmsten waren die Ratten: Groß, fett und schwarz kamen sie auf mich zugerudert, um mich zu aufzufressen. Ich war der Ohnmacht nahe. Wenn ich jetzt stürbe ... Das würde Knut sich niemals verzeihen. Das stand auch in keinem Verhältnis zu unserer „Tat“.
Obgleich ich die Lippen fest zusammengepresste, schoss mir das suppige Wasser in den Rachen, und ich verschluckte ganze Portionen von dem Teufels­zeug, das sich im Tümpel ver­krochen hatte und meinen Hals passierte wie wässri­ger Kartoffelbrei. Mir kroch ein scharfer, fauliger Geruch in die Nase, und ich konnte nicht verhindern, dass die unheilvolle Brühe über meinen Kopf schwappte. Voller Panik ruderte ich mit den Armen, würgte Wasserflöhe, spie Ruderwanzen, hustete Kaulquappen, paddelte mit den Bei­nen. Vergebens – ich sackte immer tiefer in die schlammige Dunkelheit.
Als ich endlich wieder auf­tauchte, klebten die blattartigen Glieder der grünen Wasserlinsen überall an meinem Körper. Sie ver­kleisterten meine Augen und machten es sich in meiner Nase bequem. Ich bekam kaum noch Luft und rang ununterbrochen nach Atem. In meinem Haar hingen Tausendblätter, Wasser­pest und meterlange Armleuchteralgen, die, wie ich aus den Au­genwinkeln feststellen konnte, sich auf meinem armen Haupt ganze Nester errichtet hatten. Sie fielen wie schleimige Silvesterschlangen auf meine Schultern herab: der er­bärmliche Schmuck einer Modernixe!
Hoffentlich verwechseln Oma und Opa mich nicht mit einem versifften Christbaum, war mein erster Gedanke an Land.

Ich spuckte kotiges Wasser und schwärzlichen Schlamm, schnappte wieder und wieder keuchend nach Luft und erbrach mich unter Hustenan­fällen, die mir fast die Brust zerrissen. Meine Ohren dröhnten und mein aufgebrachter Magen fühlte sich an, als sei er in eine der Milchschleudern geraten, die im Gerätehaus lagern. Der modrige Schlick klebte wie Leim an meiner Kleidung – ich paddelte Richtung Küste.

Knut stand am Ufer und sah mir wortlos zu, als gäbe ich eine Extra-Vorstellung für kleine Gutsverwalter (eigentlich hätte er dafür bezahlen müssen). Von seinem Gesicht war keiner­lei Regung abzulesen. Er sah mir gelangweilt entgegen, obwohl ich hart an der Grenze zum Versumpfen gewesen war. Immerhin hatte ich den Ratten und dem Tod ins Auge geblickt. Ich wäre beinahe ertrunken.

Endlich rührte sich der Herr Inspektor und stiefelte mir in seinen wasserdichten, kniehohen Gummistiefeln entgegen. Er hielt mir gnädig seine riesige Pran­ke hin und sagte in einem ekelhaft bedauernden Tonfall:
„Mensch, Katja, bist in den Enten­teich gefallen? Das tut mir aber leid.“ Dabei blickte er keine Spur spöttisch, nur wahnsinnig ernst, was man gar nicht von ihm kennt, und verzog keine Miene, als hätten wir Wunder was Schlimmes verbrochen.
Kaum, dass ich der stinkenden Brühe entronnen war, und mich von den heimtückischen Lianen einigermaßen befreit hatte, legte unser alter Freund seine knotige schwere Hand auf meine geschwächte Schulter und lenkte mich unsanft über den Hof zur Veranda. Ich stolperte neben ihm her.
Heiner lief uns entgegen und feixte: „Knut, alter Junge, hast dir 'ne Braut außem Tümpel geangelt? Willst jetzt bei Edmund und Anita um ihre Hand anhalten?“
„Alter Narr!“, brummte Knut. Ich glaube, ich wurde ziemlich rot unter all dem Grün­zeug.

