Via Milano, Cagliari

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Weiße Straße, ruhig blinzelnd in dem spitzwinkligen Licht der Sonne dieses frühen Morgens.

Vernehmlich gähnend öffnet sich hier und da ein Rolltor, hervor schwallt die Kühle der Nacht, sich entgegenzudehnen dem, was ein heißer Tag zu werden gedenkt – ein weiterer in einer flimmernden Kette.

Noch erschöpft von der gestrigen Glut stellt der Fruttivendolo - geschäftig, wie bei uns die Türken - die Gemüsekisten neben das Obst. Gegenüber, vor dem Café, bespricht der Barista Geheimes mit dem Postboten. Noch verschlafen, vielleicht schon wieder?, wechselt der Metzger auf dem Gehweg das Tuch vor seinem Bauch. Breit lächelnd verbeugt er sich tief vor seiner wohl besten Kundin, der ersten für heute.

Neben dem Alimentari mit seinen leckeren Käsesorten ist die Parrucchiera noch allein; neulich, bei Stromausfall, saßen ihre Kundinnen mit den Lockenwicklern nebeneinander aufgereiht vor der Tür in der Sonne, in ihre Zeitschriften vertieft.

In dem grünen Zeitungskiosk am Ende der Piazza Cambosu, diesem kleinen, dreieckigen Platz, eingezwängt zwischen der Via Milano, der großen Via della Pineta mit dem Kino, der Reinigung und all ihren anderen Ladenlokalen, und der kurzen, verbindenden Via Livorno mit dem feinen Geschäft mit Babymoden und Kinderspielzeug neben dem Fischladen, füllt man das Glas auf, dessen billige Bonbons das fehlende Wechselgeld ersetzen werden - oder darfs ein Päckchen Streichhölzer sein?

Schon den Morgen umweht Gespannt-Festliches, Vorfreude auf den Tag und die mittägliche Siesta, die träge den dort noch lautstark aufflammenden Händeln der Spatzen lauscht. Im übermannshohen Busch im Garagenschatten lässt sich Hitze baumharzzäh von Adventsstern zu Adventsstern tropfen.

Dann schöpft alles Atem für den zweiten Akt, das furiose Finale, den panischen Wettstreit der Hupen und Stimmen, dem späten Kinderlachen, der hektischen Flucht in die nächste heiße Nacht mit ihren Fieberträumen.

noé/Aus längst vergangenen Zeiten ...

Wörterbuch (die Akzente dienen nur der Verdeutlichung der Betonung):
Cágliari = Hauptstadt von Sardinien (Káljari)
Fruttivéndolo = Obst-und Gemüsehändler
Barísta = Cafébetreiber
Alimentári = Lebensmittelladen
Parrucchiéra = Friseurin (Parrukjéra)

Oh ja, danach kann man Sehnsucht haben ...

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Kommentare

07. Dez 2015

Bunt Lebens - Bild dem Leser strahlt -
Sehr schön hast Du dies gemalt!

LG Axel