„Zieh dir die Schuhe aus, Katja. Die sind ja voller Entenflott. So kannst du doch nicht über die Teppiche von der Gnä­digsten latschen“, brummte mein Peiniger.
Ich zog wortlos meine nagelneuen, ehemals weißen Mokassins aus und kippte die Brühe in den grauen Staub. Wir marschierten schwei­gend durch den Saal. Knut klopfte an die Wohnzimmertür und schob mich hinein.
„Anita“, sagte er zu Oma, die die Hände über den Kopf zusammenschlug, als sie mich erblickte, „Katja ist in den Teich ge­fallen. Richte sie doch bitte so her, wie sie vorher ausgesehen hat. Mit der En­tengrütze im Haar gefällt sie mir über­haupt nicht.“
Aus den Augenwinkeln, unter entengrünen Wimpern, nahm ich wahr, dass er Opa hef­tig zuzwinkerte.
Mutti sagte zu allem Überfluss: „Ich dachte immer, einzig und allein kleine Kinder und Be­trunkene fallen ins Wasser. Man darf dich keine Sekun­de lang aus den Augen lassen, Katja.
Tja, wie man sich doch täuschen kann, lag mir ziemlich weit vorne auf der Zunge; aber Opa warf mir einen warnen­den Blick zu, als habe er meine aufmüpfigen Gedanken erra­ten. Ich begnügte mich damit, eine Grimasse zu schnei­den. Nur gut, dass im letzten Jahr das Zuckerei noch ohne Alkohol gewesen ist. Sonst hätten sie ge­wiss dem Rotwein und der guten Leni die Schuld gegeben. Aber das weißt du ja schon alles, olle, arme, liebe Christine. Ich habe es dir an die zwanzig Mal schildern müssen – bis selbst ich, das be­dauernswerte Opfer, darüber lachten konn­te.
Diesmal blieb mir nicht anderes übrig, als den Pyjama-Streich alleine auszu­führen. Bin gespannt, wie Kröger sich verhält. Vielleicht lernen wir ihn da­durch erst richtig kennen. Bis jetzt war er ja das reinste Pokerface.

Tief in Gedanken versunken, hatte ich gar nicht bemerkt, dass meine ketzeri­sche Näharbeit längst beendet war. Hastig sprang ich auf, legte den Pyjama ähnlich auf den Boden zurück, wie ich ihn vorgefun­den hatte, und warf einen letzten Kontrollblick in die Runde. Die meterbreiten Wände zwischen den hohen Fenstern waren mit alten Kupferstichen und düsteren Ölbildern deko­riert, auf welchen, nahezu zwanghaft, immer die gleichen Motive prangten: stahlgraue herbstliche Himmel, dickliche Herren im Jägergewand, hechelnde Schweißhun­de. Und zu deren Füßen: erlegtes Wild mit glasigen Augen.

Als ich den Raum verlassen wollte, erschrak ich heftig vor einem ausgestopf­ten Eber­kopf, der neben der Türe hing. Er bleckte seine gewaltigen Hauer und starrte mich aus waidwund lackierten Glasaugen vorwurfsvoll an. Ich sah schleunigst zu, dass ich aus dem Zimmer kam.

Die Armleuchteralgen (Charophyceae oder Charales), die ganz am Schluss dieses Kapitels auftreten, sind eine weltweit verbreitete, phylogenetisch urtümliche Organismengruppe von Wasser„pflanzen“. Armleuchteralgen werden zwar manchmal zu den Grünalgen gezählt, haben mit diesen aber nur die Assimilationspigmente und Reservestoffe gemein. Ihr Habitus ähnelt eher höheren Blütenpflanzen (vor allem dem Hornblatt, Ceratophyllum). Mit ihrem Aufbau und ihren Fortpflanzungsorganen stehen Armleuchteralgen im System der heutigen Lebewesen als eine isolierte Gruppe. Phylogenetisch betrachtet gelten sie als Schwestertaxon der Pflanzen. Der wissenschaftliche Name wurde vom lateinischen chara (= eine bestimmte Knollenfrucht von bitterem Geschmack) abgeleitet. Diesen hat Carl von Linné im Jahr 1763 geprägt. Ihren deutschen Namen verdanken sie der Anordnung der Quirläste und der darauf sitzenden Gametangien; diese erinnert an einen vielarmigen Kerzenleuchter (aus Wikipedia).

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Interne Verweise

Kommentare

07. Aug 2017

Stets bleibt der Leser voll dabei -
Quasi vom ersten Hahnenschrei!
(Das Schlamm-Bad gefiel Krause gut -
Bei Wasser kriegt sie ständig Wut ...)

LG Axel

07. Aug 2017

Dank, Axel, dir, für deinen Kommentar,
die krause Bertha auch im Schlammbad war?
Das ging ihr wohl gerade nur bis an die Knie.
Versinken im Morast hingegen wird die Krause nie.

LG Annelie

07. Aug 2017

Dieser Hahnengesang!!! ... und auch sonst, vor allem die Collage, du hast Talent und eine blühende Phantasie, Annelie.

Liebe Grüße - Marie

07. Aug 2017

Liebe Marie, ich gebe zu, dass ich mir einiges "aus den Fingern gesogen" habe. Aber Leni darfst du dir genauso vorstellen, wie ich sie geschildert habe - im übrigen auch dieses Jagdzimmer, und die Hosenbeine und Ärmel eines gutverwalterlichen Schlafanzugs haben Christine und ich tatsächlich einmal zugenäht. Allerdings fiel die Rache nicht ganz so fies aus. Danke dir ganz herzlich fürs Lesen.

Liebe Grüße und einen wunderschönen Tag,
dort, wo du gerade weilst,

LG Annelie

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